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Lasst sie doch reden: Zwei Filme zeigen die AfD unkommentiert

In den Dokumentationen "Volksvertreter" und "Eine deutsche Partei" kommen nur Abgeordnete der "Alternative" zu Wort.

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Nicht die Promis, sondern Politiker des Unterbaus wie Frank Hansel (l.) stehen im Zentrum des Interesses von "Eine deutsche Partei".
Nicht die Promis, sondern Politiker des Unterbaus wie Frank Hansel (l.) stehen im Zentrum des Interesses von "Eine deutsche Partei". © Spicefilm

Von Andreas Körner

Interviews, sagte Joseph Roth, seien die bequemen Mittel journalistischer Verlegenheit. Der österreichische Schriftsteller wusste, wovon er da mit zart-pikantem Unterton sprach, denn er war auch Tageszeitungen zu Diensten. Im zeitgenössischen (Kino-) Dokumentarfilm dienen Interviewsequenzen, je nach Ausrichtung und Genre, zumeist für Einordnungen, Relativierungen, im Grunde für die Betreuung des Publikums. Das geflügelte Wort der "sprechenden Köpfe" galt, bis sich im Zuge stärkerer Leinwandpräsenz und steigender Resonanz der direkte Zugriff auf Themen und Personen durchzusetzen begann. Der aufklärerische Ansatz wich mehr und mehr dem künstlerischen.

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Dort ist man beim Schauen sich selbst überlassen, weil die "Kommentarfunktion" fehlt. Und, wenn es ganz gut kommt, auch noch die Musik. Überraschend defensiv beworben und oft nur mit wenigen Einsätzen ausgestattet, sind jetzt zwei Streifen über die AfD in den deutschen Kinos zu finden, die als Langzeitbeobachtungen genau diesem künstlerischen "Direct Cinema"-Ansatz folgen: Andreas Wilckes "Volksvertreter" und Simon Brückners "Eine deutsche Partei". Während sich Ersterer im Selbstvertrieb seine Startplätze auf den Leinwänden mühsam erkämpfen muss, hat der Zweite wenigstens einen engagierten Verleih im Hintergrund.

Von der Flüchtlingskrise bis zu den Corona-Debatten

Sechs Kapitel für zwei Jahre Drehzeit, 110 Minuten Laufzeit für 500 Stunden Material – Simon Brückner, Jahrgang 1978, musste für "Eine deutsche Partei" die Ruhe bewahren. Seinen Zugang beschreibt er so: "Wenn ich von allem absehe, was ich über die AfD zu wissen glaube und es mir gelingt, dort als stummer Gast, weder Freund noch Feind, akzeptiert zu werden, was sehe ich dann eigentlich? Das, was alle erwarten? Oder etwas ganz anderes? Oder beides zugleich? Der Film formuliert keine abschließende Antwort, er ist kein Endergebnis, sondern ein Kondensat von Situationen und Erfahrungen."

Brückner saß von 2019 bis 2021, also in den Nachwehen der Flüchtlingskrise bis zum Höhepunkt der Corona-Debatten, in Autos und Konferenzräumen der AfD, war Zeuge im Wahl- und Grabenkampf, auf Demonstrationen und in Agitationen, ging auf Straßen, in den Wald, das Flutgebiet der Ahr und an (nicht in) das bosnische Flüchtlingslager Lipa, nach Berlin-Neukölln, Erfurt, Brandenburg, heftete sich an alte und junge AfDler, sah aus nächster Nähe Selbstinszenierungen, Posen und das Ringen um Inhalte und Image. Brückner beobachtet aufmerksam und gelassen, während die Gefilmten das ganze Spektrum an Reaktionen zeigen, die man gemeinhin mit Politik auf überregionaler wie lokaler Ebene und mit der AfD im Besonderen verbindet.

Keine billige Denunziation, kein plattes Vorführen

Dass keiner aus der Partei Mitsprache beim Schneiden hatte, ist eine im Grunde überflüssige Information, denn der Schnitt wird beim unkommentierten Dokfilm zum wichtigsten Mittel fürs Wichten. Weshalb man aber gerade in der AfD diese Nähe eines Außenstehenden zugelassen hat, bleibt eine spannende Frage. Simon Brückner montiert gleich am Beginn eine vorläufige Antwort hinein. Wenn das Aufgezeichnete "vielleicht 2022 oder 2023 ausgestrahlt wird", sagt ein AfD-Mitglied, "hat es keinen großen Wert mehr. Es steht ja nicht morgen im Spiegel." Dass es im Film keinerlei namentliche Zuordnung der Personen gibt, stört dann schon. Denn es geht hier eben nicht direkt um AfD-Prominenz namens Chrupalla, Weidel, Kalbitz, Gauland, Höcke, sondern um deren Unterbau.

"Eine deutsche Partei" vermeidet Denunziation und profanes Vorführen, bringt Absurdes neben Abstrusem, Situationskomisches neben Radikalem, Sinnfreies neben Steilvorlagen in jede Richtung. Nicht viel anders geht Andreas Wilcke für "Volksvertreter" vor. Nur setzt er eher ein – 2017, als die AfD bei der Bundestagswahl über zwölf Prozent der Stimmen erreicht hatte – und fokussiert sich auf vier Protagonisten und deren parteipolitisches, nie privates Umfeld. Der bissfeste Armin-Paul Hampel ist dabei, der Spring-ins-Feld Norbert Kleinwächter, der Ostdeutsche Enrico Komning und Bildungsbürger Götz Frömming. Zur Zeit der Dreharbeiten waren sie allesamt Bundestagsabgeordnete.

Worte, die zündeln und sprachlos machen

"Dokfilm ist Realität plus Kamera", sagt Regisseur Andreas Dresen, von dem selbst zwei launige Arbeiten über den einstigen brandenburgischen CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann stammen. Was Andreas Wilckes Kamera in über 100 Drehtagen wirklich bewirkt hat, wie sie als stille Zeugin Inszenierungen und Zufälligkeiten der AfDler neben eruptiver Präsenz von Twitter & Co. beförderte oder behinderte, ist spekulativ. Fakt bleibt, und daraus speist "Volksvertreter" seinen Reiz, ein nie aus dem Blick verlorenes Bewusstsein für Sprache in der Politik.

Und auch hier gilt: bei der AfD besonders. Worte, wenn sie zündeln und sprachlos machen. Banales, Berechnendes, Suggestives, Manipulierendes. Norbert Kleinwächter gibt da für die Kollegen schon mal den Coach und führt Atemübungen vor. Vergleichend zu zeigen, wie sich die Parteien für verbale Gefechte im Parlament rüsten, wäre ein anderer Film. Übrigens: Dass unkommentierte Dokumentarfilme ihr Publikum per se zwingen würden, sich mit dem Gezeigten auseinanderzusetzen, ist eine kaum haltbare These. Zwang ist nicht gesetzt. Die Option der rein informativen, gar nur unterhaltenden und zerstreuenden Rezeption ist stets gegeben.

Ein "Podium für die Falschen"?

Viele Kritiker dieser nicht-investigativen Form springen da gerade bei heiklen Themen auf wie Flummis. Gern wird vom "Podium für die Falschen" gesprochen, auch vom billigen "Salonfähigmachen". Das alles passiert. Bei den schlechten Arbeiten. Andererseits sind gelungene essenziell-analytische Filme, in denen der Urheber sicht- und/oder hörbar wird, wirklich selten geworden. Im Fernsehen sowieso, siehe Andreas Gräfensteins am Ende misslungenen "Der Fall Tellkamp". Den Verzicht auf kernige Interviews nicht zum bequemen Mittel künstlerischer Verlegenheit werden zu lassen, wäre fürs Kino zumindest ein Ziel.

"Eine deutsche Partei" läuft in der Schauburg, Dresden. Die aktuellen Einsatzorte von "Volksvertreter" sind auf www.volksvertreter.co zu finden

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