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Emmerlich: „Mein erster Stubenarrest seit …“

Gunther Emmerlich hat den Baum für eine Weihnachtssendung im MDR geschmückt. Der Entertainer weiß auch, was unter den Baum kommt: sein neues, viertes Buch.

Fürs Foto hat Gunther Emmerlich schon mal den Baum aus dem kalten Wintergarten in die gute Stube geholt: „Ein bisschen Vorfreude dürfte ja in diesen Tagen nicht schaden.“
Fürs Foto hat Gunther Emmerlich schon mal den Baum aus dem kalten Wintergarten in die gute Stube geholt: „Ein bisschen Vorfreude dürfte ja in diesen Tagen nicht schaden.“ © Jürgen Lösel

Der Dresdner Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich bezeichnet sich gern als Stimmen-Leistungssportler, „der sich derzeit beim Üben erwischt und sich fragt: Wozu?“ Nun, Liveauftritte hat er tatsächlich keine, aber Projekte, etwa einen Weihnachtsstream des Freistaates Sachsen aus der Pillnitzer Kirche Maria am Wasser, bei denen eine gute Stimme wichtig ist. Ein Gespräch mit dem 76-jährigen Künstler mit thüringisch-sächsischen Wurzeln über Corona-Wehklagen, frohe Botschaften und warum er Jörg Kachelmann unbedingt zum Singen im MDR nötigen will.

Herr Emmerlich, Sie beklagen sich gar nicht wegen Corona und klagen schon gar nicht an, dass Sie daheim sitzen müssen – warum nicht?

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Natürlich ist es nicht schön, wenn keiner meiner 18 Auftritte, die ich normalerweise im Dezember hätte, stattfinden kann. Ich bin nun mal gern auf der Bühne und vor Publikum. Natürlich habe ich, von Theaterrollen mal abgesehen, etwa 15 Programme im Repertoire. Das sind rund 25 Stunden Musik und Text. Ich habe Sorge, dass davon was versandet. Und ja, Kunst ist zwar nicht systemrelevant, gehört aber zu den wenigen Merkmalen, die uns vom Affen unterscheiden. Trotzdem kann ich die Wehklagen vor allem der gestandenen Kollegen wie jüngst bei der „Echo“-Verleihung nicht mehr hören. Um Stars wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter müssen wir uns doch wirklich keine Sorgen machen. Um mich selbst auch nicht. Gedanken mache ich mir um die vielen hoffnungsfrohen Anfänger, die Privattheater, die Gaukler und Kabarettisten, die Träumer und fantasievollen Spinner.

Woraus ziehen Sie Ihre Kraft?

Manchmal denke ich, Stubenarrest hatte ich das letzte Mal vor 60 Jahren, als ich eine Zündplättchenpistole in die Schule mitgenommen hatte. Und ja, wenn ein Großvater seinen Enkeln nicht über den Scheitel streicheln darf, das ist schon schwer zu akzeptieren. Auch morgens aufzuwachen und gedanklich den Tag zu strukturieren – obwohl man ja nichts vorhat – ist bizarr. Freilich hat der staatlich verordnete Abstand auch Vorteile im Umgang mit Dumpfbacken oder Leuten mit Mundgeruch. Ich habe den Eindruck, dass nach dem Aufräumen beim ersten Lockdown jetzt Kochen meine Hauptbeschäftigung ist. Ich schließe quasi ab und nehme zu. Ich habe zum Glück die Kinder und Enkel teilweise im Haus. Wir halten Abstand. Wie meinte meine achtjährige Ophelia jüngst am Telefon: „Opa, wenn Corona vorbei ist, drücken wir uns so lange, wie Corona gedauert hat!“ Niedlich, womöglich bräuchte ich dann doch ein Sauerstoffgerät.

Den ersten Lockdown haben Sie genutzt, Ihr viertes Buch „Fortgeschritten“ zu schreiben. Was besagt der Titel?

Er hat mit meinem Alter zu tun und ist ein Wortspiel. Was manchmal als Fortschritt daherkommt, erst recht bei ideologischen Heilsbringern, erweist sich später als gar nicht so fortschrittlich. Anders als Jesus, der hat eine Bergpredigt gehalten, da kommt das Wort Fortschritt nicht vor.

Die ersten 4.000 Exemplare vom Buch sind handsigniert und nummeriert …

… nach der Prozedur hatte ich tatsächlich einen Tennisarm.

Es ist diese Woche erschienen: Zum Glück nur fünf der 180 Seiten zu Corona. Was treibt Sie um?

Ich denke manchmal: Wenn ich früher mit dem Schreiben begonnen hätte, wäre ich wahrscheinlich gar nicht zum Singen gekommen. Singen beseelt, im Idealfall die Zuhörer und den Sänger. Schreiben entlastet die Seele und man ist gezwungen – zumindest manches – bis zum Ende zu denken. Immer wieder werde ich nach dem Stand der deutschen Einheit gefragt und ziehe diesmal meine persönliche Bilanz. Ich komme normalerweise tatsächlich quer durchs Land. Da beobachte ich und sammle Gegenargumente fürs Schönreden und fürs Miesmachen. Mein Motto und der Untertitel des Buches sind: Man muss den Tatsachen ins Auge sehen, auch wenn sie noch so erfreulich sind.

Ergo: Wie ist Ihre Bilanz?

Meine Erkenntnis ist die: Die Sichtweise aufs momentane Resümee liegt in den Augen der Betrachter. Der, für den die DDR das gelobte Land war, wird nie an der Einheit Deutschlands seine Freude haben. Anders als der, der in der DDR kein Abitur machen durfte. Lesen Sie es nach. Es ist mit neun Seiten das längste Kapitel, weil man solches Thema nicht in einem Satz abhandeln kann, den die Journalisten immer so gerne hören wollen. Nur so viel zur Erinnerung: Warum sind wir 1989 auf die Straße gegangen? Erstens freie Wahlen, zweitens freie Presse und drittens Reisefreiheit.

Ihre Weltreisen sind weniger geworden, dafür die in der Heimat mehr – auch in Ihre Geburtsstadt Eisenberg. Was halten Sie von der dortigen Provinzposse?

Meine kleine Stadt Eisenberg im Thüringischen, auf halbem Weg zwischen Jena und Gera, hat im Stadtwappen auch einen Mohrenkopf. Dies geht zurück auf eine Sage aus dem Mittelalter, wonach ein von einem Herzog von Kreuzzügen mitgebrachter Mohr des Diebstahls einer Kette bezichtigt wurde. Kurz vor seiner Hinrichtung fand man das vermeintliche Diebesgut. Zur Wiederherstellung der Ehre des Unschuldigen sollte von nun an der Mohrenkopf das Stadtwappen zieren. Es gibt zudem einen Mohrenbrunnen und einen Gasthof „Zum Mohren“. Das beschäftigt nun schon lange intensiv und kontrovers sogar den Kreistag. Und dabei ist der Landrat politisch ein Schwarzer. Ich sage mir, solange man sich über den Mohren den Kopf zerbricht, da scheint ja alles andere in Eisenberg ziemlich in Ordnung zu sein.

Was machen wir mit Mozart & Co.?

Alles Fälle für höchste Instanzen. Nehmen wir die „Zauberflöte“. Da spielt ein Schwarzer mit, der böse ist und singt: „die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist“.

Ihr Buch, wieder im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, kam pünktlich für den Gabentisch – Kalkül?

Zufall, ob Sie es glauben oder nicht. Das liegt eher an den Abläufen, bis so ein Buch fertiggestellt ist. Aber, Sie haben recht. Der Zeitpunkt ist günstig.

Wie oft geht denn so ein Emmerlich für 19,99 Euro über den Ladentisch?

Bezogen auf alle meine bisherigen Bücher liegen wir jetzt bei 100.000 verkauften Exemplaren.

Sie sind also ein Bestseller. Und am 21. Dezember läuft 20.15 Uhr im MDR wieder Ihre Weihnachtssendung garantiert als Straßenfeger – wie wird die?

Ich hoffe gut. Das Thema ist diesmal „Wenn Engel musizieren – die schönsten Weihnachtslieder“. Wir senden wieder aus meinem Dresdner Haus. Der Baum, der derzeit schon geschmückt und gewässert im Wintergarten steht, wird dann im Wohnzimmer leuchten. Die Männel sind platziert. Der Kamin wird brennen. Viele Gäste wie der Tölzer Knabenchor, Rod Stewart, Deborah Sasson, Maite Kelly, Roland Kaiser, Camilla Nylund, der Dresdner Kreuzchor und der MDR-Kinderchor sind mit Einspielern dabei. Ich singe auch und erzähle die Geschichte unserer Weihnachtslieder. Wissen Sie, was Luther mit den Beatles, Händel mit Mariah Carey, Bach mit Queen und Mozart mit Bob Geldorf verbindet? Sie alle haben mindestens ein Weihnachtslied geschrieben.

Was passiert, dass es zwar stimmungsvoll, aber nicht zu gefühlig wird?

Ja, man glotzt für gewöhnlich immer etwas zu romantisch dabei. Wir versuchen, die Sache auch spaßig anzugehen. Mit zwei Live-Gästen plaudere ich über deren Erinnerungen und Bräuche ihrer Heimat – mit Katrin Weber und Jörg Kachelmann. Mit Katrin bin ich in meinen Weinkeller gestiegen, weil sie in ihren Programmen oft die Schnapsdrossel gibt. Wir werden eine Rotweinverkostung machen. Mal schauen, wie gut wir sind. Da unten lese ich dann auch Gedichte von Ringelnatz, Mozart und Brecht. All diese besonders frommen Sätze sind also von einem Kabarettisten, einem Komponisten und einem Kommunisten – auch eine frohe Botschaft.

Auch Wetterfrosch Jörg K. brilliert?

Sie werden ihn von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Ich werde nämlich versuchen, meinen Freund Kachelmann zu nötigen, vor der Kamera zu singen. Warum sollte er das nicht können. Ich kann ja auch das Wetter beurteilen.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

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