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Abdulrazak Gurnah bekommt Literaturnobelpreis

Die höchste Literaturauszeichnung geht an Abdulrazak Gurnah. In seinem Werk setzt sich der tansanische Schriftsteller mit den Folgen des Kolonialismus auseinander.

Die Illustration zeigt den Schriftsteller Abdulrazak Gurnah.
Die Illustration zeigt den Schriftsteller Abdulrazak Gurnah. © Niklas Elmehed/Nobel Prize Outreach/dpa

Die Spannung lässt sich beinahe greifen im alten Börsenhaus in der Stockholmer Altstadt Gamla Stan: Wenige Augenblicke vor der wichtigsten literarischen Bekanntgabe des Jahres wird es ganz still im Saal, dann ist ein leises Klingeln zu hören. Mats Malm, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, tritt durch eine schwere Holztür vor die Weltpresse, um den Literaturnobelpreisträger zu verkünden. Was er diesmal liefert, ist eine faustdicke Überraschung: Abdulrazak Gurnah heißt der in Deutschland weitgehend unbekannte tansanische Schriftsteller, der in diesem Jahr mit dem prestigeträchtigsten Preis der Literaturwelt ausgezeichnet wird.

Gurnah wurde 1948 auf der Insel Sansibar geboren, die zur früheren britischen Kolonie Tansania gehört, und kam als Flüchtling Ende der 60er Jahre nach Großbritannien, wo er seither lebt. Er erhält den Preis «für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten», wie Malm bei der Bekanntgabe sagte.

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Selbst in Literaturkreisen haben bislang nur wenige etwas von dem Preisträger gehört. Auch den deutschen Buchhandel traf die Auszeichnung unvorbereitet: Die fünf ins Deutsche übersetzten Bücher von Gurnah sind derzeit allesamt nicht lieferbar. Er hat der Schwedischen Akademie zufolge zehn Romane veröffentlicht, außerdem eine Reihe von Kurzgeschichten.

"Er ist ein Autor, der sehr stille Bücher schreibt"

Gurnah begann nach Angaben der Akademie als 21-Jähriger mit dem Schreiben. Obwohl Suaheli seine Muttersprache ist, schreibe er seine Bücher auf Englisch. Auch Elemente aus anderen Sprachen wie Deutsch und Arabisch spielten in seinem Werk eine wichtige Rolle, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson. Gurnahs vierter Roman "Paradise" von 1994, in Deutschland erschienen als "Das verlorene Paradies", brachte ihm den Durchbruch als Schriftsteller. Gerade der Fokus auf das Schicksal von Flüchtlingen macht seine Werke angesichts der heutigen Lage von vielen Geflüchteten topaktuell.

"Er ist ein Autor, der sehr stille Bücher schreibt, in einer sehr feinen, sehr genauen Sprache, mit sehr genauer Beobachtung seiner Figuren, ihres Innenlebens und auch dessen, was um diese Figuren und damit um den Autor herum vor sich geht", sagte sein deutscher Übersetzer Thomas Brückner der Deutschen Presse-Agentur. Er wünsche Gurnah nun mehr Aufmerksamkeit, "weil es wirklich ein lesenswerter Autor ist".

Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD) gratulierte Gurnah mit den Worten, die Auszeichnung zeige, wie nötig eine lebendige und breite Auseinandersetzung mit unserem kolonialen Erbe bleibe. "In seinen Romanen und Kurzgeschichten adressiert er die Geschichte des Kolonialismus und ihre bis heute prägenden Folgen auf dem afrikanischen Kontinent - darunter auch die Rolle deutscher Kolonialherrscher", schrieb Maas. Zudem sei Gurnah seit knapp zwei Jahrzehnten der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger. 2003 war der südafrikanische Schriftsteller J.M. Coetzee ausgezeichnet worden, im vergangenen Jahr die US-Poetin Louise Glück.

Der Akademie ist geglückt, die Welt mit dem Preisträger zu schocken

Der Literaturnobelpreis geht ebenso wie die weiteren traditionellen Nobelpreise auf das Testament des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) zurück. Während die Auswahl von Glück etwas unerwartet kam, ist die von Gurnah eine große Überraschung. Zu den Favoriten wurden prominentere Schriftsteller wie der Japaner Haruki Murakami oder die Kanadierinnen Margaret Atwood und Anne Carson gezählt. Ein Preis für einen aus Afrika stammenden Preisträger war zwar seit Jahren erwartet worden - wenn, dann hatten Experten dafür aber am ehesten den Kenianer Ngugi wa Thiong'o ins Auge gefasst.

Die Schwedische Akademie hat problembehaftete Jahre hinter sich. Erst gab es einen schweren Skandal um das mittlerweile ausgetretene Akademie-Mitglied Katarina Frostenson und ihren Mann Jean-Claude Arnault, dann 2019 die umstrittene Preisvergabe an den Österreicher Peter Handke. Mit ihrer diesjährigen Auswahl dürfte sich die Akademie dagegen viele Freunde in der Literaturwelt machen. "Der Schwedischen Akademie ist geglückt, die Welt mit dem diesjährigen Preisträger zu schocken", urteilte die schwedische Zeitung "Expressen" bereits.

Der Gekürte selbst hat als allerletztes mit dem Anruf aus Stockholm gerechnet. "Das war solch eine völlige Überraschung, dass ich wirklich warten musste, bis ich die Bekanntgabe gehört habe, bevor ich es glauben konnte", sagte Gurnah der britischen BBC. Es sei "brillant und wundervoll", mit dem Nobelpreis geehrt zu werden.

Zwei Deutsche unter diesjährigen Preisträgern

Die englische Universität Kent reagierte überschwänglich auf die Ehre für ihren früheren Professor Gurnah. "Wir sind absolut begeistert, dass unserem ehemaligen Dozenten Abdulrazak Gurnah der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde - das ist wirklich inspirierend", schrieb die Uni auf Twitter.

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