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Mehr Fragen als Antworten

Die Künstler Juliane Schmidt und Lars Breuer arbeiten mit Schrift und dem Philosophenwort.

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"Ich bin du" schrieb die Künstlerin Juliane Schmidt an die Fenster des Ateliers Mikky Burg in Dresden.
"Ich bin du" schrieb die Künstlerin Juliane Schmidt an die Fenster des Ateliers Mikky Burg in Dresden. © Juliane Schmidt

Von Uwe Salzbrenner

Mit Aphorismen, also Schrift, im öffentlichen Raum aufzutreten, ist seit Jahrzehnten probate Methode bildender Künstler. Haben solche Arbeiten – wenn sie gelungen sind – doch den Vorteil, dass man sie noch als Bild wahrnimmt. Das Bild sagt direkt, was sonst aus Figur und Komposition zu entschlüsseln wäre, aus Farbe und Stimmung. Doch die Kunstform ist stets Stolperstein, ein Wachmacher, es geht ja nicht bloß um Informationsübertragung. Betrachter erleben sich als Wahrnehmende, fühlen sich beim Zugucken erwischt. Der Schweizer Remy Zaugg hat es einst schön in einem seiner Bildquadrate erklärt: „Ich, das Bild, öffne die Augen, und du bist da mir Gegenüber.“

„Ich bin du“, das hat jetzt die Dresdner Künstlerin Juliane Schmidt auf Glas geschrieben. Jeweils zwei schlanke Großbuchstaben schmiegen sich in die Fenster des Ateliers Mikky Burg, in dem Schmidt mit anderen arbeitet. Die Umkehrung des Satzes gilt für sie ebenso. Die Absolventin der Dresdner Hochschule für Bildende Künste hat schon in früheren Arbeiten auf Transformationen des Ich zum Wir hingewiesen. Hier bezieht sie sich auf den Religionsphilosophen Martin Buber, der in seinem Hauptwerk von 1923 ausführt, dass ein Ich sich nur in Relation zu dem ihn Umgebenden entwickelt. Dem würden Neurologen, Pädagogen, Mediziner beipflichten, Philosophen verschiedener Zeitalter ohnehin. Aber andererseits gibt es nur wenige Menschen, die sich vollständig mit ihrem Gegenüber verwechseln, Verliebte zumeist. Beim Lesen von Schmidts Spruch fühlt man sich herausgefordert und zugleich gesichert. Die Schrift suggeriert: Du bist angenommen. Für eilige Passanten bleibt jedoch die Frage, wer da zu einem spricht. Und warum gerade jetzt?

„Nichts ist am Anfang“ – mit diesem Satz füllt der Kölner Künstler Lars Breuer Wände und Fenster der Artbox Dresden. Auch er borgt von einem Philosophen. Friedrich Wilhelm Schelling hat sich Anfang des 19. Jahrhunderts gefragt, warum überhaupt irgendetwas sei und nicht nichts. Anders formuliert: Hat die Welt ohne den Menschen Sinn und Zweck? Etwas von dieser Zweckfreiheit hat Breuer in seine Kunst genommen. Er beginnt seinen Satz auf der Rückwand der Ausstellungskammer und lässt ihn vorn auf der Fensterseite in Spiegelschrift zurücklaufen. Dabei fallen Buchstaben weg, einer steht auf dem Kopf.

Und die Artbox, ohnehin nicht zugängig, wirkt durch Breuers eigentümliche Schrift – schräg, scharf, schwarz, eng – mutwillig verschlossen und verpackt. Die Spaziergänger, falls neugierig genug, suchen beim Hineinschauen, ob hinter den Lettern nicht doch noch etwas sei. Womöglich sind es sie selbst, in ihrer Vorstellung, und sie draußen nur am falschen Platz? Von innen wäre alles gut zu lesen. Schon wieder eine Provokation: Man muss sich gedanklich bewegen. Und kommt vielleicht mit mehr Fragen, als man zuvor gehabt hat, nach Hause zurück.

Lars Breuer bis 23. Mai in der Artbox Dresden, Ecke Uferstraße/Hafenstraße

Juliane Schmidt bis 31. Mai im Atelier Mikky Burg Dresden, Hechtstr. 99