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Kunst mit alten Dias und Feuchtigkeitscreme

Das Leipziger „f/stop“ ist eines der wichtigsten Fotografiefestivals des Landes. Diesmal thematisiert es Vertrauen als Währung des 21. Jahrhunderts.

Selbst alte Fotoapparate bekommen jetzt in der Leipziger Spinnerei eine zweite Chance. Auf dem Areal findet bis Sonntag die neunte Auflage von „f/stop“, dem Festival für Fotografie, statt. Zudem laufen etliche Online-Veranstaltungen.
Selbst alte Fotoapparate bekommen jetzt in der Leipziger Spinnerei eine zweite Chance. Auf dem Areal findet bis Sonntag die neunte Auflage von „f/stop“, dem Festival für Fotografie, statt. Zudem laufen etliche Online-Veranstaltungen. © dpa-Zentralbild

Von Sarah Alberti

Ein Festival für Fotografie inmitten einer unklaren Pandemiesituation zu realisieren, ist eine Leistung. Als Susan Bright und Nina Sand vor einem Jahr das Angebot bekamen, das „f/stop“ in Leipzig zu kuratieren, „lebten wir aufgrund der Pandemie alle in einem Zustand höchsten Alarms, und es war kurz nach dem Tod von George Floyd im Mai“, so die australisch-britische Kuratorin Bright.

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Gemeinsam mit Nina Strand, Künstlerin, Autorin und Gründerin des Osloer Kunstjournals „Objektiv“, hat sie für eines der wichtigsten Festivals für Fotografie in Deutschland das Thema Vertrauen gewählt. Vertrauen sei die Währung des 21. Jahrhunderts: Ob Corona-Pandemie, Black-Lives-Matter, #metoo, Fake News, der Umgang mit Technologien – mehr denn je ist Vertrauen entscheidend dafür, wie wir uns verhalten. Schon dem Medium Fotografie ist die Vertrauensfrage eingeschrieben, nicht erst, seit jeder Fotos online bearbeiten kann.

Marlene Dietrichs Hände

Carmen Winant hat Poster mit Fotos von Händen collagiert, die in ganz Leipzig sowie im Eingangsbereich der Ausstellung gezeigt werden. Ausgangspunkt ihrer Sammlung waren Fotos aus einem alten Buch, die die Hände von Marlene Dietrich bei Auftritten zeigen. In Zeiten, da wir alle auf das Händeschütteln verzichten und der erhobene Daumen zu einem gängigen Kommunikationsmittel in beruflichen Zoom-Meetings geworden ist, laden die aus ihren Kontexten herausgelösten Gesten dazu ein, über Verletzlichkeit, Zupacken und Begeisterung nachzudenken.

Die Arbeit "Lines & Clouds" der Berliner Künstlerin Victoria Binschtok in der Werkhalle der Spinnerei. Das Kunstwerk wird auf dem 9. Festival für Fotografie "f/stop" gezeigt.
Die Arbeit "Lines & Clouds" der Berliner Künstlerin Victoria Binschtok in der Werkhalle der Spinnerei. Das Kunstwerk wird auf dem 9. Festival für Fotografie "f/stop" gezeigt. © dpa-Zentralbild

Das Motiv der Hände zieht sich durch die Ausstellung: Die norwegische Künstlerin Ingrid Eggen inszeniert sie wie kleine Skulpturen, mal einzeln, mal ineinander verschlungen. Die Hände der französischen Künstlerin Laure Prouvost werden zu Hauptdarstellern ihrer Filme und verteilen Feuchtigkeitscreme auf einem Ausstellungskatalog. Auf einen Katalog verzichtet das Festival erstmals. Stattdessen stehen auf der Festivalwebsite „Digital Wonderings“ in Form von kurzen Texten, Gesprächen und Videos bereit. Kuratieren unter pandemischen Bedingungen bringt Lösungen hervor, die eine zeit- und ortsunabhängige Rezeption ermöglichen.

Stimmtraining für Margaret Thatcher

Ob digital oder live in Leipzig – „TRUST/vertrauen“ präsentiert Werke, die dazu einladen, über Einvernehmlichkeit, künstlerische Handlungsmacht, computergestützte Beziehungen, Glauben, Körper und Intimität nachzudenken. Die starken Einzelpositionen treten in Dialog mit Arbeiten von 22 Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Tess Marschner nahm eine Studie zum Ausgangspunkt für ihre Videoarbeit, laut der Frauenstimmen in den vergangenen Jahren deutlich tiefer geworden seien. Margaret Thatcher nahm noch zwei Jahre Stimmtraining, um ihre Stimme um mehrere Halbtöne zu senken – je tiefer, umso vertrauenswürdiger.

Posieren in der Hauptausstellung nackte Männer der Queer-Community selbstbewusst vor der Kamera von Paul Mpagi Sepuya, zeigt Sophie Meuresch einen nackten jungen Mann mit Säugling im Schoß. Ein authentisches Abbild heutiger Vaterrollen, zumindest im Kreativ-Milieu.

Blick in eine Ausstellungshalle der Spinnerei., in der derzeit das Festival für Fotografie läuft.
Blick in eine Ausstellungshalle der Spinnerei., in der derzeit das Festival für Fotografie läuft. © dpa-Zentralbild

Jane Beran eignete sich für ihr Diplom Dias ihres Großvaters an, 2.000 Stück, entstanden seit den 60er-Jahren bis zur Wendezeit. Sich zum Teil widersprechende Erinnerungen laufen parallel zu den neu abfotografierten Projektionen auf einem Bildschirm: „Die Familie verließ Tschechien im Juni 1946, da sie sich nicht mehr sicher fühlte und einer plötzlichen offiziellen Vertreibung zuvorkommen wollte.“ Im Vertrauen auf eine bessere Zukunft hat auch Raisan Hameed seine Heimat im Juni 2014 verlassen, kam 2015 aus dem Irak nach Deutschland. Als Künstler und Journalist ist er vor dem IS geflohen, zwei Freunde von ihm wurden auf der Straße hingerichtet. 40 Videostills von der Überfahrt mit dem Schlauchboot hat er zu einem großen Bild zusammengefügt.

Mehr Verständnis für die Welt

Seit seiner Gründung 2007 hat das Festival stets auf aktuelle Fragen der Gegenwart reagiert und den Fokus von einer ursprünglich eher lokalen Perspektive auf Leipzig bereits in den jüngsten Ausgaben deutlich auf internationale und interdisziplinäre Themen geweitet. Wie die letzten, so ist auch diese Ausgabe konsequent im Hier und Jetzt, will ein Programm zeigen, das hilft, die Welt, unsere Rolle in ihr und unseren zukünftigen Weg besser zu verstehen – nicht nur durch das Medium Ausstellung, sondern auch durch ein umfangreiches Begleitprogramm. Während des Festivals finden online täglich Gesprächsformate statt.

Im Dialog zu den Werken der Hauptausstellung entwickeln blinde Fotografen, junge Migranten, Schüler und Gehörlose eigene Arbeiten – auch diese Entstehungsprozesse lassen sich online verfolgen. Zahlreiche Leipziger Kunsträume und Museen zeigen parallel Fotografie. Leipzig als Fotografie-Stadt wieder stärker in den Fokus zu rücken, ist die Kern-Vision, die das Festival in Zukunft verfolgen wird.

f/stop – 9. Festival für Fotografie Leipzig, Hauptausstellung auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, bis 4. Juli täglich 12 bis 21 Uhr. Der Eintritt ist in diesem Jahr frei.

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