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„Man muss Kritik aushalten können“

Schauspielerin Carmen-Maja Antoni über den Umgang mit Sexismus in der DDR, abgetrennte Ohren und Kultur in Corona-Zeiten.

Ich blicke mit naiven Kinderaugen auf jedes Drehbuch, sagt Carmen-Maja Antoni.
Ich blicke mit naiven Kinderaugen auf jedes Drehbuch, sagt Carmen-Maja Antoni. © Peter Ziesche

Am Montag geht anlässlich des Weltfrauentags bei ZDFkultur eine neue Staffel der für den Grimme-Preis nominierten Webserie „FilmFrauen. Die Interviews“ online. Diesmal stehen renommierte Schauspielerinnen aus dem Osten Deutschlands im Mittelpunkt. Unter ihnen Charaktermimin Carmen-Maja Antoni (75), langjähriges Mitglied des Berliner Ensembles und Publikumsliebling, die in Defa-Klassikern wie „Einfach Blumen aufs Dach“ mitspielte, aber auch in aktuellen deutschen Kinofilmen wie „Die Känguru-Chroniken“. Im Interview spricht sie über Ost-West-Sichten und ihren unbändigen Optimismus selbst in Krisenzeiten.

Frau Antoni, das Format „FilmFrauen“ ist eine Webserie. Was für ein Verhältnis haben Sie zu den sogenannten Neuen Medien?
Ich finde die Idee gut, Frauenporträts zu machen. Aber was diese technischen Aufwendungen betrifft, bin ich immer ziemlich sprachlos. Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich finde es wichtig und schön, dass es so eine Porträtreihe gibt, die Leute in kleiner, komprimierter Weise vorstellt. Aber zu dem Format kann ich ganz wenig sagen. Ich bin technisch nicht so versiert.

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In der Serie kommen diesmal Frauen aus dem Osten zu Wort. Sind in Schauspielerkreisen die Ost-West-Vorurteile bereits überwunden?
Im Beruf selbst gibt es die gar nicht. Entweder, man kann etwas, oder man kann nichts. Es sind genügend Leute da, die nichts können, es sind genügend da, die ein bisschen was können, und es sind ganz viele da, die ganz viel können. In diesem Beruf war es nie wichtig, ob ich jemanden leiden kann oder nicht. Es geht nur darum, ob man da mithalten kann und ob es dem Stück dient. Es sind ganz viele Dinge, die man beachten muss. Natürlich kam die Ost-West-Problematik ins Spiel, wenn man sich privat unterhalten hat. Da kam es schon zu Merkwürdigkeiten, zu einem Nicht-Kennen und auch einem Sich-Wundern. Das gab es überall. Aber ich glaube schon, dass sich das mit der Zeit gelegt hat. Seit wir Westen sind, habe ich immer die Anerkennung bekommen, die der Schauspielerei, die ich anbiete, vielleicht gerecht wird.

Geht auch auf Lesetour: Carmen-Maja Antoni bei einem Auftritt in der Radeberger Brauerei.
Geht auch auf Lesetour: Carmen-Maja Antoni bei einem Auftritt in der Radeberger Brauerei. © Steffen Unger

30 Jahre nach der Wende werden Stimmen laut, die Vergangenheit und die Unterschiede einfach nicht mehr zu thematisieren, damit endlich Normalität Einzug halten kann. Finden Sie das auch erstrebenswert?
In solche Konflikte begebe ich mich nicht hinein. Es gibt immer Menschen, die einen verstehen. Und es gibt immer Menschen, die einen nicht verstehen. Und es macht keinen Sinn, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die sich gar nicht unterhalten wollen. Soll man den Osten vergessen? Das können wir gar nicht, weil es noch viel zu viele Unterschiede gibt. Wenn wir schon Frauenporträts machen, dann müssen wir auch wissen, dass Frauen nach 30 Jahren noch unterschiedlich bezahlt werden. Nach wie vor gibt es Berufe, in denen Frauen nicht gefragt sind. Das ist doch Mittelalter! Wie soll da Normalität funktionieren?

Sie erzählen, dass im Zuge der Wende vor allem auch Künstler ihr Land, die DDR, zum Positiven verändern wollten. Wann wurde dieses Vorhaben aufgegeben?
Nach drei Tagen, ganz klar. Wir sind am 4. November auf die Straße gegangen, um Pressefreiheit, Reisefreiheit und die Veränderung des Staates einzurichten. Die Künstler waren vornedran. Und nach drei Tagen war das Ding zu Ende, am 9. waren wir bereits Bundesrepublik und alles war nur noch wie ein schlechtes Theaterstück. Die ganze Chose wurde von außen „reguliert“.

Sie waren in den Achtzigern auch mit Gastspielen in Westeuropa und den USA unterwegs. Verspürten Sie nie den Impuls, dort zu bleiben?
Nein, diesen Impuls hatte ich nie. Ich hatte eine Familie mit zwei kleinen Kindern, einen wunderschönen Mann und einen zauberhaften Beruf. Ich war ein Paradiesvogel und einer der zufriedensten Menschen. Ich konnte arbeiten wie verrückt und habe die Welt gesehen. Was will man mehr? Ich hätte dieses Land niemals ohne meinen Mann und ohne meine Kinder verlassen. So etwas mache ich nicht. Ich bin ein treuer Mensch.

Wir haben im Moment keine Kultur, sagen Sie im Interview im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen. Befürchten Sie, dass sich auch nach einem Neustart bleibende Schäden, gewissermaßen Spätfolgen, zeigen könnten?
Ja. Natürlich werden sich auch in der Kultur Folgen zeigen. Wir sehen doch, wie gravierend die Folgen für unseren normalen Alltag, im normalen Leben aussehen. Bis sich das wieder alles eingepegelt hat! Es gab ja mal diesen Satz: „Es wird nach dieser Pandemie nie wieder so werden wie vorher!“ Das kann ja durchaus auch etwas Positives bedeuten. Aber es braucht eine Weile, bis alles wieder hergerichtet wird. Man muss irgendwann alles schließen, irgendwann alles öffnen und irgendwann ist alles furchtbar. Das Theater, die Kinos und die Kultur überhaupt machen mir große Sorgen. Wir werden auf dieses häusliche Leben zurückgeworfen, was man ja auch liebt und gerne hat. Das ganze Problem wird verkleinert. Die Kultur wird weggewischt und – auch finanziell – so schlecht behandelt wie nie. Wie soll sich das in einem halben Jahr erholen? Das braucht ganz viel Zeit und viele kreative Leute, die etwas erfinden und dazu bereit sind, von vorne anzufangen. Wir leben im Kapitalismus. Und es werden nicht viele Leute übrig bleiben, die über das nötige Kapital verfügen, um noch einmal durchzustarten.

Zum Thema „Männer und Frauen“ fordern Sie gegenseitigen Respekt und Zuhören ein. Michael Gwisdek sagte, dass in der DDR sexueller Missbrauch kaum ein Thema war, weil die Frauen nicht erpressbar waren und auch ihrem Chef eine runterhauen konnten.
So ist es.

Haben Sie nie negative Erfahrungen gesammelt?
Nein, nicht eine. Ich kenne genug Schauspielerinnen, die mit einem Regisseur geschlafen haben. Ein Jahr später waren sie verheiratet. Und ein Jahr später waren sie wieder geschieden. Es war kein großer Aufwand, sich scheiden zu lassen. Aber diese Art von Nötigung haben sich Frauen nicht bieten lassen. In einer kapitalistisch geprägten Welt können Männer ihre Macht ausspielen. Wer Macht hat, kann Menschen unterdrücken und erpressen. Und wer Existenzängste hat, ist natürlich erpressbar. Aus unserem Land kann ich das nicht sagen. Es war viel zu lustig und diese Prozesse waren wirklich sehr einfach.

Schon mit zehn Jahren haben Sie den Löwenanteil zum Familienbudget beigetragen. Sie waren einer der drei „Blauen Blitze“ im Pionier-Kabarett des DDR-Fernsehens.
Ja, das war vielleicht der Grundstein. Die Schauspielerei war schon als Kind mein Hobby. Andere haben gebastelt, mit der Eisenbahn gespielt und Drachen gebaut. Und ich habe eben im Kinderfernsehen der DDR gespielt. Ich war drei Mal wöchentlich auf Sendung. Dabei habe ich eigentlich alles gelernt, was ich später auch brauchte. Man muss Kritik aushalten können, man muss diszipliniert sein, man muss zuhören und etwas anbieten. Man muss schlagfertig und schnell im Gehirn sein. Das alles war eigentlich schon die Voraussetzung für meinen späteren Beruf. Ich habe es schon als Kind trainiert.

Im DDR-Klassiker „Kindheit“, in dem Sie die Hauptrolle spielen, gibt es eine Szene mit einem Messerwerfer. Tatsächlich wurde Ihnen beim Dreh ein Ohr abgetrennt. Man hat es wieder angenäht. Unterscheiden Sie seither die Traumwelt des Filmes deutlicher von den Gefahren der Realität?
Na ja. Ich habe schon darüber nachgedacht, nicht mehr so ein hohes Risiko zu fahren. Ich hatte ja schon Kinder und hätte mich doubeln lassen können. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt sehr ehrgeizig, weil ich den Film und diese Rolle so toll fand. Ich wollte das unbedingt selber machen und hatte auch großes Vertrauen. Aber im Leben ist es nun mal so, dass man nicht alles kann und auch mal nachgeben muss. Das habe ich daraus gelernt. Aber wir haben den Film ja weitergedreht und zu Ende gebracht. Insofern war auch diese Entscheidung richtig.

Sie sind oft gefragt, wenn es gilt, in nur wenigen Szenen eine möglichst originelle und liebenswerte Figur zu etablieren. Was reizt Sie an diesen Aufgaben?
Ich habe immer sehr gern gearbeitet und ich habe mich immer gefreut, besetzt zu werden. Deshalb habe ich auch in über hundert Defa-Filmen mitgespielt. Ich habe ein Angebot bekommen und immer gedacht, dass man sich ganz viel Mühe geben und ganz toll sein muss, auch wenn man nur einen Drehtag hat. Damit man nicht vergessen wird. Und in manchen Filmen ist mir das fast gelungen. Ich hatte nur einen Satz und die Leute haben gesagt: „Du hast doch da mitgespielt!“ Und das schon vor fünfzig Jahren. Wenn ich eine kleine Geschichte erzählen kann oder mich eine Figur interessiert, mache ich das sehr gerne. Und es macht mir genauso viel Spaß wie eine große Sache.

Träumen Sie von der großen, späten Rolle des Lebens?
Ach, man kann immer von allem träumen. Ich habe am Theater die großen Rollen gespielt und auch im Film schöne Rollen gehabt. Ich warte einfach ab und bin neugierig, was noch kommt. Aber ich jage nichts hinterher. Ich blicke mit naiven Kinderaugen auf jedes Drehbuch, das ich bekomme. Und wenn ich denke: Oh, das ist aber hübsch, dann mache ich das. Ich mache das mit Spaß und Freude und bereue es nie.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?
Immer. Ich bin ein ganz optimistischer und neugieriger Mensch. Ich hoffe, dass es immer wieder gelingt, etwas Freundlichkeit in diese Welt zu bringen. Und ich bin bestimmt immer auf der Seite, die dabei helfen würde, das zu fördern.

Das Interview führte André Wesche.

Die Frauen-Porträts sind auf der ZDF-Website zu sehen.

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