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Neu bei Netflix: Eine Frau in ihren Einzelteilen

Das Netflix-Drama „Pieces Of A Woman“ beschert dem neuen Filmjahr schon allein dank einer grandiosen Hauptdarstellerin den ersten Höhepunkt.

Vanessa Kirbys Leistung in „Pieces Of A Woman“ ist schlichtweg grandios.
Vanessa Kirbys Leistung in „Pieces Of A Woman“ ist schlichtweg grandios. © Netflix

Von Andreas Körner

Geburten im Film taugen in ihrer verknappten Darstellung kaum zum Spiegel von Realität. Dramaturgisch beschränken sie sich zumeist auf ein paar schwere Atemzüge der Frauen und einstudierte Schmerzensrufe, gefolgt vom etwas hektischen Gewusel wenig hilfreicher Männer. Am eiligen Schluss sind dann der befreiende Begrüßungsschrei des Babys zu hören und nette Bilder zu dritt zu sehen. Auch das, natürlich verknappt.

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Um nicht missverstanden zu werden: Die Rede ist von zeitgenössischen Dramen aus modernen Industriegesellschaften. Ein Drama, wie es auch „Pieces Of A Woman“ eines ist. Uraufgeführt wurde das starke Stück auf dem „Abstandsfestival“ von Venedig, das sich im frühen Herbst 2020 wenigstens in die Nähe des international Machbaren wagte. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó wollte den Film in seiner Heimat realisieren, was sich als finanziell unmöglich herausstellte. Die persönliche Ergriffenheit des namhaften Kollegen Martin Scorsese brachte Mundruczó zu Netflix und beschert dem neuen Filmjahr seinen ersten Höhepunkt fernab vom Pool der Serien.

Bis der Notdienst kommt

Denn „Pieces Of A Woman“ verfällt eben nicht in all die eingangs geschilderten Klischees. Um seinen Titel, frei übersetzt mit „Die Einzelteile einer Frau“, zu rechtfertigen, bringt er früh eine über zwanzigminütige, ungeschnittene Sequenz unmittelbar vor, während und nach einer höchst komplizierten Hausgeburt. Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) haben sich dazu entschlossen, ihre Tochter nicht im Krankenhaus entbinden zu lassen. Sie sollte, so Martha später vor Gericht, selbst entscheiden, wann sie auf die Welt kommen will. Sogar dann, als es eng wird mit dem Puls und den Herztönen, das fachlich routinierte Handeln von Hebamme Eva (Molly Parker) sie neu nachfragen lässt und auch Sean sich wieder vergewissern muss, lehnt Martha die stationäre Option ab. Bis der Notdienst erscheint.

Shia LeBeouf als Sean und Vanessa Kirby als Martha
Shia LeBeouf als Sean und Vanessa Kirby als Martha © Netflix

Nein, „Pieces Of A Woman“ verkommt keinesfalls zum befürchteten Gerichtsdrama um Schuld und Entschädigung. Befürchtet, weil der Film in Boston spielt und immer wieder auch mit schon (zu) oft gesehenen US-amerikanischen Bewältigungsstrategien hantiert, aber eben in aller Zurückhaltung.

Da ist die Cousine von Martha, eine Anwältin, die die Hebamme angriffslustig hinter Gitter bringen mag und die öffentliche Meinung hinter sich weiß. Da ist Marthas Mutter, effizient zwischen Biestig- und Bitterkeit gespielt von Ellen Burstyn, die von ihrer Tochter ein gnadenloses „Aufstehen für sich selbst“ verlangt, denn es gelte eine „Gräueltat zu rächen“ – sie begründet es mit eigenem Erleben als Ungarin im Konzentrationslager der Nazis. All das sind für Regisseur Kornél Mundruczó und Autorin Kata Wéber, die mit der Vorlage die eigene Biografie reflektiert, bestenfalls Links zum Vernetzen mit dem Kernthema. Dieses kreist ums Weitergehen nach einer Erschütterung. Darum, ob der individuell differenzierte Umgang trotzdem eine neue Chance auf Zweisamkeit birgt. Wie stark man sein muss, um die Einflussnahme von außen als Anregung, nicht jedoch als Auftrag zu sehen. Und: Was jeder tun muss, einfach, um es zu schaffen.

Voller ohnmächtig scheinender Wehmut

Sean und Martha sind eingespielt, wissen voneinander, sie lieben sich. Was sie nicht wissen konnten, ist, wie sie sind, wenn das Unfassbare geschieht, wenn die Trauer schwer an der Seele und am Körper hängt, wenn die Tränen ausgeweint und sich der Schmerz Kanäle gesucht hat. Die Britin Vanessa Kirby, die man bislang vor allem daheim auf der kleinen Leinwand in Serien und Filmen wie „The Crown“ und „Große Erwartungen“ sowie, durchaus erstaunlich, in einigen Hollywoodkrachern erleben durfte, gibt ihrer Martha eine faszinierende und stets schlüssige Präsenz.

Sie ist still, wenn es ihr an Worten fehlt, sarkastisch, wenn nur die Notbremse bleibt, voller ohnmächtig scheinender Wehmut beim Blick auf Kinder im Alltag, resolut beim Umgang mit ihrem Mann, der Schwester, der Mutter. Schließlich muss vor allem Martha ihre Einzelteile wieder zusammensetzen und sie braucht dafür ihre ausgereizte Körperlichkeit. Kirbys Leistung ist schlichtweg grandios!

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Auch Shia LaBeouf meistert seinen knapperen, kaum minder heiklen Part. Weil ihn die Regie nicht zum Übertreiben zwingt. Schnell ist klar, dass Marthas Mutter einen anderen für ihre Tochter wollte, nicht den Brückenbauer, den Arbeiter mit knapper Kasse und bekämpften Abhängigkeiten, der sich mit gepfeffertem Humor in ihre Richtung in Stellung zu bringen weiß („Ich bin für dich nur wie das Scrabble-Wort Rüpel“). „Pieces Of A Woman“ sieht Menschen eindrücklich dabei zu, wie Lebenszeit verstreicht. Hier sind es ein paar Monate, und auch das Ungezeigte wird greifbar.

Der Film ist streambar bei Netflix.

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