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Neues vom Tango des Astor Piazzolla

Die Musik des Altmeisters funktioniert auch ohne Bandoneon.

Astor Piazzolla hat den Tango neu erfunden.
Astor Piazzolla hat den Tango neu erfunden. © ARTE France

Von Karsten Blüthgen

Verführung scheint ein Schlüsselbegriff, geht es um Wesen und Wirkung dieses Tanzes und seiner Musik. „Es war, als würde uns die geheimnisvolle und leidenschaftliche Welt des Tangos zum ersten Mal verführen“, schreiben die Brüder Oscar und Claudio Bohórquez im Booklet ihres Albums „Piazzolla. Ruta 100“, das nun selbst höchst verführerisch klingt.

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Es ist eine leidenschaftliche Hommage an Astor Piazzolla, den Altmeister des Tango Nuevo, der am 11. März seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Eine Hommage an den renommierten Bandoneonisten aus Buenos Aires, die – auch das zeichnet seinen multikulturell geprägten Stil aus – ebenso ohne Bandoneon funktioniert.

Der eine ist Geiger, der andere Cellist. Ihre Eltern stammen aus Peru und Uruguay. Oscar und Claudio sind in Deutschland geboren, klassisch ausgebildet, zu Weltenpendlern geworden und schließlich zu begeisterten Tangotänzern und -musikern.

Impulse vom Moritzburg-Festival-Composer

Piazzolla löste die Revolution aus, aus der Mitte der 1950er-Jahre jener „neue Tango“ hervorging – ein anspruchsvoll durchkomponiertes, hochvirtuoses Instrumentalspiel auf dem Konzertpodium. Tango Nuevo ist mehr als neue Facette der Kammermusik wahrnehmbar denn als Tango allein für Tänzer.

Den entscheidenden Impuls für diese CD empfingen die Bohórquez-Brüder aber von Gustavo Beytelmann, der das Patagonia Express Trio komplettiert. Der argentinische Pianist und Komponist zählte zu den engsten Freunden und Wegbegleitern des großen Jubilars. Beytelmann stieß 1977 in Paris zum Quintett, in dem Piazzolla Bandoneon spielte, entwickelte nach Piazzollas Tod 1992 den Tango Nuevo weiter, fokussierte sich auf das Komponieren. Mehrmals trat er seitdem als „Composer in Residence“ in Erscheinung. So bereicherte Beytelmann 2008 das Moritzburg Festival mit seinen Klängen, seinem ganzen Wesen.

Die CD ist schlüssig durchkomponiert. Den Auftakt markieren Piazzollas Vivaldi-inspirierte „Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“ („Las Cuatro Estaciones Porteñas“). Geografisch plausibel beginnen sie mit dem „Sommer“. Das Klaviertrio um Beytelmann verbindet interpretatorisches Feingefühl mit einem dramaturgischen Zugeständnis an die europäische Tradition: Es stellt auch bei Piazzollas „Jahreszeiten“ den „Frühling“ an den Anfang. Das ist legitim, zumal die vier zwischen 1965 und 1970 komponierten Sätze ursprünglich keinen Zyklus bildeten und von Piazzolla selbst nie als solcher gespielt worden sind.

Filigran und feinfühlig

In „Le Grand Tango“ zeigt sich die hochvirtuose, aufbrausende Seite des Komponisten, in „Milonga“ tiefe Melancholie. Das mit einer Fuge einsetzende frühe Stück „La Muerte del ángel“ (1962) lässt den gelehrten Piazzolla hören, bevor, fast nahtlos, drei Kompositionen Beytelmanns folgen.

Das filigrane, feinfühlige Klaviertrio „Ofrenda“ entstand unmittelbar nach Piazzollas Tod und wirkt wie der Nachklang eines entschwebten Engels. Jazzklänge kommen nicht zu kurz und kulminieren in einem Beytelmann-Arrangement des Duke-Ellington-Klassikers „Caravan“: Eine Zugabe, die auf Piazzollas prägende New Yorker Jahre verweist.

Dass das Zuginstrument Bandoneon im Erzgebirge wurzelt, mag eher zufällig mit der erhöhten Tangoleidenschaft hierzulande zusammenhängen. In Dresden hat sich eine musizierende und tanzende Szene auf vielen Ebenen etabliert. Das internationale Festival „Tango For Musicians“ fand 2018 erstmals außerhalb Amerikas statt – an Dresdens Musikhochschule. Das jährlich stattfindende Tangofest muss derzeit pausieren. Umso willkommener dürfte jetzt „Piazzolla. Ruta 100“ sein. Die CD erscheint am 29. Januar.

CD-Tipp: Patagonia Express Trio, „Piazzolla. Ruta 100“, Berlin Classics

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