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Christa Wolf und das geteilte Deutschland

Vor zehn Jahren starb die Schriftstellerin, die andere Menschenbilder zeichnete als die der offiziellen DDR-Seite. Jetzt erscheinen Essays und Reden von ihr.

Von Karin Großmann
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2010 erhielt Christa Wolf im Theater in Lübeck den Thomas-Mann-Preis. Ein paar Monate später, heute vor zehn Jahren, starb die Schriftstellerin.
2010 erhielt Christa Wolf im Theater in Lübeck den Thomas-Mann-Preis. Ein paar Monate später, heute vor zehn Jahren, starb die Schriftstellerin. © dpa

Die Verkäuferinnen des Intershops, der marktgerecht umgerüstet wurde zum Sex-Shop, tun sich noch etwas schwer mit dem neuen Sortiment. Das schreibt Christa Wolf einem Schweizer Publizisten im Jahr 1991. Sie lässt die zugereisten Anzugträger als neue Oberschicht aufmarschieren in dem Land, das sie übernommen haben. Die Angestellten seien froh, wenn sie angestellt bleiben dürften. Vorsorglich verrate ein Kollege den anderen. Jeder verkaufe das, was er habe, und zuerst sich selbst.

Manche würden jetzt wieder der Botschaft vertrauen, dass Gurken aus dem Spreewald genießbar seien. So sarkastisch schreibt Christa Wolf selten. Spott, Ironie und Humor zählen nicht zu ihren bevorzugten literarischen Mitteln. Im Privaten mag das anders gewesen sein. In ihren gedruckten Texten erscheint sie nachdenklich bis zur Selbstzerstörung. Vor zehn Jahren ist sie gestorben, am 1. Dezember 2011. „Ein Posten ist vakant“, schrieb sie nach dem Tod ihres Freundes und Kollegen Max Frisch.

Immer wieder hat sie ihr Verbleiben in der DDR erklärt

Ihre Romane und Erzählungen haben Generationen von Lesern beeinflusst, im Osten mehr als im Westen. Die Textfassungen waren nicht immer identisch und auch die Wirkungen waren es nicht. DDR-Leser haben in Christa Wolfs Büchern Gegenentwürfe erfahren zu dem engen Menschenbild, das von offizieller Seite vermittelt wurde. Sie stellte Fragen, die in den Medien nicht gestellt werden durften. Im Schutz ihrer Prominenz konnte sie weitergehen als manche ihrer Kollegen. Weggegangen ist sie nicht. In zahllosen Interviews hat sie die Gründe erklärt.

Einen ihrer letzten Auftritte hatte sie im April 2011 im Dresdner Schauspielhaus. Als sie gestützt auf einen Stock auf die Bühne kam, stand das Publikum auf zu einem langen, langen Applaus. Sie las aus dem Roman „Stadt der Engel“ – eine rigorose, erschütternde Selbstbefragung. Das aber gilt für Christa Wolfs Schreiben generell und noch einmal mehr für ihre Essays und Reden. Sie sind nun gebündelt nachlesbar in einer dreibändigen Kassette. Die Herausgeberin Sonja Hilzinger betreute auch die Werkausgabe. Ein Personenverzeichnis fehlt leider.

Christa Wolf schrieb Geburtstagsartikel und Trauerreden

Hier trifft sich deutsche Geistesgeschichte: Heinrich Böll, Max Frisch, Maxie Wander, Volker Braun, Franz Fühmann, Anna Seghers – Christa Wolf war zur Freundschaft begabt. Sie war nicht nur kühle Beobachterin. Ihr Blick auf die Welt war von Anteilnahme bestimmt. In ihrem Netzwerk war jeder eingestellt auf ein Leben mit Widerspruch und Konflikten. Einer stand dem anderen bei, ermutigend und ermunternd. Das belegen auch Wolfs Briefwechsel etwa mit Brigitte Reimann.

Für ihre Wahlverwandten schrieb sie Geburtstagsartikel und Trauerreden, sie verfasste Vorworte und Nachworte zu fremden und eigenen Editionen und bekräftigte in Reden immer neu ihren Anspruch: „wahrheitsgetreu zu erfinden aufgrund eigener Erfahrung“. Die Essays und Reden aus fünf Jahrzehnten geben Aufschluss über Christa Wolfs Selbstverständnis als Schriftstellerin. Sie will ins Unbewusste, Ungesagte, Ungesehene vordringen, um etwas heraufzuholen aus den Untiefen, das die Erkenntnis befördern könnte – über sich selbst, über gesellschaftliche Verwerfungen und das Verhalten des Einzelnen.

Plädoyer für ein gesamtdeutsches Nationalbewusstsein

Manchmal fragt Christa Wolf Psychologen, Psychoanalytiker und Naturwissenschaftler um Rat. Würde man ihre Texte auf Schlüsselwörter durchkämmen, stünden voran Begriffe wie Erfahrung, Realität, Schmerz, Generation, Spur, Wahrheit, Widerspruch. Leben und Schreiben war für sie nicht zu trennen, Kunst nicht von Alltag, Schuld nicht von Verantwortung, Reflexion nicht vom Erzählen. So etablierte sie sich als berühmteste Vertreterin einer Schreibweise, die als „subjektive Authentizität“ in die Literaturgeschichte einging.

Der erste Text der dreibändigen Sammlung stammt vom April 1961, er wurde in der Tageszeitung Freiheit gedruckt. Zu dieser Zeit lebte Christa Wolf mit Mann und Tochter in Halle und arbeitete als Lektorin für den Mitteldeutschen Verlag. In dem Zeitungsartikel plädiert sie für ein gesamtdeutsches Nationalbewusstsein. Mit der Teilung des Landes dürfe man sich nicht abfinden, schreibt sie ein knappes halbes Jahr vor dem Mauerbau. Die Mauer ist längst Geschichte, als sie 2010 den letzten hier publizierten Text verfasst. Darin denkt sie über die Asche-Bilder des Malers Günther Uecker nach und über den Zerstörungstrieb des Menschen.

Wann verschlägt es uns die Sprache?

Fast prophetisch mutet der Satz an: „Wir lassen Zeit verstreichen, die wir für tiefgreifende Änderungen unserer Lebensweise nutzen müssten.“ Wie oft erweist sich Christa Wolf als eine Schriftstellerin, die manches mit ihrer Erzählfigur Kassandra gemeinsam hat. „Vielleicht liegt den Menschen, die heute da sind, nicht wirklich – oder nicht genug – daran, als Gattung zu überleben; vielleicht genügt ihnen die Aussicht auf ein relativ ungestörtes Dasein für ihre eigene Lebensdauer?“, fragt sie in einem Essay 1968.

„Was kann noch geschehen, ehe es uns die Sprache verschlägt?“, heißt es in ihrer Dankrede für den Büchner-Preis 1980. Und wie weitsichtig klingt ihre Warnung von 1991, dass ein Phantombild an die Stelle der konkreten Geschichte zu treten drohe. So finden sich in vielen dieser Essays und Reden Sätze zum Anstreichen, weit über den konkreten Anlass hinaus. Und sei es der Rat des Philosophen Wolfgang Heise, den sie in einer Rede zitiert: „anständig bleiben“.

  • Christa Wolf: Essays und Reden. Suhrkamp-Verlag, 1.800 Seiten, 36 Euro