merken
PLUS Feuilleton

Nach 30 Jahren wieder Dresdner Kapelle

Joshua Bell begeistert in Dresden und musiziert Sperriges ganz federleicht.

Joshua Bell begeistert am Wochenende in der Semperoper.
Joshua Bell begeistert am Wochenende in der Semperoper. © Copyright by Matthias Creutziger

Von Karsten Blüthgen

Ein Debüt, dazu Rares und Denkwürdiges bietet die letzte Konzertstaffel der Sächsischen Staatskapelle Dresden vor der Sommerpause. Jakub Hrusa wird von bedeutendsten Orchestern der Welt verpflichtet. Mit seinen Bamberger Symphonikern sorgte er 2018 für einen unvergesslichen Abend im Rahmen der Dresdner Palastkonzerte. Nun steht der Tscheche erstmals am Pult der Staatskapelle in der Semperoper. Als Solist kehrt Joshua Bell zum Orchester zurück. Seit dem letzten Besuch des Stargeigers aus den USA sind fast drei Jahrzehnte ins Land gegangen.

Anzeige
Fernglas, Messer, Picknick-Leckereien
Fernglas, Messer, Picknick-Leckereien

Das perfekte Pack-Rezept für den Rucksack bei Ausflügen mit Kindern: Gute Ausrüstung und ein leckeres Picknick beim Outdoor-Abenteuer.

Bei Spitzeninterpreten ist nicht zu befürchten, dass lange Pausen im gemeinsamen Musizieren Spuren einer Entfremdung hinterlassen. Oder dass ein Neuer eine besondere Warmlaufphase benötigte. Die Matinee am Sonntag bestätigte es. Im zentralen Werk des Programms, Dvoráks Violinkonzert a-Moll, fanden Dirigent, Solist und Orchester unvermittelt zu einer Sprache, die das Konzert lebendig und besonders authentisch wirken ließ.

Dvorák sollte sich ungewöhnlich schwer tun mit der Bitte seines Verlegers „recht originell, kantilenenreich und für gute Geiger“ zu schreiben. Letzterer konkretisierte sich in Joseph Joachim, einem Joshua Bell des 19. Jahrhunderts. Joachim trug dem Komponisten immer wieder Änderungswünsche an. Gespielt hatte der Widmungsträger das Konzert, dessen erster Wurf 1879 fertig war, dennoch nie. Bell hingegen sog das Werk förmlich in sich auf, schwelgte in den Folklorismen, trotzte aller Sperrigkeit in den Ecksätzen. Im langen Mittelsatz entfaltete er mit den Kapellmitgliedern eine Kammermusik, deren Innigkeit sich jeder Beschreibung entzieht.

Für Dirigent Hrusa war es ein Werk in Muttersprache. Doch er wusste schon zum Einstieg mit Francks „Le Chasseur maudit“ die Hörer zu bannen. Die sinfonische Dichtung erzählt die Geschichte eines rücksichtslos jagenden Grafen, über dessen Blutrausch Gott streng richtet und die Höllenhunde auf ihn hetzt. Francks Komposition aus dem Jahr 1882 wurde hier in ihren plastischen, dramatischen Qualitäten fasslich: Markige Hornrufe und Glockengeläut am Beginn wichen einer Jagd, die Hrusa in Wellen immer unerbittlicher steigerte. Der geballte Klang drohte zu zerreißen und blieb doch meisterlich kontrolliert.

Mit Janáceks Rhapsodie „Taras Bulba“ endete das Programm äußerst opulent. Die Sage über einen Kosaken-Heerführer fasste Nikolai Gogol in eine Novelle. Der Russlandbegeisterte Mähre Janácek vertonte zentrale Szenen, die von Liebe, Kampf und drei Toten handeln. Zarte Seele, Schaurigkeit und wilder Siegestaumel auf engstem Raum gebündelt – dieses Opus bot nochmals feinste Spielkultur. Möge das nächste Gastspiel des jungen Hrusa bald folgen.

Mehr zum Thema Feuilleton