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„Meine Stimme ist noch sehr lebendig“

Tom Jones gibt auch mit 80 noch den Tiger, zeigt sich auf seinem neuen Album in Form. Und er lästert über Trump.

Tom Jones hält sich mit boxen fit, trinkt weniger als früher, aber raucht dafür mehr. Seiner Stimme schadet das jedoch nicht; die ist nur etwas tiefer geworden.
Tom Jones hält sich mit boxen fit, trinkt weniger als früher, aber raucht dafür mehr. Seiner Stimme schadet das jedoch nicht; die ist nur etwas tiefer geworden. © Universal

Tom Jones, der Tiger aus Wales, ist mit 80 Jahren unverwüstlicher Garant für Hits. „It’s Not Unusual“, „Delilah“, „Kiss“ oder „Sex Bomb“ – die großen Erfolge des seit 1963 aktiven Sängers sind so legendär wie stilistisch vielfältig. Sein neues Album ist eine echte Wundertüte. Die Spannbreite reicht von der bissigen Spoken-Word-Nummer „Talking Reality Television Blues“, über die von Michael KIwanuka und Paul Butler komponierte Gitarrensoulnummer „I Won’t Lie“ bis zu den rührend einfühlsamen Lebensabendliedern „I’m Growing Old“ und „Lazarus Man“. Sir Tom sing mit der dunkler gewordenen Stimme eines Mannes, der alles gesehen hat. Im Video-Gespräch spricht er offen über das Leben und das Sterben, aber auch über seine Anstrengungen, agil und gesund zu bleiben.

Mr. Jones, geht es Ihnen gut?

Ich kann mich nicht beklagen. Außer über das Wetter. London hat einen richtig fiesen und kalten Winter hinter sich. Ich habe ja viele Jahre lang in Los Angeles gelebt, war aber immer unterwegs. Wenn ich nach Hause kam, war das wie Urlaub für mich.

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Vermissen Sie Reisen und Bühne sehr?

Yeah, das ist Mist für mich mit diesem Virus. Wenigstens habe ich es mir nicht eingefangen. Ich lebe isoliert in meiner Wohnung in London. Das Haus verlasse ich nur, wenn ich zu den Dreharbeiten von „The Voice UK“ fahre, wo ich in der Jury sitze.

Sind Sie denn schon geimpft?

Ja klar, schon lange.

So klar ist das ja nicht. Hier in Deutschland geht es mit dem Impfen gerade drunter und drüber.

Mit den Impfungen sind wir Briten wirklich auf Zack. Ich bin durch damit. Meine erste Impfung habe ich kurz vor Weihnachten bekommen, die zweite am 6. Januar. Das ist ein wundervolles Gefühl, wenn man weiß, man stirbt nicht daran und muss höchstwahrscheinlich nicht ins Krankenhaus, wenn man sich angesteckt hat.

Ihr Album hat den Titel „Surrounded By Time“, also „Umgeben von der Zeit“. Nimmt man die Zeit anders wahr, wenn man älter wird?

Oh ja. Die Zeit wird werthaltiger und wertvoller, als sie es vielleicht früher einmal war. Kein Tag ist mehr selbstverständlich. Das Stück „I’m Growing Old“ vom neuen Album bekam ich angeboten, als ich gerade mal 31 war. Ich fand die Nummer damals schon super und versprach dem Songschreiber, sie zu behalten und eines Tages aufzunehmen. Jetzt bin ich reif dafür.

Haben Sie Angst, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

An schlechten Tagen habe ich das. Wegen Corona konnte ich ein Jahr nicht auftreten und werde, selbst wenn alles optimal läuft, nicht vor Ende dieses Jahres wieder auf Tournee sein können. Für einen 80-Jährigen ist das eine Ewigkeit.

Sie gehen auch locker noch für Mitte, Ende 60 durch.

Na ja, ich bin schon deutlich langsamer als früher. Ich renne nicht mehr durch die Gegend, auch auf der Bühne nicht. Aber ich habe einen Fitnesstrainer, den ich regelmäßig sehe. Der Kerl nimmt mich so richtig hart ran: Laufen, Rad fahren und Boxen. Er lässt sich immer etwas Neues einfallen.

Sie boxen?

Ja! Boxen ist sogar mein Lieblingssport. Du merkst richtig, wie die Schläge deinen Puls und deine Herzfrequenz hochtreiben, es ist wunderbar. Seit der Pandemie treffen wir uns allerdings nicht mehr im Gym. Er hat mir einen Hometrainer besorgt, der steht im Schlafzimmer, und puh, er steht da nicht nur, sondern er wird auch benutzt. Zusätzlich mache ich jeden Tag Klappmesser und Liegestütze.

Nicht nur Ihr Körper, auch Ihre Stimme ist prächtig in Schuss.

Gott sei dank. Mein Vibrato ist so stark wie eh und je. Meine Stimme ist immer noch bärenstark und sehr lebendig. Die Pause konnte meinen gesanglichen Fähigkeiten zumindest bisher nichts anhaben.

Hat sich Ihre Stimme mit den Jahrzehnten überhaupt verändert?

Sie ist tiefer geworden. Ich übe natürlich das Singen jeden Tag bei mir daheim. Ein Leben ohne Singen kann ich mir nicht vorstellen. Tina Turner sagte vor einigen Jahren in einer Talkshow, dass sie nicht einmal mehr zu Hause singen würde. Das kann ich nicht verstehen. Mensch, Tina. Wir kennen uns ganz gut. Vielleicht muss ich mal mit ihr sprechen. So eine Gabe kann man doch nicht einfach aufgeben. Für mich wäre es körperlich ein Ding der Unmöglichkeit, nicht mehr zu singen. Meine Frau hat immer genau gewusst, wann es wieder Zeit für mich ist, auf Tournee zu gehen. Je länger ich am Stück zu Hause war, desto mehr habe ich gesungen.

Fand Ihre Frau das gut?

Es war ihr lieber, wenn ich den Showman draußen ließ. Wenn ich einen neuen Song lernte, musste ich ihn natürlich unzählige Male vor mich hinsingen. Sie meinte dann immer: „Tommy, kannst du das Mistding immer noch nicht auswendig?“

Ist „Samson And Delilah“, Ihre einzige Eigenkomposition des Albums, eine Fortsetzung Ihres Welthits „Delilah“?

Eigentlich nicht. In „Delilah“ ging es um einen Mann, der seine Frau tötet, weil sie ihm untreu war. Obwohl, vielleicht doch. Auch „Samson And Delilah“ befasst sich mit der Frage, was eine Frau dir antun kann. Die Aussage ist relativ nah an der biblischen Originalgeschichte: Lass es nicht zu, dass ein anderer Mensch dir deine Stärke wegnimmt. Und bei neun von zehn Gelegenheiten ist dieser Mensch im Falle eines Mannes eben eine Frau.

Sie waren 57 Jahre lang, bis zu ihrem Tod 2016, mit Linda verheiratet.

Bei uns war es das Gegenteil von Samson und Delilah. Wir haben uns gegenseitig Kraft gespendet. Als meine Frau im Sterben lag, hat sie mich genötigt, weiter zu singen. Ich war erst zögerlich, aber sie sagte, ich dürfe nicht mit ihr zusammen untergehen. Sie flehte mich an, doch an unsere schönen Zeiten zurückzudenken. Aber als ich sie verlor, schien es mir, als verlöre ich mit ihr auch meine Stärke, meinen Lebensmut. Ich sah sie dann immer vor mir, wie sie mich anlächelte und „Du musst stark sein, Tommy“ zu mir sagte. So gut es geht, halte ich mich an ihre Worte.

Wie ist das Leben als Witwer?

Einsam. Und es wird nicht besser durch die Pandemie. Unser Sohn schaut ein bisschen nach mir.

Sie sind seit Jahren Jurymitglied bei „The Voice UK“. Macht Ihnen die Arbeit mit den jungen Leuten Spaß?

Ich liebe es. Eine Menge Kids sprechen mich auf der Straße an und sagen, dass sie meine Ratschläge wirklich toll finden. Ich denke, ich komme in der Show ehrlich und sympathisch rüber, und versuche ihnen ernsthaft zu helfen, ohne ihnen falsche Hoffnungen zu machen.

Im Song „Talking Reality Television Blues“ üben Sie beißende Kritik an Donald Trump. Kennen Sie den Kerl?

Ja, sicher. Ich habe in drei seiner Hotels in Atlantic City gesungen. Er kam gern zu meinen Shows, denn er mag Frauen. Und mein Publikum war schon immer sehr weiblich. Donald hatte Spaß in meinen Konzerten, das konnte ich von der Bühne aus sehen. Ich hielt ihn für eine Mischung aus Playboy und Geschäftsmann. Ich hätte alle ausgelacht, die gesagt hätten, dass der mal amerikanischer Präsident wird. Jeder wusste, dass sich Donald Trump für Politik überhaupt nicht interessierte.

Sie haben auch eine neue Version von Bob Dylans Song „One More Cup Of Coffee“ aufgenommen. Was ist der Grund?

Weil ich mich total mit diesem Stück identifizieren kann. Als ich noch jünger war, liebte ich meinen Kaffee mit einem guten Schluck Cognac drin und einer dicken kubanischen Zigarre dazu. Und oft genug war es so, dass ich den letzten Drink besser nicht mehr zu mir genommen hätte, denn das „valley below“, wie es in dem Song heißt, ist bei mir immer der Kater am nächsten Tag gewesen. Heute trinke ich nur einen Cognac nach dem Abendessen. Dafür rauche ich mehr, glaube ich. Manchmal zünde ich mir nach dem Mittagessen eine Zigarre an und rauche sie abends auf.

Das Interview führte Steffen Rüth

Das Album: Tom Jones, Surrounded By Time. Universal

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