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Meine Freundinnen sind Familie für mich

Die Autorin Paula Irmschler über ihren Roman „Superbusen“, linkes Studentenleben im Osten und die Dresdner Unzufriedenheit.

Paula Irmschler wuchs in Dresden auf und lebt jetzt in Köln, sie arbeitet für das Satiremagazin Titanic.
Paula Irmschler wuchs in Dresden auf und lebt jetzt in Köln, sie arbeitet für das Satiremagazin Titanic. © Hintner/Ullstein Verlag

Von der Studienzeit einer jungen Frau in Chemnitz handelt ihr erstes Buch: Paula Irmschlers Debüt ist stark autobiografisch geprägt, sie selbst engagierte sich in der linken Szene und reflektiert diese Zeit in dem Roman „Superbusen“ – so heißt die Punkband, die Freundinnen miteinander gründen. Wie Gisela, ihre Hauptprotagonistin, wuchs Paula Irmschler in Dresden auf, wo sie am Freitag beim Literatur Jetzt-Festival auftrat.

Frau Irmschler, wenn Sie wie jetzt in Dresden lesen, ist das Publikum dann voller Freunde von früher?

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In Dresden habe ich gar keine Freunde mehr, ich lebe seit über zehn Jahren nicht mehr dort. Einmal im Jahr fahre ich hin, zu Weihnachten oder Geburtstagen. Natürlich habe ich schöne Kindheitserinnerungen, aber im Großen habe ich mich in Dresden nicht sehr wohlgefühlt. Der Umgang mit rechten Auswüchsen in Dresden ist einfach so problematisch, dass die Stadt für mich erledigt ist. Mein Herz schlägt eher für Chemnitz.

Wie kommt das?

Es ist die erste Stadt, die ich mir selbst ausgesucht habe. Ich habe da studiert und hatte das Glück, sehr schnell Kreise zu finden, in denen ich mich aufgehoben und verstanden gefühlt habe. Chemnitz ist keine Großstadt und kein Dorf, es gibt Möglichkeiten, sich zu entfalten, aber auch nicht zu viele. Es ist eine unfertige Stadt, es wird ständig etwas geschlossen, man kann aber auch immer wieder etwas aufbauen. Es schweißt zusammen, wenn man mit anderen etwas Neues schafft.

Davon schreiben Sie in Ihrem autobiografisch geprägten Roman „Superbusen“. Noch ein Buch in der Reihe der Ostliteratur junger Autoren?

Es gibt derzeit viel Nachwende- und Ostliteratur. Ich finde das toll, durch diese vielen verschiedenen Perspektiven kommen wir vielleicht langsam einem Gesamtbild entgegen.

Die Hauptprotagonistin Ihres Romans, Gisela, ist wie Sie in eher prekären Verhältnissen in Dresden aufgewachsen. Warum wollten Sie das erzählen?

Es ist relativ neu, dass Frauen, die aus diesen Verhältnissen kommen, in der Öffentlichkeit stattfinden. Genauso wie viele andere marginalisierte Gruppen – etwa schwarze oder arbeitslose Menschen. Es sitzen jetzt mehr Menschen mit am Tisch, die ihre Lebensrealität erzählen dürfen. Manchmal sehe ich das allerdings auch kritisch. Es kommt so rüber, als dürften die jetzt alle mal ein bisschen ihre Geschichte erzählen – aber an den Verhältnissen ändert sich nichts.

Sie werden in Presseberichten dargestellt als eine, die es geschafft hat, sich aus schwierigen Verhältnissen herauszuarbeiten. Wie gehen Sie damit um?

Das ist eher schwierig. Sätze wie „Du hast es verdient“ klingen im ersten Moment nett, aber tatsächlich hat es doch jeder verdient, seine Miete zahlen zu können. Das hat nichts mit Leistung zu tun. Als ich noch keinen Buchvertrag hatte, wollte niemand mit mir über die Verhältnisse reden, aus denen ich komme. Es freut mich, wenn sich Menschen dafür interessieren, aber es muss eine politische Veränderung daraus folgen. Sonst ist es nur voyeuristisch.

In Irmschlers Roman leidet die Hauptperson unter den unfreundlichen Menschen in Dresden. Die Autorin: "Ich habe in Köln gemerkt, wie sehr dieses Genörgel auch in mir steckt."
In Irmschlers Roman leidet die Hauptperson unter den unfreundlichen Menschen in Dresden. Die Autorin: "Ich habe in Köln gemerkt, wie sehr dieses Genörgel auch in mir steckt." © dpa/Robert Michael

Sie beschreiben in Ihrem Roman eindringlich, wie man sich als politisch links engagierte junge Frau in Chemnitz beginnt, mit Neonazis zu arrangieren, was bedeutet: ihnen aus dem Weg zu gehen. Wie lange hält man das aus?

Chemnitz ist eine mittelgroße Stadt, in der es sicherlich nicht so gefährlich ist wie für Linke, die in sächsischen Dörfern leben. Die müssen wirklich um ihr Leben fürchten. Als weiße blonde Frau war es nervig und blöd, aber nicht so schlimm wie für schwarze Menschen.

Ihr Buch spielt auch in der Zeit, in der in Chemnitz die „Wir sind Mehr“-Demonstrationen stattfanden gegen „Rechts“. Warum wollten Sie davon erzählen?

Es war eigentlich nicht meine Absicht. Doch während der Arbeit mit meiner Agentin an dem Stoff wurden die Ereignisse in Chemnitz so präsent. Darum haben wir sie in das Buch einfließen lassen.

Ihr Buch wurde auch aus diesem Grund vor allem gelesen als Buch über linkes Leben in Ostdeutschland. Dabei ist es eigentlich eine Geschichte über Frauenfreundschaften, oder?

Ja, es war auch mein Hauptanliegen, die Geschichte dieser Frauen zu schreiben, die eine Band gründen und auf Tour gehen. Die Frauenfreundschaften, die ich in Chemnitz hatte, waren etwas Besonderes, und das hat schon etwas mit Chemnitz zu tun, mit dem Ort, an dem wir uns gefunden haben. Diese Frauen, die meine Vorlage für die Protagonistinnen in dem Roman waren, sind auch heute noch Familie für mich. Wenn ich nach Chemnitz fahre, ist das wie nach Hause kommen.

Sie beschreiben auch die alltäglichen Probleme dieser junger Frauen: Verliebtsein, Gedanken über das Aussehen, eine ungeplante Schwangerschaft. Mit welcher Absicht?

Ich hatte Scheu davor, das zu tun. Nicht aus Scham, sondern aus Sorge, dass es zu banal wirkt. Das haben auch manche hinterher so empfunden, aber ich finde es trotzdem okay. Menschen können es schätzen, wenn man nicht immer nur die großen Themen behandelt, sondern auch die ganz banale Normalität.

Sie leben jetzt in Köln. War Ihr Wegzug auch eine Flucht aus dem Osten, der es Ihnen auch schwer gemacht hat?

Nein, ich wollte einfach in eine große Stadt. Es wurde eher durch Zufall Köln, weil ich hoffte, dort schreiben zu können. Ein bisschen war das wie in so einem amerikanischen Film über eine Schauspielerin, die unbedingt nach Los Angeles will: Ich habe ein Praktikum bei einem Musik-Magazin gemacht, im Nachtleben gearbeitet und ab und zu journalistische Texte geschrieben. Das war nicht einfach, weil Köln eine sehr teure Stadt ist. Seit anderthalb Jahren habe ich einen festen Job bei der Titanic. Es war eine sehr chaotische Zeit, aber es ist zum Glück gut gegangen.

Inzwischen wohnt Paula Irmschler in Köln: "In Köln sehe ich Menschen von überall, in Dresden hingegen fällt es auf, wenn man Menschen sieht, die nicht weiß sind."
Inzwischen wohnt Paula Irmschler in Köln: "In Köln sehe ich Menschen von überall, in Dresden hingegen fällt es auf, wenn man Menschen sieht, die nicht weiß sind." © picture alliance / dpa

Was begeistert Sie so an Köln?

Obwohl das niemand verstehen kann, finde ich, es ist eine schöne Stadt. Köln hat die perfekte Größe: Es ist eine Großstadt, aber nicht zu stressig. Die Bevölkerung ist sehr gemischt, und es gibt wirklich diese viel beschworene Weltoffenheit, die sehr heilsam ist, gerade wenn man aus Dresden kommt.

In Ihrem Roman leidet Gisela unter den unfreundlichen Menschen in Dresden. Ging es Ihnen auch so?

Ja, und ich habe in Köln gemerkt, wie sehr dieses Genörgel auch in mir steckt, diese Skepsis Fremden gegenüber, das Misstrauen, die Genervtheit. Seit ich im Westen lebe, fällt mir aber auf, dass ich aus dem Osten komme. Die Gesellschaft setzt sich hier einfach anders zusammen. In Köln sehe ich Menschen von überall, in Dresden hingegen fällt es auf, wenn man Menschen sieht, die nicht weiß sind.

Ist es leichter, den Osten zu verstehen, wenn man nicht mehr dort lebt?

Mich interessiert die Frage nach Ost oder West nicht so sehr. Viele Dinge, die mir auffallen, sind eher Fragen der Klasse. Ich stelle fest, dass ich Menschen, die aus prekäreren Verhältnissen kommen, viel besser verstehe als Menschen, die wirtschaftlich stärkere Familien haben.

Werden Sie manchmal gebeten, den Osten zu erklären?

In Interviews schon. Ich frage mich auch oft, ob das so viel Sinn ergibt, wenn ich das tue. Komisch, dass die Nachwendekinder ganz viel erzählen und die Generation davor eher schweigt.

Was sagen Ihre Freunde zum Osten?

Da höre ich eher: Dresden, das soll schön sein, aber ich will da nicht hin.

Aus welchem Grund?

Aus Angst vor Übergriffen. Und nicht-weißen Menschen werde ich diese Angst auch nicht nehmen, weil sie berechtigt ist.

Würden Sie zurückkommen?

Ich will ungern aus Köln weg, aber falls ich irgendwann merke, ich bin fertig mit dieser Stadt, dann kann ich es mir schon vorstellen, wieder nach Sachsen zu ziehen. Ich hatte öfter das Gefühl, dass ich zurück muss nach Chemnitz, weil es politisch wichtig ist, dort präsent zu sein.

Das Interview führte Johanna Lemke.

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