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Neues von Dresdner Flinten, Büchsen und Pistolen

Die wieder eröffnete Gewehrgalerie im Langen Gang des Residenzschlosses zeigt kostbare Jagdwaffen aus dem Bestand der Rüstkammer.

So prächtig ist die Gewehrgalerie vom Langen Gang des Dresdner Residenzschlosses.
So prächtig ist die Gewehrgalerie vom Langen Gang des Dresdner Residenzschlosses. © www.loesel-photographie.de

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Sprinterkönig Usain Bolt würde vermutlich weniger als zehn Sekunden für den Langen Gang in Dresden benötigen, der seit 1590 über ziemlich genau 100 Meter vom Georgentor zum heute als Johanneum bekannten Stallgebäude führt. Doch hier rennt man nicht, sondern nimmt sich Zeit, nach links und rechts zu schauen, um den Atem der Geschichte aufzunehmen und Details kunstvoller Gestaltung zu genießen.

Dieser historische Trakt, der einst auf Geheiß von Kurfürst Christian I. errichtet und nun, nach jahrelanger Rekonstruktion, wieder eröffnet wurde, ergänzt das museale Spektrum der Staatlichen Kunstsammlungen auf attraktive Weise: 1733, kurz nach dem Tod Augusts des Starken, wurde hier von dessen Sohn und Thronfolger eine Gewehrgalerie eingerichtet, die in Europa kaum ihresgleichen hatte.

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Der scheidende Museumschef Dirk Syndram, der in Personalunion Grünes Gewölbe und Rüstkammer leitet, resümierte gerührt, dass er nun bereits zum siebten Male einen für den Museumsbetrieb neu- oder wiedergewonnenen Teilbereich des Schlosses eröffnen durfte.

Der Chef der Rüstkammer und des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, geht nun, nach der Eröffnung des Langen Ganges, in Rente.
Der Chef der Rüstkammer und des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, geht nun, nach der Eröffnung des Langen Ganges, in Rente. © Thomas Kretschel

Der Lange Gang ist für viele der architektonisch bemerkenswerteste Raum des gesamten Schlosskomplexes. Bei der Umgestaltung unter Kurfürst Friedrich August II., der sich als König Polens August III. nannte, wurde jedes zweite Fensterpaar zugemauert, um Platz für die anderthalb Dutzend Großvitrinen zu finden. Der Wettiner hatte nicht nur die Gemäldegalerie dank spektakulärer Ankäufe in Modena, Venedig, Prag und Paris maßgeblich erweitert, sondern auch den Bestand prunkvoller Jagdwaffen nahezu verdoppelt. Von den in der Rüstkammer registrierten etwa 1.800 einschlägigen Schusswaffen sind hier nun 386 Flinten, Büchsen, Pistolen und andere Feuerrohre in Vitrinen ausgestellt.

Wer den Langen Gang betritt, der vom Schloss her über den Renaissanceflügel der Rüstkammer zugänglich ist, sieht rechter Hand, an der Wand zum Stallhof hin, vor allem Zeugnisse sächsischer, süddeutscher und habsburgischer Büchsenmacherkunst. An der linken Galeriewand, die sich über dem 1907 vollendeten Fürstenzug in der Augustusstraße erstreckt, finden sich Waffen vornehmlich aus Werkstätten italienischer, spanischer, britischer und vor allem französischer Meister, die zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Sachen Kunstfertigkeit das Maß der Dinge waren.

Masurische Bären haut es aus den Socken

Zu den Raritäten gehören zwei Radschlossbüchsen, die 1669 und um 1700 in Breslau gefertigt wurden. Im Gegensatz zu den Flinten, die sich mit ihrem gebohrten, glatten Lauf eher für Schrot eignen, verfügen Büchsen über gezogene Läufe, die der Kugel einen Drall verleihen. Die Breslauer Büchsen haben austauschbare Einsteckläufe für zwei verschiedene Kaliber, was für den klugen Jäger Sinn ergibt: Ein Geschoss, das einen masurischen Bären aus den Socken haut, wäre bei der Wachtel- oder Schnepfenjagd kontraproduktiv gewesen, wollte man als treffsicherer Wald- und Wiesenbaron im Gefolge des Kurfürsten nicht nur mit einem Bündel blutgetränkter Federn zurück nach Schloss Hubertus- oder Moritzburg reiten.

Nicht wenige der höfischen Jagdwaffen wurden übrigens in den einschlägigen Jagdschlössern verwahrt, doch auch viele der ab 1733 in der Gewehrgalerie ausgestellten Edelstücke sollen regelmäßig zum Einsatz gekommen sein.

Waffen als Kunstwerke: Diese Radschlossbüchse – hier Details von Schaft und Visier – stammt von 1611.
Waffen als Kunstwerke: Diese Radschlossbüchse – hier Details von Schaft und Visier – stammt von 1611. © Rüstkammer, Staatliche Kunstsam

Aus dem lombardischen Brescia stammt eine zweiteilige Garnitur von besonderer Eleganz, die dem italienischen Büchsenmacher Lazarino Cominazzo zugeschrieben wird. Die Flinte und die Pistole von etwa 1660, beide mit Radschloss, haben fein gemaserte Nussbaumschäfte und filigran ziselierte Eisenbeschläge von der Zartheit eines Taschentuchs aus Brüsseler Spitze. Ebenfalls reich geschmückt ist eine vierteilige Garnitur des Suhler Meisters Johann Christoph Stockmar von 1744. Die Waffen mit Steinschloss, die historisch die ältere Radschlosstechnik verdrängten, sind mit Beschlägen aus Eisen, Silber, Gold und Hirschhorn versehen.

Langgewehre aus Ceylon

Besondere Erwähnung verdienen drei Langgewehre aus Ceylon. Die sogenannten Karrenbüchsen sind 2,35 Meter lang und wurden meist von einem Pferdewagen oder einem Boot aus auf besonders scheues Federvieh abgefeuert. Die Schützen, auf Ceylon vornehmlich Repräsentanten der Niederländischen Ostindien-Kompanie, die scharf auf exotische Federn oder einen speziellen Entenbraten waren, versteckten sich hinter grünen Planen und verschossen dann mit großer Pulverladung ihr Schrot.

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Folgt die museale Schau auf den ersten 70 Metern der chronologischen und geografischen Logik, so wird im hinteren Drittel in drei dicht bestückten Vitrinen ansatzweise das Flair der historischen Gewehrgalerie des 18. Jahrhunderts wiederbelebt. Die Präsentation wird ergänzt um Ahnenbildnisse, Turnierbilder und Geweihe. Abgesehen davon lohnt es sich, den Blick über die schier endlos anmutende Kassettendecke der fünf Meter breiten Galerie schweifen zu lassen, die 2016 bis 2020 rekonstruiert und restauriert worden ist. In der Folge des Bombenangriffes vom Februar 1945 war das Obergeschoss komplett ausgebrannt und die Decke zerstört worden. Später war ein Teil des Ganges sogar eingestürzt. Die Wiedereröffnung steht also am Ende eines langen, mühevollen Weges.

Gewehrgalerie im Langen Gang, Residenzschloss DD, täglich außer Di. 10 – 17 Uhr, Zugang über Rüstkammer.

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