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Muss Kirche politisch sein?

Thomas Arnold leitet die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Wir sprachen mit ihm über Macht und Missbrauch in den Amtskirchen.

Der gebürtige Zwickauer Thomas Arnold (32) ist seit 2016 Akademiedirektor ohne Angst vor „heißen Eisen“.
Der gebürtige Zwickauer Thomas Arnold (32) ist seit 2016 Akademiedirektor ohne Angst vor „heißen Eisen“. © Amac Garbe

Herr Arnold, die Akademie hat auch politische Themen im Programm. Da geht es etwa um völkische Tendenzen, um Klimaschutz und den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Warum?

Akademie ist der Ort, wo Kirche Debatten führt. Über Theologie und Glauben, aber eben auch über gesellschaftliche Themen wie Nationalismus, Corona, Klimaschutz. Es geht aber nicht darum, auf alles sofort eine Antwort zu haben. Die Veranstaltungen wollen den ernsthaften Dialog der Argumente. Das schließt auch nicht aus, dass dadurch die Kirche noch lernen kann.

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Viele kritisieren die Amtskirchen dafür, dass sie zu politisch seien und sich lieber auf die Liturgie konzentrieren sollten. Können Sie das nachvollziehen?

Ich will kein Sakristeichristentum. Es gibt drei Säulen, auf denen das Handeln der Kirche steht: Liturgie, Diakonie und das Sprechen vom Glauben. Wer eine Säule verkürzt, bringt das Haus ins Wanken. Am Ende kommt es auf jede Christin und jeden Christen an: Wie verwirklicht er oder sie diese drei Säulen? Bischöfe und veröffentlichte Papiere sind wichtig, aber nicht alles. Erst aus den vielen Einzelnen wird das Handeln der Kirche.

Die Kirchen setzen sich für Minderheitenschutz ein. Kann es sein, dass dies seit der Flüchtlingskrise und jetzt im Fall Moria verstärkt als „linksgrünes“ Engagement interpretiert wird?

Wenn Menschen aufgrund ihres christlichen Glaubens zu Anwälten für Minderheiten werden und diesen eine Stimme geben, dann: Weiter so! Es ist Kern des christlichen Glaubens, sich für Arme und Schwache einzusetzen. Wir können auch angesichts des Leids in Moria nicht schweigen. So halten es Tag für Tag sowohl ehren- als auch hauptamtlich im Moment Millionen. Doch auch die Aufnahme von 1.500 Menschen darf nicht zur Betäubung verleiten. Wer die Augen offen hält, weiß, dass das Leid an den Grenzen weitergeht. Wie helfen wir hier? An den europäischen Außengrenzen? In den Herkunftsländern? Für diese Fragen brauchen wir die Sensibilität für die Not und den Diskurs, wie wir das Leid mindern können. Aber natürlich höre ich im sogenannten linksgrünen Engagement auch Kritik heraus. Dahinter steht doch für einige die Wahrnehmung, dass Kirche in den letzten Jahren mehr Antworten auf Fragen der Politik als auf jene des Glaubens gab. Mag der Vorwurf auch haltlos sein, zeigt er ebenso: Selbst eine areligiöse Gesellschaft hofft auf eine Kirche, die die christliche Hoffnung auf Auferstehung nicht verleugnet und dadurch parteiisch wird.

War Kirche jemals unpolitisch? Könnte sie es überhaupt sein?

Wir brauchen Herz und Haltung. Mund auf, wo Ungerechtigkeit geschieht. Das ist biblisch und steht uns auch heute gut an. Jeder weiß, dass das Paradies auf Erden eine Utopie ist. Aber ein bisschen paradiesische Zustände auf der Erde zu verwirklichen, ist christliches Anliegen. Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, muss Kirche parteiisch werden. Als Anwalt für jene, die zu wenig Freiheit und Gerechtigkeit erleben. Wenn die Kirche es zu einem Zeitpunkt versucht haben sollte zu sein, wäre sie fad. Wer meint, etwa in der DDR sei sie unpolitisch gewesen, hat zu wenig auf dem Schirm, dass die Friedliche Revolution in den Räumen der Kirchen erwachsen ist. Und dass Christen schon in der DDR politische Visionen hatten. Kirche läuft damit auch immer Gefahr, selbst schuldig zu werden, weil Macht verführerisch ist. Deswegen steht das Gewissen des Einzelnen über allem: Ich wünsche mir die Sensibilität, wo unsere Mitmenschen die Stimme erheben müssen, weil Freiheit, Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit mit Füßen getreten werden. Das wird ein Konzert an Stimmen. Welchen Weg die Menschen in unserem Land dann gehen wollen, braucht die Verständigung in öffentlichen Debatten. Alles andere ist für mich falsch verstandene Freiheit. Die Akademie bietet dafür den Raum.

Sie widmen sich dem Thema „Geistiger und geistlicher Missbrauch“ durch Seelsorger. Wie groß ist die Gefahr, dass Gläubige abhängig gemacht und manipuliert werden, auch ideologisch?

Zuerst einmal muss man anerkennen, dass die Mehrheit der Seelsorger gute Arbeit macht und Menschen dazu befähigt, ihre Talente zu entfalten. Ich hoffe, dass jeder von ihnen mindestens einen Menschen mit Kirche verbindet, wo man sagt: „Der lebt seinen Glauben so, dass er mich mit meinem Leben auch dabei unterstützt“. Aber, und das führen uns Betroffene in den letzten Jahren immer stärker vor Augen, gibt es eben auch jene, die ihre Macht als Seelsorger missbrauchen. Sie spielen mit dem Begriff „Gott“, um andere gefügig zu machen. Oft ist das der Vorhof zum sexuellen Missbrauch. Der geistliche Missbrauch ist viel schwerer nachweisbar. Die Kirche steht hier noch ganz am Anfang ihrer Auseinandersetzung mit dieser Schuld. Die Betroffenen ernst nehmen und Präventionsoptionen entwickeln, das steht ganz oben auf der Agenda. Ich bin froh, dass Bischof Timmerevers die Thematik so mutig anpackt und von Sachsen einen Impuls für die Kirche in Deutschland aussendet.

Ein Schwerpunkt Ihres Programms ist erneut der sexuelle Missbrauch. Warum sehen sich selbst die obersten Aufklärer und Präventionsarbeiter der Kirche noch immer so starken internen Widerständen ausgesetzt? Woher kommt der?

Seit inzwischen zehn Jahren ist der sexuelle Missbrauch in der Kirche glücklicherweise öffentlich ein Thema, dem wir uns stellen. Ich erlebe die Gesellschaft, die der Institution nach so vielen Jahren der Vertuschung nicht mehr das ernsthafte Interesse zutraut, wirklich aufzuklären und künftig davor so gut wie möglich zu schützen. Wir haben Vertrauen zerstört. Es wieder zurückzugewinnen, wird deutlich schwerer. Neben allen Präventionsmaßnahmen hat die Kirche in Deutschland den Synodalen Weg begonnen, bei dem ich als Synodaler mit dabei sein darf. Es wird darum gehen, die Strukturen künftig so zu gestalten, dass wir Missbrauch möglichst verhindern – wo er aber geschieht, aufdecken und die Perspektive der Opfer nicht verlassen. Alles andere steht dem Evangelium diametral entgegen. Wir sind damit am Anfang, nicht am Ende. Die Akademie wird ihren Beitrag leisten, die Fragen medizinisch, theologisch und psychologisch zu durchdringen. Nur wenn wir die Grundlagen kennen, können wir daraus die richtigen Konsequenzen ableiten.

Damit sind aber noch nicht die vielen traditionellen Verdrängungsversuche wirksam bekämpft.

Natürlich nicht. Und es gibt viele Menschen innerhalb der Kirche, die sich kaum vorstellen können, wie in den „heiligen Hallen“ so etwas passieren konnte. Denen müssen wir leider sagen: Ja, es ist geschehen. Nein, wir dürfen es nicht kleinreden. Und ja, lasst uns gemeinsam alles daran setzen, dass so etwas nie wieder geschehen und ungestraft bleiben kann. Übrigens sprechen wir ja nicht nur von Priestern als Tätern. Was, wenn das „normale“ Gemeindemitglied nachweislich schuldig wurde und sich künftig Opfer- und Täterfamilien wieder im Raum der Kirche begegnen werden? Der christliche Gedanke ist in diesem Zusammenhang kaum zumutbar: die Sünde zu verurteilen, aber nicht den Sünder. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit kommen damit in eine kaum aushaltbare Spannung. Darüber können wir nicht schweigen.

Die Kirchenaustritte mehren sich scheinbar unaufhaltsam. Was wäre für Sie das beste Gegenrezept?

Im Umgang miteinander wünsche ich mir Ehrlichkeit, Offenheit, Mut zur Veränderung, alles mit der Sensibilität für die Einheit. Im Inhalt: die Verkündigung der Frohen Botschaft. Her mit den Antworten auf jene Fragen, die die Menschen heute wirklich stellen. Auch Stottern muss erlaubt sein. Plattitüden wären fatal. Nehmen Sie Corona als Brennglas: Haben wir die passenden Antworten gegeben, als die Leute fragten, wie sie angesichts der Bedrohung mit der Begrenztheit des Menschen umgehen? Zehn Seiten Hygienevorschriften und nur zehn Sätze Theologie – dieses Missverhältnis müssen wir nachjustieren. Sonst deuten andere die Krise.

Interview: Oliver Reinhard

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