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Vom Aufstieg und Untergang der Deutschen an der Wolga

Der Großroman der Deutschen Sowjetrepublik wurde von Stalin verboten, der Autor starb im Gulag: Nach 82 Jahren ist „Wir selbst“ erstmals erschienen.

Gemeinsam für den Aufbau des Bolschewismus: Auch auf der Bühne präsentierte sich die Wolgadeutsche Sowjetrepublik, hier durch das Russisch-Deutsche Theater in Berlin, wo 1922 das Stück „Schiffeziehen an der Wolga“ aufgeführt wurde.
Gemeinsam für den Aufbau des Bolschewismus: Auch auf der Bühne präsentierte sich die Wolgadeutsche Sowjetrepublik, hier durch das Russisch-Deutsche Theater in Berlin, wo 1922 das Stück „Schiffeziehen an der Wolga“ aufgeführt wurde. © Getty Images

Am Anfang zum Ende: Es wird alles gut. Die jungen Helden der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen überstehen Intrigen, Neid, Widerstand und setzen sich durch. Im Agrarkollektiv „Lenins Weg“, in der Textilfabrik „Clara Zetkin“, in der Roten Armee. Anders als die bürgerlichen oder kulakischen Intriganten, Neider, Konterrevolutionäre; diese Bösen enden böse. Auch der Regierungsabgesandte Hart ist voller Stolz auf „sein Volk“: „Was ließ sich denn mit solchen Menschen, wie sie dank der allumfassenden Erziehungsarbeit der Partei, im Ergebnis der Industrialisierung und Kollektivisierung überall herangewachsen waren, nicht erreichen? Es gab keine Festung, die die Bolschewiki nicht einnehmen können.“

So lautet die beständig durchschimmernde Kernbotschaft von Gerhard Sawatzkys „Wir selbst“, dem großem Roman der Wolgadeutschen Republik, die 1918 unter anderem auf Betreiben des späteren Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter gegründet worden war. 82 Jahre nach Vollendung des Manuskripts hat der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel dem Buch zur späten Geburt verholfen.

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Seine Tat ist eine der literarischen Sensationen des Jahres, eine auf den ersten Blick etwas verstörende zudem: Was bitteschön soll ein inhaltlich und ideologisch derart enger Verwandter von Nikolai Ostrowskis sozialistisch-realistischem Erziehungsbibel -Bestseller „Wie der Stahl gehärtet wurde“ anno 2020 auf dem deutschen Buchmarkt? Doch der Jubelton von „Wir selbst“ kann heute nur irritieren und von der wirklichen Bedeutung des Romans ablenken, wenn man die Tragik seiner Entstehungsgeschichte nicht kennt.

Die Angst schrieb mit

Gerhard Sawatzki saß beim Schreiben „die Angst im Nacken“, so Gansel: Stalins „Säuberungen“ richteten sich seit 1936 zunehmend auch gegen die deutsche Sowjetrepublik, deren Elite geriet unter immer erbitterteren Druck. „Wir selbst“ sollte eine Ergebenheitsadresse werden, ein Bekenntnis der Wolgadeutschen zum Bolschewismus, eine literarische Beteuerung ihrer Solidarität. Genutzt hat es weder ihnen noch Sawatzki. Der Roman durfte nicht erscheinen, die Gemeinschaft der Wolgadeutschen wurde unter kollektiven Spionageverdacht gestellt, ihre Republik nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 aufgelöst und die Bevölkerung als Feinde in den Gulag deportiert. Unzählige starben an Hunger, Krankheit, Erschöpfung. Unter ihnen 1944 Gerhard Sawatzki.

So pädagogisch-propagandistisch der Charakter seines netto 900-Seiters ist, so selektiv und Negatives ausblendend er beim Schreiben vorging und so sehr er sein Personal als sozialistisches respektive konterrevolutionäres Archetypen-Figurentableau gestaltet: „Wir selbst“ bleibt ein faszinierendes Beispiel dafür, was auch der sozialistische Realismus an literarischen Stärken aufzubieten vermochte. So hatte Sawatzki zwar einen – zeittypischen – Hang zum Biedermeierlich-Betulichen. Doch besaß er ebenso ein talentiertes Händchen für plastische Beschreibung der Landschaften an der Wolga wie für seine Hauptorte, das kleine Dorf, die mittelgroße Stadt. Ebenso für seine Arbeiter- und Bauern-„Helden“.

Auch wenn sie vor allem Funktionsträger für seine inhaltliche Botschaft von den überwiegend einfachen, aber guten Sowjetmenschen sind, nutzt Sawatzki seine Freiräume und seine Menschenkenntnis für interessante Charakterzeichnungen. Darin geht er so weit, dass selbst die negativen Figuren nicht bloße Schablonen bleiben, sondern „normalmenschlich“ greifbar werden und Tiefe bekommen, indem er zumindest die Motive für ihr Handeln nachvollziehbar macht.

Das gilt für den „Großbauern“ Später, der seinen hart erwirtschafteten Besitz nicht komplett ins Kollektiv einbringen will. Für den Fabrikbesitzer Benkler, der seine Enteignung und faktische Vertreibung nicht einfach hinnehmen kann. Und für dessen Sohn, der sich verkleidet ins Dorf schleicht, um seine jahrelang verschollene Tochter zurückzugewinnen. Gerade sie sind Belege ebenso für Sawatzkis erstaunliche Fähigkeit zur Empathie wie für seinen Willen, „richtige“ Literatur zu schaffen statt nur schreibhandwerklichen Erbauungskitsch.

Endlich gibt’s den Lenin-Orden

Über 17 Jahre hinweg spannt sich die Handlung von „Wir selbst“. Die Geschichte beginnt 1920 mit der Rückkehr eines Veteranen der „roten“ Soldaten in dessen Dorf und der Aufnahme eines vermeintlichen Waisenkindes in eine städtische Arbeiterfamilie und hat natürlich eine Lovestory zum – im Wortsinn – Roten Faden.

Sie endet 1937 mit der Verleihung des Leninordens an den Traktoristen Christian und dem Besuch des einst besitzlos und ausgegrenzt ins Dorf gekommenen Kirgisen Kindybay, nun Leutnant der Luftwaffe.

Dazwischen erzählt Gerhard Sawatzki, wie die sozialistische Reformpolitik auch die arme Wolgadeutsche Republik samt jenem anfangs sehr heruntergekommenen Dorf allmählich erblühen lässt, freilich unter vielen Rückschlägen und inneren Kämpfen. Das tut er dramaturgisch versiert genug, um seinem Roman immer wieder eine regelrechte Sogwirkung einzuschreiben und eine Spannung zu entwickeln, die einen das Buch des öfteren nur schweren Herzens und notgedrungen aus den Händen legen lässt. Am Ende kommt man nicht ums Fazit herum: Wer Ostrowskis erzählerische Klasse schätzt und all das Gesinnungsgedöns einzuordnen weiß – mit Sawatzkis „Wir selbst“ hat „Wie der Stahl gehärtet“ wurde sein ebenbürtiges Pendant gefunden.

Mit „Ende gut – alles gut“ ist das Buch indes noch lange nicht ausgelesen: Die über 180 abschließenden Seiten, auf denen Herausgeber Carsten Gansel die Geschichte der Wolgarepublik, ihrer Literatur, des Romans und dessen tragischem Schicksal bis zur Wiederentdeckung schildert, sind ein literarisches Erlebnis für sich.

Carsten Gansel (Hg) / Gerhard Sawatzki: Wir selbst. Galiani, 1088 S., 36 Euro

Zum Autor

Gerhard Sawatzki (1901 – 1944) lebte als Journalist und Autor in der Wolgadeutschen Republik. Er gilt als Vorkämpfer einer eigenständigen sowjetdeutschen Literatur. 1941 wurde er wie die meisten Wolgadeutschen deportiert, musste Zwangsarbeit leisten und starb 1944 im Gulag.

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