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Machtmissbrauch an der HGB

Wie arbeitet die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst die Vorfälle auf?

Blick in den Lichthof der altehrwürdigen Leipzgier Hochschule für Grafik und Buchkunst
Blick in den Lichthof der altehrwürdigen Leipzgier Hochschule für Grafik und Buchkunst © HGB

Ende Oktober 2020 gingen bei der Leitung der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) mehrere Beschwerden über das Verhalten von Ludovic Balland ein. Balland war seit 2017 Professor für Typografie an der HGB. Das Rektorat entschied sich für eine fristlose Kündigung. Sächsische.de sprach mit dem Rektor Thomas Locher und dem Prorektor Prof. Dr. Benjamin Meyer-Krahmer darüber, wie diese Vorfälle nun aufgearbeitet werden.

Herr Locher, was genau ist passiert?

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Zu den konkreten Vorfällen kann ich nichts sagen, weil wir die Persönlichkeitsrechte aller Involvierter schützen müssen. Es geht um Grenzüberschreitungen und die Ausnutzung einer Machtposition.

Warum haben Sie erst auf Anfrage der Sächsischen Zeitung beschlossen, den Fall öffentlich zu machen?

Nachdem wir in der Hochschulleitung die Beschwerden unter Hinzuziehung einer Anwältin bewertet und uns für eine fristlose Kündigung entschieden hatten, galt es Fristen einzuhalten und abzuwarten, ob Herr Balland Einspruch einlegt. Das hat er nicht getan, die Kündigung ist rechtswirksam. Wir sind mitten in der Aufarbeitung und noch dabei, das Geschehen selbstkritisch anzuschauen.

Es gab Gerüchte, dass Herr Balland sich schon an der Kunsthochschule in Basel nicht korrekt verhalten haben soll. Warum haben Sie ihn berufen?

Als Reaktion auf die Einladung von Herrn Balland zu den Probevorlesungen gab es ein Schreiben von HGB-Studierenden, in dem sie die Integrität von Ludovic Balland bezweifelten und ihre Sorge gegenüber einer möglichen Berufung ausdrückten. Die Hochschule ging dem nach. Belastbare Informationen fanden sich nicht. Gerüchte sind keine Fakten, die für eine Einstellung relevant sind. Wir hätten reagiert, wenn etwas davon aktenkundig gewesen wäre.

Herr Meyer-Krahmer, wie geht es den Betroffenen?

Einige haben sehr schwierige Erfahrungen gemacht. Scham, Tabuisierung machen es zusätzlich schwierig, darüber zu reden, auch wenn dieses Thema in der Gesellschaft angekommen ist. Wir haben eine Mediation gestartet für die ehemalige Klasse von Ludovic Balland und für den Fachbereich. Die Studierenden haben die Möglichkeit, mit externen Expertinnen über ihre Erfahrungen und über damit einhergehende emotionale und psychische Verwerfungen zu sprechen. Der nächste Schritt ist, dass die Lehrenden gehört werden. Dann werden die Mediatorinnen mit den Studierenden und den Lehrenden ins Gespräch kommen. Es geht darum, die unterschiedlichen Perspektiven besser zu verstehen und sich gemeinsam konkret zu überlegen, wie können wir die Atmosphäre und Strukturen verändern, damit solche Dinge früher ans Licht kommen und im Idealfall gar nicht erst geschehen. Auf die Kündigung von Herrn Balland haben viele Studierenden mit Erleichterung reagiert. Es wird zudem sehr positiv wahrgenommen, dass es jetzt die Möglichkeit gibt, in einem sicheren Raum mit einem Team, das nicht zur Hochschule gehört, zu sprechen.

Thomas Locher, geboren 1956, wurde 2017 zum Rektor der HGB Leipzig berufen.
Thomas Locher, geboren 1956, wurde 2017 zum Rektor der HGB Leipzig berufen. © Erich Malter

Wie funktioniert das Beschwerdemanagement an der HGB?

Meyer-Krahmer: Wir sind dabei, uns die verschiedenen Beschwerdewege und deren Nutzung noch einmal genau anzuschauen. Es gibt ein Gleichstellungsteam, in dem die Arbeit nun auf mehr Schultern verteilt wurde, das ansprechbar ist für Beschwerden unterschiedlicher Art. Wir werden zudem eine Möglichkeit schaffen, dass die Studierenden externe Ansprechpartner aufsuchen können. Es hat sich gezeigt, dass kleinere Konflikte intern lösbar sind. Im Fall Balland, der uns schon länger beschäftigte, ist uns das nicht gelungen.

Es gab in letzter Zeit in Theatern und im Ballett Rassismus- und Sexismusvorwürfe. Ist der Kulturbereich für Machtmissbrauch besonders anfällig?

Locher: An Theatern und Opernhäusern hat es mit den hierarchischen Strukturen zu tun. An Kunst- und Musikhochschulen hat es auch mit den besonderen Formaten der künstlerischen Bildung zu tun: kleine Klassen, Einzelunterricht ... Zum anderen ist die künstlerische Arbeit, auch die künstlerische Bildung, stark vom Selbst geprägt. Im Binnendiskurs zwischen Lehrenden und Studierenden müssen Respekt und Vertrauen existieren, wenn man die Grenzen des Sag- und des künstlerisch Machbaren versucht auszuloten. In dem Moment, wo dieses Verhältnis gestört ist durch Machtmissbrauch und Diskriminierung, hat man ein Problem. Die Integrität der Studierenden muss respektiert werden. Das betrifft alle Formen des Miteinanders an der Hochschule, auch in der Verwaltung und in den Werkstätten.

Ist die Kunstszene geprägt von einer gestörten Selbstwahrnehmung?

Locher: Sie ist geprägt von einer Illusion von Emanzipation und Offenheit, getreu dem Motto: Das Böse passiert in der Gesellschaft, aber nicht bei uns. Wir konnten uns ja auch nicht vorstellen, dass so etwas an der HGB passiert. Dabei haben wir es an anderen Institutionen schon vorher wahrgenommen. Aber das Bewusstsein wächst, dass inakzeptables Verhalten vermeintlicher Genies nicht tolerierbar ist. Maestrofiguren und Stars wurde viel zu viel zugebilligt im Umgang mit Studierenden: Druck, Angst, Manipulation. Das darf nicht weggewischt werden mit dem Argument, dass man junge Künstler und Künstlerinnen auf das harte Leben außerhalb der Hochschule vorbereiten muss.

Aber sie geschützt vor der Realität vom Künstlerleben träumen zu lassen, kann auch nicht der richtige Weg sein.

Locher: Wir wollen ganz klar sagen, die Vorbereitung besteht in der Sensibilisierung durch das Lehrpersonal, nicht durch Angst und Druck. Daran arbeiten wir, auch unser Gleichstellungskonzept wird fortlaufend evaluiert.

Ist es ein Problem, dass die Lehrenden an einer Kunsthochschule Künstler, aber keine Pädagogen sind?

Locher: Der ideale Grund, hier zu unterrichten, ist, dass man begabte junge Leute in ihrer künstlerischen Entwicklung begleiten darf. Die Lehre hier unterscheidet sich sehr von klassischen Hochschulen und akademischen Formaten. Unsere Lehrenden haben eigene Netzwerke, die sie an die Hochschule mitbringen und zum Teil öffnen für ihre Studierenden in Form von Empfehlungen oder Galerieausstellungen.

Das Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden ist also sehr intensiv, oft auch auf Augenhöhe?

Meyer-Krahmer: Es ist wichtig, dass wir uns der bestehenden Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse bewusst sind. Und es ist mitunter gar nicht so einfach mitzubekommen: Wo habe ich eine Grenze überschritten? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich in meinem Unterricht nicht versehentlich übergriffig werde? Sollte es mir doch passieren, wie kann ich sicherstellen, dass es angesprochen wird und ich die Möglichkeit bekomme, darauf zu reagieren und mein Verhalten anzupassen?

Was braucht die HGB, um das umsetzen zu können?

Meyer-Krahmer: Wir geben uns nicht der Illusion hin, diskriminierungsfreie Räume schaffen zu können. Prävention und Sensibilisierung sind daher sehr wichtig – wir müssen besser verstehen, um welche Verhaltensweisen es geht. Unabhängig davon können wir etwas dafür tun, drastische Fälle zu verhindern. Es geht aber auch um das Finden einer gemeinsamen Sprache und um Methoden, Formen, Formate, das anzusprechen. Wir reden in den Gremien über Stellen, Haushalt, Strukturen. Emotionen kommen in diesen Beratungen nicht vor, höchstens als Gegenstand von Kunst oder als Material für die Kunst. Es gibt einige Studierende, von denen können wir da viel lernen. Sie haben keine Scheu, deutlich zu sagen, wenn sie gerade nicht gut finden, wie ich mit ihnen rede. Oder wenn sie ein Mitspracherecht einfordern. So ein Feedback hilft uns. Idealerweise lernen wir alle miteinander.

Der Freistaat hat von den Kunsthochschulen gefordert, mehr Frauen einzustellen. Kann das hilfreich sein?

Locher: An der HGB steht ein Generationswechsel bevor, wir werden mehr Professorinnen ins Amt holen. In dieser Frage haben wir uns allerdings nicht nur von der Politik beeinflussen lassen. Dieses Bedürfnis entstand in der Hochschule. Wir haben eine Frauenquote in den Kommissionen, die wir zunächst auf 40 Prozent festgelegt haben angesichts der Tatsache, dass der Anteil der Frauen unter den Lehrenden nicht hoch genug ist. Mit anderen Worten: Viele Professorinnen arbeiten in mehreren Kommissionen.

Prorektor Prof. Dr. Benjamin Meyer-Krahmer
Prorektor Prof. Dr. Benjamin Meyer-Krahmer © PR

Wie viele Professorinnen arbeiten an der HGB?

Locher: 34 Prozent unserer Professoren sind Frauen. Das ist das Ziel, das der Freistaat gesetzt hat, und das haben wir erreicht. Stand heute in absoluten Zahlen ist: Von 34 Lehrenden mit Professur sind 13 Frauen. Wir haben eine Kanzlerin, zwei Prorektoren und einen Rektor. Ich habe mehrfach versucht, Frauen für das Rektorat zu gewinnen, leider ohne Erfolg.

Sind Frauen davor gefeit, Macht zu missbrauchen?

Meyer-Krahmer: Nein, das sind sie nicht. Das ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Persönlichkeit, des Charakters und der kritischen Selbstreflexion. Es geht also auch um Fortbildung. Deshalb bieten wir die Mediation an und beginnen eine entsprechende Prozessbegleitung.

Wer bezahlt die externen Mediatorinnen?

Locher: Wir bezahlen sie aus unseren eigenen Mitteln, wir müssen umschichten. Wir haben für den Mediationsprozess bewusst ein größeres Budget zur Verfügung gestellt. Der Freistaat hat eine Koordinierungsstelle für Chancengleichheit an sächsischen Hochschulen eingerichtet. Da können wir uns Rat holen, aber wir können uns dort beispielsweise keine hausinterne Richtlinie zum Umgang mit sexueller Diskriminierung und Gewalt auf Basis des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes erarbeiten lassen. Wir haben auch keine Juristen im Haus. Das sind Expertisen, die wir uns nicht mal so nebenbei aneignen können.

Interview: Birgit Grimm

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