merken
PLUS Deutschland & Welt

Nicht lustig?

Was unterscheidet weibliche Comedians von männlichen Kollegen? Zwei Forscher aus Dresden und Eichstätt gehen der Frage nach.

Anke Engelke, Lisa Eckart und Carolin Kebekus (v.l.n.r.) sind etablierte Künstlerinnen in der deutschen Comedy-Szene. Aber machen sie anders Witze als Männer?
Anke Engelke, Lisa Eckart und Carolin Kebekus (v.l.n.r.) sind etablierte Künstlerinnen in der deutschen Comedy-Szene. Aber machen sie anders Witze als Männer? © dpa

Dresden. Gibt es ihn denn nun? Den weiblichen Humor, den eben nur Frauen können? Nicht erst seit Comedians wie Carolin Kebekus oder Anke Engelke mit eigenen Shows im Fernsehen zu sehen sind, diskutieren Menschen leidenschaftlich darüber – Frauen und Männer gleichermaßen. Wieland Schwanebeck, wissenschatlicher Mitarbeiter an der Professur für Englische Literaturwissenschaft der TU Dresden, beschäftigt diese Frage schon seit Längerem. Gemeinsam mit seiner Kollegin Nele Sawallisch von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt organisierte er in diesem Jahr sogar eine Tagung rund um die „Funny Women“, die lustigen Frauen. Die trauen sich auf der Bühne durchaus ziemlich viel und ecken damit auch an.

Historisch gesehen, sei Comedy schon sehr alt, erzählt Wieland Schwanebeck. Bereits in der griechischen Antike unterhielten Komödien das Publikum. Inhaltlich ging es dabei oft um das humorvolle Kritisieren der strengen Regeln, in denen die Menschen zu dieser Zeit lebten. „Letztlich gab es damals bereits Dinge, die wir auch heute noch von Comedy kennen“, sagt er. Inklusive Pippi-Kacka-Humor, Furzwitzen, Obszönem oder dem Verspotten von Politikern. Damit liefere die Komödie über viele Jahrhunderte hinweg eine Antwort auf ein Grundbedürfnis der Menschen. „Man lacht gern, über andere und auch über sich selbst.“ Die Themen des Witzes seien immer auch ein Spiegel dessen, was eine Gesellschaft gerade interessiert und bewegt. Eine Art Ventil.

Küchenzentrum Dresden
Küchen-Profis aus Leidenschaft
Küchen-Profis aus Leidenschaft

Das Team des Küchenzentrums Dresden vereint Kompetenz, Erfahrung und Dienstleistung – und punktet mit besonderen Highlights.

Ebenfalls schon seit der Antike waren sich vor allem männliche Autoritäten der Geistesgeschichte über eines einig: Frauen können nicht lustig sein und haben keinen Humor. Wenn sie sich an ironischem oder gar groteskem Humor versuchten, wurden sie als „unweiblich“ diffamiert. „Heute wird solch eine Sichtweise natürlich ad absurdum geführt“, erläutert Nele Sawallisch, deren Schwerpunkt die Amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft ist. Stand-up-Comedy sei heute divers, auf Streaming-Plattformen wie Netflix sind weibliche wie männliche Comedians zu sehen. Trotzdem trifft die Frauen der Branche immer wieder Kritik. Mitunter auf eine sehr plumpe Art und Weise. „In den vergangenen zehn Jahren gab es natürlich auch konservative Kommentare.“ Diese böten aber keinen Ansatz zu einem ernsthaften Diskurs.

Raue Worte als Tabubruch

Unterscheidet sich aber nun der Humor der Frauen von dem der Männer? Eine Interpretation, die immer wieder besprochen wird: Machen Männer gern Witze über andere und Frauen vermehrt über sich selbst? Für Nele Sawallisch ist das zu sehr in Schwarz und Weiß gedacht. „Ich denke, wir finden keine Antwort auf diese Frage, wenn wir diese Einteilung bereits im Kopf haben.“ Vielleicht gebe es solche Unterschiede, vielleicht auch nicht. „Mit unserer Forschungsarbeit wollen wir dieser Frage weiter auf den Grund gehen.“

In den Augen von Wieland Schwanebeck machen aktuell gerade im englischsprachigen Raum weibliche Comedians von sich reden, die eben mit altbekannten Mustern brechen. „Nehmen sie Hannah Gadsby aus Großbritannien oder Ali Wong aus den USA. Die haben auf der Bühne einen rauen Humor, den viele nur von Männern kennen“, nennt er zwei Beispiele. Frauen und Fäkalsprache? Für einige Kritiker sei das schon ein Tabubruch. „Die Frage wäre in meinen Augen, ob es wirklich einer ist. Warum sollen Frauen solche Dinge denn nicht sagen dürfen?“

Hazel Brugger findet in ihren Programmen deutliche Worte. Dürfen Fauen so etwas auf der Bühne?
Hazel Brugger findet in ihren Programmen deutliche Worte. Dürfen Fauen so etwas auf der Bühne? © dpa

Nele Sawallisch verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2019, die die Problematik gut beschreibt. Forscher der University of Arizona und der University of Colorado Boulder hatten damals gezeigt, dass die Wirkung eines Witzes vor allem davon abhängt, ob ihn eine Frau oder ein Mann erzählt. In dem Experiment wurde Teilnehmern jeweils das Video einer Präsentation über eine Geschäftsfiliale gezeigt. Einmal war der Chef ein Mann, im zweiten Fall äußerte sich die Chefin. Mit gleicher Wortwahl. Ergebnis: Obwohl sie dieselben Witze erzählten und sich die Präsentation grundsätzlich nicht voneinander unterschied, wurde der Humor des Mannes als funktional und positiv bewertet, während der Humor der Frau als störend empfunden wurde.

Auch im deutschsprachigen Raum hat sich das Bild der weiblichen Comedians in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Liesl Karlstadt war die Bühnenpartnerin von Karl Valentin, Evelyn Hamann wurde an der Seite von Loriot bekannt. „Die berühmten Männer haben ihre Sketchpartnerinnen meist eher im Schatten gepflegt“, beschreibt es Schwanebeck. Bekannte Solokünstlerinnen, wie im Englischsprachigen etwa Moms Mabley ab den 1920ern und Elaine May seit den 1950er-Jahren, etablierten sich in Deutschland erst nach und nach. Heute profitierten weibliche Comedians auch von neuen Möglichkeiten, die soziale Medien, Youtube oder Streaming-Dienste bieten, sagt Nele Sawallisch. „Sie können dadurch ihre Arbeit zeigen, ein großes Publikum erreichen und sich selbst eine Fangemeinde aufbauen.“

Körper und Psyche sind Themen

Wenn sich der Humor von Frauen und Männern eventuell nicht unterscheidet, sind es womöglich die Sachen, über die sie reden? Die beiden Wissenschaftle kommen zu folgendem Schluss: Zum einen würden sich die Themen aller in der Comedy-Branche Tätigen natürlich an aktuellen Dingen orientieren, die die Gesellschaft bewegen. Zum anderen beobachten sie aber gerade auf internationalen Bühnen eine neue Entwicklung. Dort machen Frauen immer mehr ihre ganz eigenen, persönlichen Themen zum Gegenstand ihrer Programme. Und das mit einer großen Ehrlichkeit.

Hannah Gadsby spricht offen und mit großem Witz über ihren Autismus, Ali Wong stand hochschwanger auf der Bühne und berichtete unverblümt über all das, was ihren Körper in dieser Zeit ausmachte. Die US-Amerikanerin Tig Notaro thematisierte ihre Brustkrebs-Erkrankung und erzählte auch schonungslos von ihrer Mastektomie-Operation. „Der eigene Körper oder auch die psychische Gesundheit sind Themen, die wir momentan vor allem von weiblichen Comedians präsentiert bekommen“, sagt die Expertin.

Weiterführende Artikel

Carolin Kebekus persifliert Kardinal Woelki

Carolin Kebekus persifliert Kardinal Woelki

In ihrer ARD-Show nimmt sich Komikerin Carolin Kebekus den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki vor - und richtet sich auch an den Bundestag.

Lisa Eckhart: Provozieren ist meine Arbeit

Lisa Eckhart: Provozieren ist meine Arbeit

Als Lisa Eckhart von einem Festival ausgeladen wurde, kam es zum Eklat. Ein Gespräch über Berufsrisiken, Manieren und den Vorteil von Dialekten.

Die beiden möchten weiter auf diesem Gebiet forschen. Wieland Schwanebeck etwa will sich demnächst intensiver mit Cringe-Humor von Frauen beschäftigen, also mit der Art von Fremdschäm-Witz, der Zuhörer zusammenzucken lässt. Nach der gemeinsam organisierten Tagung zum Thema „Funny Women“ hat Nele Sawallisch Lust bekommen, den Blick auf das Thema noch internationaler werden zu lassen. „Es wäre spannend zu ergründen, was fernab von Europa, Großbritannien oder den USA in Sachen weiblichem Humor passiert.“ Eines stünde jedoch fest, ergänzt ihr Kollege aus Dresden. „Wer heute Frauen die Fähigkeit abspricht, witzig zu sein, hat einfach keine Ahnung.“

Mehr zum Thema Deutschland & Welt