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Neuer Film mit 99-jährigem Herbert Köfer

Der älteste aktive Schauspieler der Welt agiert berührend in einer neuen Geschichte mit Dorfpolizist a. D. Horst Krause.

Die in Krause verliebte Fanny (Manon Strache) besucht ihren Vater (Herbert Köfer), der in Krauses  Senioren-WG lebt.
Die in Krause verliebte Fanny (Manon Strache) besucht ihren Vater (Herbert Köfer), der in Krauses Senioren-WG lebt. © rbb/ARD Degeto/Armin Thomaß

Die ersten 70 Minuten der neuen Filmgeschichte um den brandenburgischen Ex-Dorfpolizisten Horst Krause "Krauses Zukunft" kann man getrost verpassen oder methiathekmäßig vorspulen. "Warum kann nicht einfach alles so bleiben, wie es ist?“ fragt der eingangs. Und dann erzählt Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich genauso langatmig wie in allen vorherigen sieben "Krause"-Teilen von der Missmut seines Protagonisten, den der 79-jährige Horst Krause verkörpert. Empört realisiert der sich überall Einmischende beim Sonntagsessen, dass die Speisekarte seines alten Gasthofs nur noch Vegetarisches anbietet. Wütend reagiert er auf des Bürgermeister Idee, das Nest Schönhorst zu einem Urlauberdorf umzugestalten. Und dann will eine Staatssekretärin auf seinen Wiesen Windräder errichten. Alle im Ort sprechen von der Zukunft, als hätten sie sich gegen ihn verschworen?

Doch ab Minute 70 ändert sich der Ton. Als Krause der Sängerin Fanny wiederbegegnet, lernt er deren betagten Vater kennen. Und den spielt Herbert Köfer. Der, vor allem wegen seines komödiantischen Spiels beliebt, hat nach langer Zeit wieder eine ernste Rolle. Köfer, der in wenigen Tagen 100 Jahre alt wird, verkörpert einen ebenfalls fast Hundertjährigen, der in einem Lausitzer Dorf verzweifelt gegen den Abriss seines Hauses kämpft. Es soll einem Braunkohletagebau weichen, der Bagger schaufelt bereits den Obstgarten weg. Der Ex-Dorfpolizist versucht, dies zu verhindern - vergeblich.

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Aber es gibt einen berührenden Dialog zwischen den Männern über Heimat, die Zerstörung der Natur und wie drastisch dadurch das Leben verändert wird. "Alles, was mein Leben ausgemacht hat, hat hier in dem Haus stattgefunden", sagt der namenslose Alte. Die Eltern hätten es gebaut, hier sei die Tochter geboren, hier habe er bis zuletzt seine Frau gepflegt. "Ich bin doch nicht so alt geworden, um mein Haus zu verlieren. Ich will in kein Heim." Die Dose Schlaftabletten steht bereit.

Solche Sätze können ganz schön banal rüberkommen. Aber nicht bei Köfer. Er sagt das mit brüchiger Stimme, die Verzweiflung ist zu hören und auch die Lebensweisheit. Er blickt müde, ohne jede Perspektive. Das Gespräch sorgt dafür, dass Krause für die Bewohner des fiktiven Film-Dorfes Schönhorst eine wichtige Entscheidung trifft. Und er lädt den Alten ein, in die Senioren-WG mit den Schwestern einzuziehen. "Wir frühstücken zusammen, punkt acht. Dann kann jeder machen , was er will." Der Entwurzelte nimmt an, Köfer strahlt, hat eine Spannung wie ein junger.

Für den bald 99-Jährigen, den man Star nennen müsste, es aber wohl wegen seiner Normalität wegen eher nicht tut, ist der Film die erste Fernseharbeit nach vier Jahren Pause. Er hat viel Theater gespielt und war auf Lesereisen - auch im Sächsischen.

Seine Vita ist beeindruckend: In seiner über 80 Jahre langen Karriere spielte er bislang in über 300 Film- und Fernsehproduktionen und wirkte in unzähligen Inszenierungen mit. Am häufigsten hat er und am liebsten spielt er nach eigenen Angaben den Herrn Schöller in dem Lustspiel "Pension Schöller". Er kann aber auch sehr erste Figuren, sogar Bösewichte.

Nicht zu vergessen: Mit seiner Moderation der Erstausgabe der Aktuellen Kamera vom 21. Dezember 1952 ist er der erste Nachrichtensprecher im deutschen Fernsehen. Doch das Vorlesen von Planerfüllungsmeldungen behagte ihm, obwohl SED-Mitglied, nicht allzu lange. Er drehte für die Defa, spielte im Fernsehen und war auch im Rundfunk aktiv.

So sprach eine der Hauptrolle in der Hörspielserie "Neumann, zweimal klingeln" von 1967 bis 1981 in 764 Folgen auf Radio DDR 1. Großer Beliebheit erfreuten sich Produktionen, die den Fernsehliebling mit der großartigen Charakterdarstellerin Helga Göring zusammen brachten. In der 20-teiligen Vorabendserie "Rentner haben niemals Zeit" von 1979 war er an ihrer Seite der Rentner Paul Schmidt. In der Fernsehserie "Geschichten übern Gartenzaun" von 1982 und deren Fortsetzung "Neues übern Gartenzaun" von 1985 spielten sie das Ehepaar Timm.

Längst ist er in Guinness- und anderen Rekord-Büchern verzeichnet: als „ältester, prominenter, noch aktiver Trabrennfahrer“ und als „ältester, aktiver Schauspieler der Welt“. Und der will er noch eine Weile bleiben. Gerade abgedreht ist der neunte "Krause"-Film, der als Weihnachtsgeschichte Ende 2022 im Ersten gezeigt werden soll.

Wie kann er so hochbetragt so vital sein? "Immer wieder kommt die Frage nach dem Geheimnis", sagt Herbert Köfer. "Da gibt es nichts Geheimnisvolles. Wahrscheinlich habe ich ganz gute Gene mitbekommen. Ich lebe sehr bewusst und habe Spaß am Leben. Mache täglich ein bisschen Sport, Hanteltraining, Radeln auf dem Hometrainer und ich erklimme mehrfach am Tag viele Stufen einer Treppe, um in mein Arbeitszimmer zu gelangen. Ich glaube, fit bleibe ich durch meine Arbeit, durch Pläne, die ich habe. Und natürlich auch durch mein Publikum."

„Krauses Zukunft“ läuft am Freitag, 20.15 Uhr, im Ersten.


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