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Nennt Frauenmord endlich beim Namen: Femizid

Alle drei Tage wird eine Frau von ihrem Partner oder dem Ex getötet. Nur ein gesellschaftliches Umdenken kann diese Verbrechen verhindern. Ein Gastbeitrag.

Immer wieder kommt es in Beziehungen dazu, dass ein Partner oder dessen Verwandte den anderen tötet. Acht von zehn Opfern sind Frauen.
Immer wieder kommt es in Beziehungen dazu, dass ein Partner oder dessen Verwandte den anderen tötet. Acht von zehn Opfern sind Frauen. © Tinnakorn Jorruang

Von Margherita Bettoni

Alle drei Tage. Das ist der Ausdruck einer dramatischen Statistik. An jedem dritten Tag hat ein Mann im Jahr 2019 irgendwo in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin getötet. Noch schlimmer: An mehr als jedem zweiten Tag hat ein Mann seine (Ex-)Partnerin angegriffen, um sie zu töten. Für dieses Phänomen hat die internationale Forschung längst einen Begriff: Femizide. Er beschreibt die Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes. Laut einer Definition, die im Rahmen eines Symposiums im UN-Büro in Wien erarbeitet wurde, sind nicht nur Tötungen innerhalb einer Partnerschaft Femizide. Auch Frauen, die an Folgen einer Genitalverstümmelung sterben, zählen etwa dazu, oder sogenannte „Ehrenmorde“, oder noch die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

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Das Wort Femizid hat sich in vielen Ländern der Welt längst in der breiten Öffentlichkeit durchgesetzt. In Deutschland dagegen werden Femizide kaum thematisiert, geschweige denn strukturell analysiert. Das Wort steht erst seit 2020 im Duden. Das ist problematisch, denn nur wenn man ein Problem benennt und klar konturiert, kann man dem entgegensteuern. Um zu verstehen, warum Femizide nicht nur dramatische Einzelfälle sind, hilft es, auf die Täter zu schauen. Eine wichtige Erkenntnis: Ein durchschnittliches Täterprofil gibt es nicht. Femizide ziehen sich durch alle Altersgruppen, alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten, alle Beziehungsarten, alle Kulturen.

Femizide sind nicht "die Taten der Anderen"

Studien legen nahe, dass bei der Mehrheit der Femizide innerhalb einer Partnerschaft der Täter vor der Tat bereits gewalttätig war – ob nun physisch oder psychisch. Was die meisten Femizid-Täter vereint: Sie erheben einen regelrechten Besitzanspruch auf „ihre“ Frauen. Damit ist der Irrglaube gemeint, man könne über „seine“ Frau verfügen, sie besitzen, genau so, wie man ein Haus oder ein Auto besitzt. Will sich eine Frau trennen oder hat es getan, haben diese Männer das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Tötung der Frau ist die extremste Art, diese Kontrolle wiederherzustellen.

Unsere Gastautorin: Margherita Bettoni
Unsere Gastautorin: Margherita Bettoni © Johannes Mitterer

Wie bei anderen Verbrechen auch, wird bei einigen Femiziden versucht, sie politisch zu instrumentalisieren, indem man den Fokus auf die Herkunft des Täters legt. Hat er eine Migrationsgeschichte und ist diese dazu noch in einem Land mit muslimischer Mehrheit angesiedelt, werden Femizide schnell zum Problem der vermeintlich anderen erklärt. Von den 344 Männern, die im Jahr 2018 ihre (Ex-)Partnerinnen ermordeten oder zu ermorden versuchten, waren 277 deutsche und 117 nichtdeutsche Staatsangehörige. Es gibt also gut doppelt so viele deutsche Täter wie nichtdeutsche. Gleichzeitig leben in Deutschland aber mehr als sechsmal so viele Deutsche wie Ausländer. Folglich gibt es in der Gruppe der Nichtdeutschen einen höheren Anteil von Tatverdächtigen.

Es geht um Macht und Besitzansprüche

Wer aber daraus den Schluss zieht, dass die Herkunft eine Rolle bei Femiziden spielen würde, liegt falsch. Zumindest, wenn man Herkunft nach Ländern oder vermeintlichen Kulturkreisen definiert. Definiert man Herkunft allerdings als persönlichen Familienhintergrund, so kann es durchaus eine Rolle spielen, wo man herkommt. Entspringt jemand einem sehr traditionellen, patriarchalisch geprägten Elternhaus, kann dies ein Faktor sein, der Femizide fördert. Derart traditionell geprägte Elternhäuser gibt es in Anatolien aber ebenso wie in Niederbayern.

Hinter vielen Femiziden stehen also ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und vermeintliche Besitzansprüche. Doch anstatt die strukturelle Dimension solcher Taten anzuerkennen, benutzen viele Medien immer noch Begriffe wie „Familientragödie“ oder „Familiendrama“. Diese verharmlosen nicht nur eine schreckliche Tat, sondern machen auch Femizide zu tragischen Einzelschicksalen, die sich innerhalb eines Familienkreises abspielen. In der Forschung werden eher Worte wie „Trennungstötung“ oder „Partnertötung“ benutzt.

In acht von zehn Beziehungstaten sind Frauen die Opfer

Sie sind an sich nicht falsch: Täter und Opfer sind oder waren in einer Partnerschaft, oft geschieht die Tat rund um eine Trennung. Aber sie verschleiern eine wichtige Dimension: Die meisten Opfer bei diesen Taten sind Frauen, die meisten Täter Männer. Weltweit werden Männer viel häufiger als Frauen Opfer von Tötungsdelikten. Fokussiert man sich auf Tötungen innerhalb einer Partnerschaft, ändert sich das Verhältnis drastisch. Wer wird von seinem (Ex-)Partner oder von Familienmitgliedern umgebracht? In acht von zehn Fällen sind es Frauen. Das geht aus einer Undoc-Studie über Tötungsdelikte hervor.

Wie kann man Femizide nun verhindern? Sinnvoll ist sicherlich alles, was Frauen, die von Gewalt betroffen sind, unterstützt und ihnen hilft, aus ihrer Gewaltbeziehung auszubrechen: mehr Plätze in Frauenhäusern etwa oder bessere Konzepte, um die Risiken für Frauen zu analysieren. Außerdem sollten Angebote für Männer, die gewalttätig waren, ausgebaut werden. All diese Maßnahmen setzen aber erst dann an, wenn ein Mann bereits gewalttätig war. Ziel einer Gesellschaft sollte es aber sein, dass es gar nicht zu Gewalt gegen Frauen und zu Femiziden kommt. Dafür ist ein grundlegendes Umdenken notwendig.

Männer müssen stärker in den Fokus rücken

Männer müssen verinnerlichen, dass Frauen nicht ihr Besitz sind, auf den sie Ansprüche erheben können. Um das zu erreichen, muss man frühzeitig ansetzen und schon mit Kindern in Kita- und Grundschulalter über Gleichberechtigung sowie Frauen- und Männerbilder sprechen. Man sollte geschlechtliche Vielfalt thematisieren, unter anderem weil Heteronormativität (also die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, die eindeutig zu unterscheiden sind) geschlechtsspezifische Gewalt gegen diejenigen fördern kann, die nicht in diese Weltvorstellung passen. Kinder sollten möglichst früh lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Das alles sollte sowohl in Kitas und Schulen passieren – und in vielen erfolgt das durchaus schon – als auch innerhalb der Familie. Und natürlich hilft jeder Schritt hin zu einer gleichberechtigten Gesellschaft, etwa die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, oder Schritte, die das Selbstbewusstsein und die Selbstbehauptung von Frauen fördern.

Ebenso wichtig ist: Männer müssten stärker in den Fokus rücken. Und zwar nicht nur solche, die bereits Täter sind, sondern alle. Viel zu oft verstecken sich Männer hinter Alibis wie „nicht alle Männer sind so“ oder „ich bin aber nicht so“. Doch bei Femiziden handelt es sich nicht um ein individuelles, sondern um ein kollektives Problem, das man bekämpfen kann, selbst wenn man selbst nicht gewalttätig ist. Ein gesellschaftliches Umdenken entsteht erst, wenn die breite Gesellschaft mitmacht. Dabei sind Männer explizit auch gemeint.

Margherita Bettoni, geboren 1987 in Italien, ist investigative Journalistin. Sie arbeitet vor allem über organisierte Kriminalität und sexualisierte Gewalt. Bettoni ist Co-Autorin von „Die Mafia in Deutschland“ und „Corona: Geschichte eines angekündigten Sterbens“. Soeben veröffentlichte sie mit Laura Backes das Buch „Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen zun müssen“ (DVA, 208 S., 20 €)

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