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Schnappschuss oder inszeniert?

Der kubanische Fotograf Luis Sarabia erlebt, wie sich die Stimmung in Dresden verschlechtert. Seine Bilder zeigen trotzdem etwas anderes.

Bevor Louis Sarabia zur Kamera griff, war er in Kuba Zirkusathlet.
Bevor Louis Sarabia zur Kamera griff, war er in Kuba Zirkusathlet. © Luis Ernesto Sarabia Toledo

Louis Sarabia hat Dresden durch seine Kameralinse kennengelernt. Vor zwei Jahren verschlug es den gebürtigen Kubaner für die Liebe ins Elbflorenz. Mit seinem Fotoapparat hat er seitdem festgehalten, wie sich die Stimmung in der Stadt langsam verschlechtere: Ein Daumenkino voller Abzüge, bei dem die Mundwinkel der Passanten immer weiter nach unten rutschen. Die andauerende Pandemie hat sich auch in die Gesichtszüge gefressen.

Schlechte Voraussetzungen für einen Fotografen, der die Schönheit der Welt auf wenige Zentimeter komprimieren möchte. Sarabia hat sich der Herausforderung gerne gestellt: "Wir müssen nur sehr genau hinschauen, dann erkennen wir auch in solchen Zeiten, wie wunderschön das Leben ist“, berichtet der 53-Jährige, der sein Lächeln lange noch nicht verloren hat.

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Talent, im richtigen Moment abzudrücken

Sein optimistischer Blick auf die Welt und sein beinah malerischer Bildaufbau haben ihm eine Ausstellung in der Galerie Holger John verschafft. Eine glückliche Fügung während eines Lockdowns, wo ausschließlich Galerien öffnen dürfen.

Der Galerist selbst kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus und findet in Sarabias Bildern Aspekte, die der Fotograf selbst wahrscheinlich noch gar identifiziert hat. So wird für Holger John ein Schnappschuss vom belebten Treppenaufgang der Frauenkirche zum Altarbild der Neuzeit. Eine facettenreiche Raffinesse, die John in jedem der ausgestellten Fotos findet.

Auf den Straßen Dresden ist Luis Sarabia meist mit einem Teleobjektiv unterwegs, um die Privatsphäre der Passanten nicht überstrapazieren.
Auf den Straßen Dresden ist Luis Sarabia meist mit einem Teleobjektiv unterwegs, um die Privatsphäre der Passanten nicht überstrapazieren. © Luis Ernesto Sarabia Toledo

Sarabia hat einfach das Talent, im richtigen Moment abzudrücken: Die Handlungen in seinen Fotos stehen so kurz vor der Vollendung, dass es einem beim Betrachten unter den Fingern juckt, wie es weiter geht. Kommt es zum Kuss oder nicht? Das bleibt offen. Die wirklich intimen Momente möchte Sarabia nicht stehlen: "Wenn es sich für mich unangenehm anfühlt, fühlt es sich auch für die Menschen auf dem Foto unangenehm an. Dann drücke ich nicht ab.“

Welches Foto darf er ausstellen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Straßenfotografen geht es ihm nicht darum, das absurde und hässliche einzufangen - denn dafür müsste er die Privatsphäre der Passanten überstrapazieren. Deshalb ist Sarabia meist auch mit Teleobjektiv unterwegs, um den idealen Moment aus der Ferne einzufangen. Den perfekten Ausschnitt schneidet er anschließend heraus. Mit dem Lable Streetfotografie kann er sich deshalb auch nicht ganz anfreunden, der Begriff Life-Photography rauscht schon mehr in seinen Ohren. "Gerade dadurch, dass er niemanden vorführen möchte, verbreitet seine Ausstellung eine positive Message", bestärkt John seine Neuentdeckung. "Das passt gerade sehr gut in unsere Zeit"

Wenn Sarabia das Foto im Kasten hat, beginnt sein nächster Abwägungsprozess: Lässt sich das Bild auch ausstellen? So ist für den hochsensiblen Künstler schon das Foto eines alten Mannes, der auf einer Parkbank sitzt und nach oben schaut, ein Grenzfall: "Das ist schließlich ein äußert intimer Moment. Der Mann befindet sich am Ende seines Lebens, blickt nach oben oben und fragt sich, was als Nächstes kommt."

Orte sind Nebensache

Egal ob Kunstkenner oder absoluter Laie. Wenn man dem Gästebuch glauben darf, bleibt niemand von Sarabias Kunst unberührt. 'Es ist nicht die Zeit für bunt und groß', steht da zum Beispiel. Doch für Sarabia ist es keine Frage der Zeit, seine Fotos sind immer schwarz-weiß. Denn zu viel Licht und zu viel Farben würden von der Szenerie ablenken. Andere seiner Fotos glänzen dadurch, dass sie extrem gestellt aussehen, obwohl seine "Models" gar nicht wissen, dass sie fotografiert werden.

Dass seine Fotos in Dresden aufgenommen wurden, verraten oft nur kleine Details. "Die Fotos hätte ich genauso gut in London oder Paris aufnehmen können", bemerkt Sarabia. Er muss es wissen, denn durch seiner früheren Karriere als Zirkusakrobat über 25 Länder bereist.

Die Ausstellung 'Empathic Photograhy' ist noch mindestens bis zum 13. Dezember in der Galerie John, Dresden, Rähnitzgasse 17 zu sehen. Geöffnet Dienstags bis Sonntags 14 bis 19 Uhr.

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