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Mathe wird überbewertet

Wer sagt, worüber gelacht wird, hat Macht, meint die Schauspielerin Maren Kroymann. Ein Gespräch über Fake-Wissenschaft, Gendern und Feminismus.

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Maren Kroymann
Maren Kroymann © Geisler-Fotopress

Von Dorothee Nolte

Die Humoristin, Sängerin und Schauspielerin Maren Kroymann war die erste Frau mit einer eigenen Satiresendung im deutschen Fernsehen. Derzeit laufen neue Folgen von „Kroymann“ in der ARD. Kroymann. Jahrgang 1949, wuchs in Tübingen in einer Professorenfamilie auf. Seit Anfang der achtziger Jahre tritt sie mit Kabarettprogrammen auf, spielt Film- und Fernsehrollen und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt.

Frau Kroymann, wie viel ist 20 plus 22?

Ist doch klar: 15,70.

Die Mathematik sagt etwas anderes.

Die ist überbewertet.

Ihr Sketch „Matheleugnerin“ hat mehr als eine Million Aufrufe bei Youtube: Sie spielen eine Frau mit blonden Rastalocken, die im Buchladen nur 15,70 Euro bezahlen möchte, obwohl die Kasse der Buchhändlerin 44,20 ausgerechnet hat.

Meine Figur ist eben der Meinung, dass die Mathematik eine Fake-Wissenschaft und Teil einer weltumfassenden Verschwörung ist. Beweisen Sie ihr das Gegenteil!

Was ist einfacher: Über politische Gegner Witze zu machen oder über die eigenen Leute?

Man muss immer den richtigen Dreh finden. Bei Themen wie LGBTIQ, Frauen im Alter, Frauen im Fernsehen, bei denen ich besonders kämpferisch bin, da muss ich mich auch mal einbremsen. Denn unser Job als Humorschaffende ist es, das Ganze auf die Witzebene zu bringen. Dazu sind auch die Diskussionen mit meinem wunderbaren Team hilfreich.

Beim politischen Gegner dürfte das leichter fallen.

Nicht unbedingt. Wir haben ein ganzes Jahr gebraucht, um einen Sketch über die AfD zu machen! Ich wollte nicht einfach eine AfD-Frau parodieren. Einer aus meinem Team hatte die Idee: Wir definieren im Sketch Rechtsradikalismus als Krankheit, und ich bin die Ärztin, die sie diagnostiziert. Wir wollen keine halbgaren Sketche machen und auch nicht nur unsere Empörung zum Ausdruck bringen. Dann warten wir lieber, bis uns etwas Gutes einfällt.

Einer Ihrer Sketche zeigt ein Vorstellungsgespräch: Gesucht wird dort die Person mit den meisten „Behinderungen“: Ihre Figur tritt als Frau und Lesbe gegen einen Mann im Rollstuhl an, dessen Großvater im KZ ermordet wurde, und beide legen noch mit weiteren „Behinderungen“ nach. Werden da Menschen im Rollstuhl veräppelt?

Darüber hat sich meines Wissens niemand beschwert. Ich habe ja eine klare politische Haltung, und es ist offensichtlich, dass sich der Sketch nicht gegen Menschen mit Behinderungen oder Lesben richtet. Wir wollten zeigen, zu welch absurden Situationen es kommen kann, wenn Unternehmen sich im Namen der Diversity bemühen, „Randgruppen“ eine Chance zu geben.

Das tun die Unternehmen also offenbar nicht aus ehrlichem Antrieb.

Das will ich gar nicht sagen, es ist ja ein prima Ansatz, wenn Unternehmen sich diversifizieren wollen. Aber oft wird das strategisch eingesetzt, fürs Image, und ist gar nicht wirklich so gemeint. Immerhin kann man die Unternehmen dann beim Wort nehmen und gegebenenfalls auf ihre Doppelmoral hinweisen.

Man könnte aber auch sagen: Sie karikieren mit diesem Sketch, dass manche Gruppen sich als Opfer inszenieren.

Klar, man kann diesen und andere Sketche auch als Kritik an der political correctness verstehen, und eine solche Kritik kann immer von rechts vereinnahmt werden. Das muss ich aushalten. Bei mir ist das die Selbstkritik einer linken grünen Frau. Selbstkritik ist wichtig und eine gute Möglichkeit, das Bubble-Wesen aufzulösen, das wir nicht nur, aber auch in grünalternativen Kreisen finden – eine gewisse Selbstgerechtigkeit, der Glaube, die Wahrheit gepachtet zu haben. Deswegen bin ich mit meinen Sketchen im Fernsehen unterwegs, in einem Medium, auf das viele gerne herabblicken. Ich erreiche dort ein anderes Publikum. Es macht mir Spaß, Minderheitenpositionen einem Mainstreampublikum zu vermitteln.

Sie waren in den 90er-Jahren die erste Frau mit einer eigenen Satiresendung im TV, „Nachtschwester Kroymann“.

Es gibt noch immer viel weniger witzige Frauen als Männer im Fernsehen. Es hat sich viel getan seit den neunziger Jahren. Denken Sie an Carolin Kebekus, Hazel Brugger, Tahnee, Enissa Amani, Ilka Bessin, Martina Schwarzmann, Idil Baydar. Aber es gibt noch immer zu wenige Regisseurinnen, Intendantinnen, zu wenige Rollen für ältere Frauen. Meine Sendung ist da vorbildlich. Da spielt immer eine alte Frau mit. Weil ich ‘ne alte Frau bin.

Noch immer kann man hören: Frauen seien weniger lustig und speziell Feministinnen hätten keinen Humor.

Wenn wir auf die Anfänge der neuen Frauenbewegung zurückschauen – wir haben doch wahnsinnig dafür gekämpft, ernst genommen zu werden. Und eine Frau, die ernst genommen werden will, wird wahrscheinlich erst mal nicht Komikerin. Wir mussten zunächst klarmachen, wo überall die Benachteiligungen steckten. Da war unser Modus die Anklage. Aber ich finde es auch wichtig, in jedem Stadium des Kampfes Außenblick und Humor zu bewahren. Das ist meine Aufgabe. Feministische Frauen fanden es manchmal blöd, dass und wie ich Frauen parodiert habe. Sie sagten, wir müssten doch solidarisch sein und dürften unser benachteiligtes Geschlecht nicht auch noch durch den Kakao ziehen. Das finde ich nicht. Wir haben lange gebraucht, um zu merken, wie wichtig Komik ist. Denn wer sagt, worüber gelacht wird, hat Macht. Wir haben erst spät erkannt, dass wir uns auch diese Macht schnappen müssen. So können wir unsere Meinung mit Witz und Grips darstellen.

Stichwort Grips ...

Intellekt wurde Frauen am wenigsten zugestanden. Von allen Merkmalen, die ich habe, war intellektoid am schlimmsten. Das haben sie am meisten gehasst. Lesbe? Solange sie es nicht sagte, war das O.K. Feministin? Haben wir uns daran gewöhnt. Aber wenn eine sagte, ich komme mit meinen Themen, ich will mein eigenes Kabarett machen – das stieß auf große Zurückhaltung. Mein Unterhaltungschef bei Radio Bremen war da eine Ausnahme.

Warum haben Sie bei „Actout“ mitgemacht, der Aktion, bei der sich 185 Schauspieler und Schauspielerinnen geoutet haben?

Aus Solidarität. Ich fand das toll gemacht, auch weil man sich Verbündete gesucht und andere Gruppen unterstützt hat, People of Color, Transmenschen, Menschen, deren Geschichten wir selten hören. Eine Äußerung lautete: „Ich komme aus einer Welt, die mir nicht von mir erzählt hat.“ Das hat mich beeindruckt. Es gibt ein Bedürfnis, diese Geschichten zu erzählen.

Sie sind 72. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Generation bei den aktuellen Debatten noch mitkommt?

Ganz ehrlich: Ich weiß auch oft nicht, ob es jetzt gerade LGBTIQ* oder LGBTQIA heißt und was gerade in welcher Debatte angesagt ist. Die Älteren steigen oft aus. Ich kann das nachvollziehen. Schließlich habe ich 69 Jahre lang nicht gegendert. Ich lerne aber viel von den jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Ich gendere nicht immer und überall, sondern je nach Kontext und passend zur Figur, die ich gerade spiele. Das nenne ich „organisches Gendern“. Ich bin im Prinzip dafür und baue es in mein Leben ein, so wie es passt, unter Benennung der Schwierigkeiten, die es macht.

Und das würden Sie auch Ihren Altersgenossinnen und -genossen empfehlen?

Ich empfehle, das Gendern nicht generell als Sprachverhunzung abzulehnen. Sprache hat sich immer verändert. Das hat meine Generation mitgemacht, aber jetzt stört sie sich daran, dass eine Gruppe, nämlich die Frauen, das einfordert. Von konservativer Seite wird oft so getan, als ginge es bei Transmenschen nur um Toiletten und bei Feministinnen nur um Gendersprache. Dabei geht es um gleiche Bezahlung und Chancen. Ich finde, diese Themen gehören auch ins Entertainment, und sie dürfen auch lustig behandelt werden.

Ohne Selbstgerechtigkeit …

Ja, ich will die Haltung der Selbstgerechtigkeit verscheuchen. Die finde ich auch in Comedy-Formaten: Da steht einer und weiß alles, und die Leute lachen. Wir machen es anders, wir erzählen Geschichten. Das ist multiperspektivisch. Man lacht nicht nur über andere, sondern mit ihnen und gegebenenfalls über die Gruppierung, der man selbst angehört oder nahe steht. Ich möchte die Menschen beim Lachen durchaus auch mal ins Stolpern bringen.

Maren Kroymann in ihrer Satiresendung "Kroymann".
Maren Kroymann in ihrer Satiresendung "Kroymann". © Radio Bremen