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Minimalisten mit Erklärungsbedarf

Mira Dayal und Beto Shwafaty erinnern mit Kunst ans Infizieren und Heilen. Zu sehen gibt es wenig, man muss hören und lesen, was sie meinen.

Ausstellung von Mira Dayal und Beto Shwafaty im Kunstverein Dresden. Im Foto: Kurator Alessandro Facente
Ausstellung von Mira Dayal und Beto Shwafaty im Kunstverein Dresden. Im Foto: Kurator Alessandro Facente © Ellen Türke

Von Uwe Salzbrenner

Der Ausstellungsraum ist leer bis auf eine elektronische Fliegenfalle unterhalb einer Lücke in den Deckenplatten. Von der Höhe herab redet eine Stimme englische wie aus dem Dokumentarfilm. Das ist die Hälfte der Kunst, erfunden vom Brasilianer Beto Shwafaty. Die andere Hälfte ist der schludrig gestrichene Farbsockel der Pfeiler und Wände, als Installation konzipiert von der New Yorkerin Mira Dayal. Der ebenfalls in New York lebende Kurator Alessandro Facente hat hier zwei Minimalisten zusammengeführt, deren Werke kaum optischen Reiz bieten: Man muss hören und lesen und auf Abweichungen achten.

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Dem Kunstverein Dresden passte Facentes Idee ins Programm, das noch nicht etablierte internationale Kunst vorstellt. Aus mehr als 70 Bewerbungen von Kuratoren wurde sein Konzept ausgewählt. Angesichts der Reisebeschränkungen muss man sagen: Zum Glück dieses. Dayal und Shwafaty sind Konzeptemacher, sie mussten nur Informationen schicken. Ein Freund des Brasilianers richtete die Insektenfalle ein. Und zwei Dresdner Künstler rührten nach Dayals Rezept einen Sirup aus Wasser, Salz und Nahrungsergänzungsmittel an, den sie auf die Wände strichen.

Mit dem Wissen ums Material – Kollagenpeptid wird aus Rinderspalt und Schweineschwarten hergestellt und soll uns die Gesundheit von Gelenken und Knochen erhalten – ist man beim heiklen Thema vom Infizieren, Verletzen und Heilen, das den Kunstverein überzeugte. Größer gedacht: vom Krieg in sozialen Medien, einer feindseligen Grundstimmung. Mira Dayals Mixtur hängt an den Wänden wie Mikrobenbelag, sie reißt und splittert. Nach der Schau müssen die Wände geputzt werden.

Shwafatys Sprecher trägt die Daten des Verbrauchs von Pestiziden in Brasilien vor, von denen ein Zehntel der Sorten in Europa verboten ist. Es ist ein großes Geschäft; Deutschland der zweitgrößte Exporteur von Pestiziden in der Welt. Die Firmennamen kann auch der des Englischen Unkundige raushören, wie auch Schritte, Regengüsse, Maschinengeräusch und Insektensummen. Pestizide vergiften auch Bienen. Shwafatys Falle bietet dagegen den Heil-Effekt: Sie ist so umprogrammiert, dass sie farbig leuchtet, was verseuchten Bienen angeblich bekommt.

Der Kunstverein gibt sich viel Mühe, das zu vermitteln – mit einem Papier zur Erklärung der Schau, einer zweisprachigen Kopie des Textes von Shwafaty und einer 3D-Vorstellung des Raums auf der vereinseigenen Webseite. Das Personal vor Ort weiß Bescheid. Es erzählt sicher auch, Kurator Facente sei von Otto Dix‘ Gemälde „Der Krieg“ inspiriert, und der Ausstellungstitel von einer Zeile in dessen Tagebuch, die von schlimmen Träumen berichtet. So stellt sich die Frage noch einmal anders: Sind wir für das Leid der Tiere schon genug empfindlich?

Bis 30. April im Kunstverein Dresden, Neustädter Markt 8, Do/Fr 16 – 20 Uhr, Sa 12 – 16 Uhr. Anmeldungen unter: [email protected]

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