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Mit weiblicher Wut ist nicht zu spaßen

Rebellische junge Frauen geben beim Dresdner Literaturfest den Ton an mit herber Melancholie und derbem Sound.

Über Freundinnenschaft berichtete Lisa Krusche in Dresden.
Über Freundinnenschaft berichtete Lisa Krusche in Dresden. © Copyright: Peter R. Fischer; www

Sie kommen aus komplizierten Familien, leben vom Ladendiebstahl und fühlen sich stark. Die jungen Frauen in den Büchern der jungen Frauen sind sehr besonders. Das fällt einem auf, wenn sie so konzentriert in Erscheinung treten wie beim Dresdner Festival „Literatur Jetzt!“.

Da wird gekokst und gekifft, geliebt und gezweifelt, da wird rebelliert gegen alles und alle. Mit dieser neuen Generation ist nicht zu spaßen, nicht mit dieser weiblichen Wut. Wehe, wer unerwünscht nähertritt. Die Wut wächst aus ureigener böser Erfahrung und richtet sich gar nicht nur gegen übergriffige Männer. „Die Gesellschaft draußen ist wie meine Familie, kurz vorm Abschmieren“, heißt es etwa im Romandebüt von Lisa Krusche.

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Für die Frau in einem Gedicht von Monika Hefter wäre „Kapitalismus aufessen“ eine denkbare Alternative, „Hunger abschaffen, Wälder reparieren, Bäume schützen“. Sie überlegt, ob man sich mit gutem Gewissen ein Bett bei Ikea kaufen kann. Und wie viel darf es kosten? „Aus Gründen der Kapitalismuskritik“ verweigern die halbwüchsigen Mädchen im Roman von Stefanie Sargnagel ihre Teilnahme an einem Laufwettbewerb, weil er von der Firma Nestlé gesponsert wird.

Starker weiblicher Jahrgang

Der ironische Grundton kann das Gefühl von Verlorenheit kaum überdecken, das die jungen Frauen in diesen Büchern mit sich herumtragen. Sie kokettieren mit einer No-Future-Attitüde und haben tatsächlich keine Ahnung von ihrer Zukunft. „Meine Eltern haben an so Dinge geglaubt: Emanzipation, Antikapitalismus, Anarchie, aber auch Rente. Und an die Kunst. Hat bloß alles nichts genützt. Jetzt sind sie am Aufgeben und Durchdrehen gleichzeitig.“

Manche Töchter sind das, was man wohlstandsverwahrlost nennt oder verhaltensauffällig. Ihre Schwestern im Geiste finden sich bei Autorinnen wie Ulrike Almut Sandig, Nadja Küchenmeister oder Antje Rávic Strubel. Gar nicht zu reden von den Kinderbuchmacherinnen Anke Kuhl und Katharina von der Gathen, die mit ihrer freimütigen Körperkunde wirklich jede Frage beantworten.

Die Hausspinne lässt sich nicht stören

Was für ein starker weiblicher Jahrgang! Die 13. Ausgabe des Dresdner Literaturfestivals brachte von Mittwoch bis Sonntag einen anregenden Mix, zu dem auch die männliche Autorenprominenz beitrug – so viel Gerechtigkeit muss sein. Das Zentralwerk in Dresden Pieschen, bis 1996 der Grafische Großbetrieb Völkerfreundschaft, lieferte erneut die Kulisse: ein charmantes Provisorium mit frischem Parkett und abblätternder Farbe. Beim Lyrikparcours führt ein Trompeter die Neugierigen wie der Rattenfänger von Hameln hinweg. Über Emporen und Treppen geht es in abgelegene Räume: haltbarer DDR-Estrich, rohe Holzbalkendecke, verstaubte Fabrikfenster. Eine Hausspinne in der Ecke lässt sich beim Netzeknüpfen nicht stören. Vielleicht mag sie Gedichte?

An drei Stationen wird vorgelesen. „Niemand wusste genau, wie spät es war, als es zu spät war“, heißt es bei Nadja Küchenmeister. Durch ihre Texte schwebt eine herbe Melancholie. Von Hoffnung kann keine Rede sein. Jemand erinnert sich ans Erinnern und noch mehr an nichts. Ein Abschied wird beschrieben wie eine panische Flucht. „Ich verlasse alles.“ Das klingt schlimmer, als es ist, sagt die Autorin, wenn man erst weg ist. Weit weg wäre gut, wenn es aus allen Himmeln stürzt wie in einem Gedicht von Arne Rautenberg. Das will man sich nicht vorstellen, wie betrunkene Amseln herunterfallen oder gefrorene Karpfen, Finger, Haarbüschel, Würmer. Eine kleine Apokalypse für zwischendurch. Rautenberg liest eines der kürzesten Gedichte der Welt. Es besteht aus vier Buchstaben: Wi’nd. Die Lücke beim Apostroph wird gebraucht, damit er durchwehen kann.

Der Vorteil, Arbeiterkind zu sein

Dieses Literaturfestival ist auch ein Fest für die Sprache. Es begann fast als Geheimtipp, wechselte mehrfach den Ort und hat sich in den letzten Jahren erfreulich entwickelt. Die Lesungen gibt es im Doppelpack mit Gesprächen. So erfährt man zum Beispiel, dass die Herkunft aus einem prekären Arbeiterhaushalt manchen Vorteil bringt gegenüber kreuzbraven Mitschülern: Man kann viel besser fluchen als sie, man kann 18 Stunden am Tag vorm Fernseher sitzen und sich bilden, und man kriegt Schokoriegel als Pausensnack statt Körnermüsli.

Dann kann man sich auch körperlich besser durchsetzen, sagt Stefanie Sargnagel grinsend. Sie ist in Wien aufgewachsen beziehungsweise im Internet und schreibt aus unverstellter Ich-Perspektive im derben Sound der Straße. Die Stefanie im Roman schwänzt die Schule, zieht durch zwielichtige Beisln und findet immer einen, der ihr Alkohol kauft. Der Aids-Michl zum Beispiel. In seiner Wohnung treffen sich pubertierende Gymnasiasten, alte Säufer und die bipolaren Kumpel aus der Psychiatrie. Allesamt Lebenskünstler und Outsider, die nur eines vom Abgrund zurückhält – das, was sie zusammenhält: Freundschaft.

Blaue Frau als rettender Engel

Freundinnenschaft heißt das bei Lisa Krusche. Sie lässt zwei Mädchen von etwa siebzehn im Twitter-Ton reden. Das launige Plappern soll hinwegtäuschen über Frust, Einsamkeit, Katzenjammer. Exakt in der Mitte des Romans treffen die Mädchen aufeinander. Die Autorin wirbt für einen erweiterten Liebesbegriff. „Die steuerlich bevorzugte Kleinfamilie ist nicht mehr zeitgemäß. Es gibt längst viele Lebensmodelle jenseits der Blutsverwandtschaft.“ Jedes Modell setzt wechselseitige Akzeptanz voraus. Die ist nicht leicht zu haben, wie Antje Rávic Strubel in ihrem Roman erzählt. Da geht es um toxische Männlichkeit und um verächtliche Geringschätzung des Westens gegenüber Osteuropa. Das macht die junge Tschechin Adina zum doppelten Opfer. Mit unentrinnbarer Wucht treibt der Roman auf eine Gewalttat zu.

Antje Rávic Strubel erzählt, dass sie acht Jahre lang an dem Text arbeitete und zwischendurch fast verzweifelte. Wie ein rettender Engel tritt eine Blaue Frau auf, ein geheimnisvolles, kluges Wesen, blau wie das Meer und die Tinte. Sie spricht mit einer Ich-Figur über die Mühe des Schreibens und warum es der Anstrengung wert ist. „Blaue Frau“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Mit dieser Autorin setzt das Festival am Sonntagvormittag einen herausragenden Schlusspunkt.

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