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Leipzig kauft Teile von Hitlers Wagner-Denkmal

Das nie fertiggestellte Monument der Moderne wird dokumentiert. Seine aufgetauchten Teile sollen helfen, Unliebsames „nicht länger“ zu verdrängen.

Sollte das dann nie fertiggestellte Richard-Wagner-Denkmal zieren: das Relief mit dem Schuhmacher Hans Sachs als Hauptfigur der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“.
Sollte das dann nie fertiggestellte Richard-Wagner-Denkmal zieren: das Relief mit dem Schuhmacher Hans Sachs als Hauptfigur der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. © Stadtgeschichtliches Museum Leip

Hans Sachs arbeitet am Schuh, Siegfried weckt Brünnhilde im Feuerkreis – zwei berühmte und musikalisch markante Szenen sind in Leipzig endlich daheim. Zumindest deren bildhauerische Darstellung. Verschollen geglaubte Teile eines gigantisch gedachten, aber nie fertiggestellten Denkmals für Richard Wagner (1813 – 1883) konnten das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig und der dortige Wagner-Verband erwerben. Sie planen Wichtiges damit. Doch der Reihe nach.

Vor gut 90 Jahren begann die Stadt Leipzig, ein Denkmal für ihren bedeutendsten Musikersohn zu bauen. Eine fußballfeldgroße Parkanlage beidseits der Elster sollte entstehen, Reliefs, Brunnen und Plastiken aufnehmen. Diese nach klassisch-antikem Vorbild geschaffenen Figuren trafen jedoch nicht nur den Geschmack der Jury, sondern auch den der Nationalsozialisten: Adolf Hitler fand, dass das Projekt zum „Nationaldenkmal des Deutschen Volkes“ tauge. Er forcierte es und legte 1934 den Grundstein. Doch das gigantische Projekt verzögerte sich – bis der Krieg eine Ausführung unmöglich machte. Nach 1945 verzichtete die Stadt Leipzig wegen der Vereinnahmung Wagners durch die Nazis auf die Annahme des ideologisch belasteten, aber schon bezahlten Denkmals. Die Teile wurden in alle Winde verkauft. Die Parkanlage, der Richard-Wagner-Hain, ist heute größtenteils verwahrlost.

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Doch im Sommer 2020 tauchten Stücke aus Privatbesitz wieder auf, zwei Reliefs – von einst 19 – standen zum Verkauf. Das kleinere zeigt Hans Sachs, das größere, das aus zwei Platten besteht, Siegfried und Brünnhilde. Das Material ist Drosselstein, ein polierfähiger Korallen-Kalkstein. Beide Reliefs wiegen zusammen fast drei Tonnen. Schon länger planen der Verband und das Museum, das geplante Wagner-Denkmal in originalen Teilen zu dokumentieren. Es ist schließlich eines der umfangreichsten Denkmalsprojekte der Moderne in der Stadt. Dank Spendern war der Ankauf der Reliefs möglich.

Das größere will der Verband der Stadt für eine künftige Neugestaltung des Wagner-Hains zur Verfügung stellen. Bis es so weit ist, wurde das Bildwerk auf dem Kultur-Gut Ermlitz, unweit von Leipzig, interimsweise untergebracht. Das passt: In dem alten Rittergut der Familie Apel war Wagner gern zu Gast gewesen.

Das kleinere Relief mit Hans Sachs soll 2022 in einer Sonderausstellung des Museums gezeigt werden, die erstmals umfassend das Thema der Musikstadt Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. „In jedem Fall geht es uns um die Dokumentation des Denkmalsplans von 1932/1934 und damit eines Kapitels der hiesigen Wagner-Rezeption, das nicht länger verdrängt werden darf“, sagt Anselm Hartinger, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums. Als Haus mit einer langen Tradition von Wagner-Ausstellungen habe man nicht nur die weltweite Bedeutung dieses Künstlers für die Musik- und Geisteswelt des 19. und 20. Jahrhunderts im Blick, sondern stelle sich den schwierigen Seiten dieses Komponisten einschließlich seiner Indienstnahme für National- und andere Mythen.

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