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Bestsellerautorin schreibt über die Ehehölle

Die Leipzigerin Daniela Krien verarbeitet in "Der Brand" meisterhaft ostdeutsche Um- und Ausbrüche.

Daniela Krien erhielt jüngst den Sächsischen Literaturpreis.
Daniela Krien erhielt jüngst den Sächsischen Literaturpreis. © Jan Woitas/dpa

Normalerweise würde das Thema des Seminars keinen vom Hocker reißen. Es geht um Geschlechterrollen in der Literatur um 1900. Frauen und Männer verfolgen unterschiedliche Werte und Ziele, so der Professor. Er sei ein perfider Chauvinist, meint eine Studentin. Als er sie mit Frau Olivia P. anspricht, eskaliert der Streit. Sie sei ein nicht-binärer Mensch, sagt sie. Aber sie stehe doch als Frau Olivia P. in der Vorlesungsliste, sagt er. Da bricht ein Shitstorm los. Schmähplakate mit seinem Konterfei tauchen im Unigelände auf. Germanistik-Professor von der TU Dresden verweigert Transgender-Person die Anerkennung, empört sich eine überregionale Tageszeitung. Und legt nach: Die ehemals Indoktrinierten hätten das offene und freie Denken noch immer nicht gelernt.

Als Daniela Krien die Szene schrieb, war der Ostbeauftragte der Bundesregierung Wanderwitz mit seinen ähnlich fragwürdigen Thesen noch nicht unterwegs. Gute Literatur braucht solche Anlässe nicht. Sie reagiert auf Erschütterungen in der Gesellschaft mit Zitterlinien auf Papier wie der oft zitierte Seismograf. Die Linien registrieren genau, was ist, aber sie wollen nicht recht haben. Eben das macht den Charme von Kriens Büchern aus. Ihr erster Roman mit dem Titel „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von 2011 wurde in 17 Sprachen übersetzt. Es folgten der großartige Erzählband „Muldental“ und der Roman „Die Liebe im Ernstfall“, der das Leben von fünf Großstadtfrauen beschreibt und wochenlang die Bestsellerlisten anführte. In allen Texten werden ostdeutsche Lebenserfahrungen spürbar mit ihren Umbrüchen und Ausbrüchen. Daniela Krien, 45, geboren in Mecklenburg, wuchs im Vogtland auf und lebt seit über zwanzig Jahren in Leipzig.

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Ihr neuer Roman „Der Brand“ erscheint diese Woche. Der Brand meint das Feuer in einem Ferienhaus. Damit zerschlägt sich ein lange geplanter Familienurlaub kurz vor der Abfahrt. Doch es schwelen noch ganz andere Brände. Sie bedrohen das Gemeinwesen. Am Beispiel des Dresdner Uni-Professors beschreibt die Autorin Mechanismen bösartiger Polarisierung: Wer nicht stromlinienförmig ins aktuelle Meinungsbild passt, wird sofort verdammt und sozial geächtet. Die Sektionsleitung lässt den Professor fallen. Freundschaften verflüchtigen sich. „Je mehr die Toleranz beschworen wurde, desto mehr nahm sie ab.“ Er bekommt gar nicht erst die Chance, sich zu erklären. Am meisten verstört ihn die Reaktion seiner Frau. Sie gibt zu bedenken, dass die Studentin Gründe haben könnte für ihre Vorwürfe. Gekränkt zieht sich der Mann zurück. Er fühlt sich verraten. „Von da an wurde es still zwischen ihnen“, schreibt Daniela Krien, die sich einmal mehr als literarische Expertin in Liebesdingen und Paarbeziehungen erweist.

Es ist wie so oft: Der Knacks im Beruf führt zum Knacks im Privaten. Das spielt der Roman auf beklemmende Weise durch. Jede Alltäglichkeit – essen wir drin oder draußen? – wird zur Belastungsprobe. Manchmal scheint es so, als hielte nur die Routine aus Kochen und Essen das Paar beisammen. Diese Routine wird in quälenden Wiederholungen vorgeführt. Die Kulisse liefert ein uckermärkischer Künstlerhof, Ersatz für das abgebrannte Ferienhaus in den Alpen. Der Dresdner Professor und seine Frau, Peter und Rahel, finden ausreichend Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Beide sind um die fünfzig. Er kümmert sich um die Tiere, sie um den Garten. Der Hof gehört einem befreundeten Bildhauer, der nach einem Infarkt in einer Klinik lebt, und seiner Frau, die ihn besucht.

Daniela Krien erzählt aus der Perspektive der Rahel, wie drei Wochen Landidylle zur Hölle werden können. Sie inszeniert kein spektakuläres Drama – mit einer Szene am Esstisch zeigt sie das ganze Dilemma. Wie der Mann die Salamischeiben so auf sein Brot legt, dass sie den Rand der Scheibe nicht überlappen. Wie er die Gurkenscheiben exakt gleich dick schneidet. Wie er eine Möhre der Länge nach spaltet, in gleich große Stücke stiftelt und parallel neben die Gurkenscheiben aufreiht. Wie er eines nach dem anderen isst. Brot, Möhre, Gurke. Wie die Frau das beobachtet. Wie suspekt ihr seine Veränderung ist vom Präzisen hin zum Pedantischen. Bei all dem fällt kein Wort. „Rahel beißt in eine ganze Möhre und fürchtet sich vor dem Abend.“Daniela Krien, kürzlich ausgezeichnet mit dem Sächsischen Literaturpreis, verstrickt ihre Figuren in einen Kokon aus Unbehagen. Während sich Peter in seiner Abwehr eingerichtet hat, leidet Rahel unter seiner Zurückweisung. Sie vermisst auch den Sex. Doch jeder Annäherungsversuch von ihr geht ins Leere. In diese angespannte Situation bricht die Tochter mit zwei kleinen Kindern und ihren eigenen Konflikten ein. Sie will ihren Mann wegen eines anderen zumindest probeweise verlassen. Während Rahel um ihre eigene Ehe kämpft, ist ihre Tochter leichthin bereit, alles aufs Spiel zu setzen.

Krisen mit doppeltem Boden

Wie verhalten sich Menschen in einer Krise? Wie hält die Liebe in einer Beziehung? Wie viel Verletzung kann einer ertragen, müssen alle Risse gekittet werden, garantieren gemeinsam verbrachte Jahre das Glück? Solche Fragen verhandelt die Autorin in einem psychologischen Kammerspiel. Das Politische bezieht sie scheinbar beiläufig ein, wenn etwa die Tochter den Eltern vorwirft, dass sie kein eigenes Haus besitzen. „Weil wir Ossis sind“, sagt Peter. „Niemand hat uns beigebracht, dass man nach Besitz streben muss.“

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Die Autorin zieht einen doppelten Boden ein, als Rahel im Atelier des Künstlers stöbert und entdeckt, dass sie seine Tochter sein könnte. In knappen Sätzen erzählt Daniela Krien von Verunsicherungen, die über den Einzelnen hinausreichen. Gerade geht etwas in die Brüche.

  • Daniela Krien: Der Brand. Diogenes Verlag, 271 S., 22 Euro

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