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Neue Beziehung oder Therapeut?

Die 27-jährige Berliner Autorin Sophie Passmann zieht radikal und detailscharf Bilanz in ihrer satten Generation.

Nachdem sich Sophie Passmann vor zwei Jahren „Alte weiße Männer“ vorgenommen hatte, rückt sie nun ihresgleichen auf die Leiber.
Nachdem sich Sophie Passmann vor zwei Jahren „Alte weiße Männer“ vorgenommen hatte, rückt sie nun ihresgleichen auf die Leiber. © Patrick Viebranz

Janis Joplin und Amy Winehouse, Jim Morrison, Kurt Cobain und Jimi Hendrix: lauter Ikonen und alle mit 27 gestorben. Sophie Passmann – Feministin, Moderatorin, SPD-Mitglied und inzwischen natürlich Berlinerin – ist 27 und zieht aus eben diesem Anlass Bilanz.

Passmann gehört zu einer anderen Generation. Von Jimi Hendrix etwa glaubt sie, dass er niemals im Leben eine richtige Steuererklärung gemacht haben wird, weil er sonst bemerkt hätte, dass es finanziell problematisch ist, pro Konzert eine Gitarre zu verbrennen. 27 nennen manche die Blüte des Lebens. Ein Plan von da ab könnte zum Ziel haben, lange genug durchzuhalten, damit die Jugend einen Sinn ergibt.

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Die heute plus/minus 27 sind, heißen Millennials. Die nächsten dann sind wieder politischer, seit Greta. Die Millennials hingegen haben ihre Jugend hinter sich und sind früh verspießert. Sie können nicht einmal mehr gegen ihre Eltern protestieren, weil sie die ja beerben wollen und werden. Zwar sind sie üblicherweise in die großen Städte weggelaufen, doch zehren sie dort von ihrer Herkunft. Im Falle der Erzählerin in diesem frechen und pointensicheren Buch auf der Schnittstelle von selbstbewusst und selbstmitleidig war das ein Weglaufen von „weitläufigen Wiesenflächen hinter eigenen Immobilien“.

Das einende Gefühl ist die Langeweile

Nun sucht auch Sophie Passmann intensiv nach Unterscheidungsmerkmalen, denn alle aus ihrer Generation kommen ihr vor wie ein und dieselbe Person, jedes Gespräch, als hätte sie es genau so schon einmal geführt. Sie können sich inzwischen wortlos einigen, wobei sie ihre Individualität verloren haben. Spotify ersetzt die langen Wege zum Erobern einer dann wertvollen Musik, das Handy den Weg zum Zeitungskiosk oder zum Briefkasten. Meinungen bezieht man aus dem Internet. Natürlich sind auch die Männer Feministen.

So kann man sich bei gar nichts mehr wirklich sicher sein. Ein echtes Wir entsteht auf diese Weise nicht. Vielleicht war der Sieg von Lena Meyer-Landrut 2010 beim Eurovision Song Contest das erste und letzte wirklich einende Erlebnis. Heute besteht eine Restchance für Selbstdefinition in einer in Details abweichenden Wohnungseinrichtung.

Ähnlich ist das auch bei der Erzählerin, die gerade wieder allein ist. Die neue Wohnung im Kiez ist leer und voller Möglichkeiten. Der Balkon könnte ein Ort werden für dramatische Szenen, die Küche einer für endloses Risottorühren oder das Nachkochen von Magazinbeilagenrezepten, im Hauptzimmer könnten Duftschalen stehen und Bildbände vom hippen Fotografen Jürgen Teller liegen. Hier trinkt man oft schon zu früh bei französischen Arthouse-Filmen, und das einende Gefühl ist die Langeweile, egal ob Freunde da sind oder nicht. „Unser ganzes Leben ist so, als würden wir kurz vorm Einschlafen einfach keine geeignete Liegeposition finden“, heißt es. Und alles läuft auf die Frage hinaus: „Neue Beziehung oder Therapeut?“

Frauen hören mit etwa 36 auf zu lachen

Dass der Junge das Mädchen meistens nicht verdient hat, ist sowieso klar. Die Straße mit ihren Szenekneipen, Konzeptläden und Biometzgern ist ebenso austauschbar wie die Systemgewinner mit ihrer Mülltütendisziplin, die vor allem aus Einsamkeitsgründen das Barpersonal ankumpeln. Dann laufen sie über die Stolpersteine zurück und ärgern sich im Hausflur über die Mieten. So sind sie leise in Leben hineingewachsen, die zu einem großen Teil aus Anrufen bei zuständigen Behörden bestehen. Es ist nicht mehr wichtig, gebildet zu sein, die Bücher im Regal sind Dekoration, gute Männer haben irgendwie ein Verhältnis zu Baumärkten und Frauen oft Essstörungen, hören mit etwa 36 auf zu lachen und tragen dazu aufdringliche Brillen und Hosen.

Nachdem sich Sophie Passmann vor zwei Jahren „Alte weiße Männer“ vorgenommen hatte, rückt sie nun ihresgleichen auf die Leiber und ihrer „maximalen Kohortenlangweiligkeit“. Dazu muss sie sich nicht in kühne Thesen versteigen, ihre detailscharfen Beobachtungen sind schon radikal genug.

Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut, Kiepenheuer & Witsch, 180 Seiten, 19 Euro

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