Weihnachten
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Die Wichtelbärte

von Ute Hegyes aus Dresden

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© Adobe Stock

Es muss Weihnachten 1964 gewesen sein, als meine Schwester Ilka und ich nach einer ganz besonderen Überraschung für unsere Mutti suchten – denn zu unserer großen Freude war sie mit uns von Seiffen nach Dresden gezogen. Weil wir erst sieben und neun Jahre alt waren und noch kein Taschengeld bekamen, hatten wir Altstoffe weggebracht, um Bastelmaterial und Inhalt für zwei mit Creme und Parfüm gefüllte Seifenwagen kaufen zu können. Wir verpackten die Wagen und einen selbst gefertigten Kalender liebevoll und malten noch ein schönes Bild dazu. Aber würde uns der Weihnachtsmann in dieser großen Stadt finden? Falls nicht, hatten wir schon eine Idee.

Der Heilige Abend kam, und wir Kinder wurden wie immer reich beschenkt – aber der Weihnachtsmann kam tatsächlich nicht. Sicher vermutete er uns noch in Seiffen. Deshalb verschwanden Ilka und ich zu Muttis großer Verwunderung gleich nach der Bescherung im Kinderzimmer. Nach kurzer Zeit traten zwei Weihnachtswichtel in die Wohnstube. Sie trugen einen kleinen Sack mit Geschenken für die Mutti herein, deren Augen sich vor Freude weiteten. Obwohl – irgendwie sah sie auch erschrocken aus. Denn wir trugen unter unseren langen Wattebärten die nagelneuen roten Samtmäntel, die sie uns „extra für die Stadt“ gekauft hatte.

Die Zwerge jedenfalls sangen, verlasen einen Brief der – leider nicht anwesenden – Töchter, leerten ihr Säckchen und verabschiedeten sich artig. Als Ilka und ich nach mehr als einer halben Stunde immer noch nicht wieder unterm Weihnachtsbaum erschienen waren, kam Mutti in unser Zimmer und fand zwei weinende „Halbzwerge“ vor. Auf dem Bett lagen zwei rote Samtmäntel voller Watte, und davor saßen ihre Töchter und versuchten unter Tränen und schlimmen Schmerzen, die Bärte abzubekommen, die sie mit Leim über und unter den Mund geklebt hatten. Auch die Augenbrauen hatten ziemlich gelitten.

Mutti nahm uns in den Arm, „rasierte“ vorsichtig die Bärte ab und fand darunter ihre beiden Mädchen. So kam es, dass Ilka und ich Weihnachten 1964 ziemlich ramponiert aussahen. Leider gibt es keine Fotos …