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Warum eine Star-Professorin nicht weiß sein will

Die Autorin Mithu Sanyal mischt sich mit einem provozierenden Roman in die Debatten um Rassismus und Identität ein.

Mithu Sanyal hat ein Talent zur Polemik.
Mithu Sanyal hat ein Talent zur Polemik. © Guido Schiefer

Der Skandal ist perfekt. Er beschäftigt Medien in aller Welt. Die Kommentare im Internet überbieten sich in Empörung. Studierende fallen in Schockstarre. Was ist passiert? Die farbige Vorzeigeprofessorin der Düsseldorfer Universität wird als Weiße entlarvt. Frau Saraswati hat sich den Lehrstuhl für Postkoloniale Studien unter falschen Vorzeichen erschlichen, heißt es, sie hat ihre Jünger enttäuscht und alle Menschen mit echter nichtweißer Haut verraten. „Deutsche Professorin verkleidet sich als Negerin, um Gendergaga unterrichten zu dürfen“, höhnt die AfD. Mit dem Sturz eines Mythos beginnt der Debütroman der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal.

Das Buch erscheint diese Woche unter dem doppeldeutig-ironischen Titel „Identitti“. Die Lieblingsstudentin der Star-Professorin schreibt unter diesem Namen in ihrem Blog über Brüste. Und sie quält sich herum mit ihren zwei Herkünften und ihrem exotischen Aussehen, sodass ihr Freund genervt spottet: Du immer mit deiner Identitti! Als Weißer hat er mit seiner Identität kein Problem. Aber so leicht kommt er nicht davon.

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Und leicht ist hier gar nichts, das ist das Erfreuliche an diesem Buch. Kaum freundet man sich mit einer Gewissheit an, wird sie infrage gestellt, weil „jeder Gedanke Augen bekam und zurückschaute“. Mit Witz und Tempo spielt die Autorin widersprüchliche Theorien durch, unterschiedliche Perspektiven und wechselnde Rollenmuster. Mithu Sanyal inszeniert lustvoll Grenzüberschreitungen aller Art. Sie liefert Argumente, die manchen vielleicht überraschen – weil sie weniger bekannte Innenansichten zeigen. Bei allem herrscht ein scharfzüngiger Ton.

Talent zur Polemik

Die Autorin, die Kolumnen schreibt, Vorträge hält und zwei Sachbücher publizierte, hat ein Talent zur Polemik. Davon gibt sie der Lieblingsstudentin Nivedita einiges mit, auch von ihrer eigenen Denkweise und ihrer Biografie. Mithu Sanyals Vater wanderte in der Adenauer-Zeit als Ingenieur aus Indien nach Deutschland ein. Ihre Mutter ist eine polnischstämmige Deutsche.

Sie selbst wurde 1971 in Düsseldorf geboren und gewiss ständig gefragt: Woher kommst du denn? Wieso sprichst du so gut Deutsch? Vermutlich hat sie ebenso oft beteuert, dass sie weder tempeltanzen kann noch Sitar spielen. Trotzdem, sagt die 23-jährige Nivedita im Roman, gab es nie die Chance auf eine Hauptrolle im Schülertheater. Nie einen Platz für sie im System. „Rassismus bedeutet, dass du dich selbst als nicht zugehörig empfindest.“ Zum ersten Mal fühlt sie sich in ihrer cognacfarbenen Haut wohl bei Saraswati. Die ist eine von uns!, jubelt sie.

Mithu Sanyal stürzt sich unerschrocken hinein in die heiklen Debatten um Rasse, Identität und kulturelle Aneignung.
Mithu Sanyal stürzt sich unerschrocken hinein in die heiklen Debatten um Rasse, Identität und kulturelle Aneignung. © Guido Schiefer

Zu Beginn des Seminars schickt die Professorin alle Weißen vor die Tür. Sie sollen spüren, was Ausgegrenztwerden bedeutet. Vor allem aber will sie die anderen ertüchtigen, sich selbst wertzuschätzen und ihr eigenes Potenzial zu entwickeln. „Dekolonisiere deine Seele!“ Mithu Sanyal stürzt sich unerschrocken hinein in die heiklen Debatten um Rasse, Identität und kulturelle Aneignung.

„Race ist ein System, um Menschen in Raster zu packen, aus denen sie gefälligst nicht ausbrechen dürfen.“ Die Betroffenen hätten nur zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Entweder integrieren sie sich bis zur Unkenntlichkeit, oder sie sind stolz auf den nicht-weißen Elternteil. Beides fühlt sich falsch an, sagt Nivedita. Die Studentin vergöttert ihre Professorin und stachelt sie zugleich durch Widerspruch auf. Mithu Sanyal erfindet den schönen Begriff „konfrontative Liebe“.

Plötzlich kursieren Fotos und Dokumente im Internet. Sie belegen die Verwandlung der blondgelockten Sarah Vera Thielmann aus einem biodeutschen Mittelstandshaushalt in eine dunkelhäutige Saraswati mit indischem Hintergrund, inklusive Sprechunterricht und Augen-OP.

Roman fordert zum Widerspruch heraus

Nivedita ist fassungslos: „Du warst mein moralischer Kompass und hattest keinen moralischen Knochen in deinem Körper.“ Saraswati reagiert genauso enttäuscht und fragt: Ob Nivedita denn nichts bei ihr gelernt habe. Ob die Hautfarbe einen Unterschied mache. Wer ihr die Definitionsmacht über sich selbst absprechen wolle. Andere mischen sich selbstgerecht, vorwurfsvoll oder begeistert in den Streit ein.

Die Wohnung der Professorin gerät zum Debattenforum und der Roman stellenweise zum Thesenpapier. Mithu Sanyal zitiert nicht nur internationale Forscherprominenz, sie hat Politiker und Journalisten um einen Kommentar zum Fall Saraswati gebeten. Der akademische Diskurs gipfelt in der Frage: Wenn jeder sein Geschlecht frei bestimmen kann, warum nicht die ganze Person mit Haut und Haar?

Der Roman fordert heraus zum Widerspruch. Das spricht für ihn. Obendrauf gibt es herzliche Nebenfiguren und feine Beobachtungen, wenn es etwa heißt, dass Saraswati mit zerkrumpelter Stimme aus dem Schlaf kommt und aussieht wie eine Meerjungfrau nach einer Nacht in der Hafenkneipe.

Und es gibt Spannung. Hat sich die Professorin umgewandelt, um jenem Schwarzen endlich nahe zu sein, den ihre Eltern als Kind adoptierten? Wollte sie seine lebenslängliche Diskriminierungserfahrung teilen oder war alles Kalkül? Sollte er die entlarvenden Fotos finden? Wollte sie die Dominanzgesellschaft erschüttern oder sich für den Oxford-Lehrstuhl über Weiß-Sein empfehlen oder beides? Eindeutige Antworten gibt die Autorin nicht. Eindeutigkeit, lehrt ihr Roman, bleibt ein frommer Wunsch.

Mithu Sanyal: Identitti. Carl Hanser Verlag, 430 S., 22 Euro

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