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Feuilleton

Nicht so gemeint?

Rassistisch und unterste Schublade - oder schlau und entlarvend? Über Kabarett wird gerade viel gestritten: Der Fall Somuncu und andere Aufreger.

Jan Böhmermann (l-r), Lisa Eckhart und Serdar Somuncu: Über Kabarett in Deutschland wird gerade viel gestritten.
Jan Böhmermann (l-r), Lisa Eckhart und Serdar Somuncu: Über Kabarett in Deutschland wird gerade viel gestritten. © Balk/Heimken/Kästle/dpa

Von Caroline Bock

Berlin. Dieter Nuhr, Lisa Eckhart, Serdar Somuncu: Die Kabarettszene in Deutschland erlebt einen Aufreger nach dem anderen. Die Kurzfassung: Dieter Nuhr hat laufend Ärger, etwa wegen Witzen über Greta Thunberg und den Klimawandel. Lisa Eckhart wurde wegen Sicherheitsbedenken vom Harbourfront-Literaturfestival in Hamburg ausgeladen. Über Serdar Somuncu tobte der Online-Sturm, weil er in einem Podcast-Ausschnitt rassistische und sexistische Begriffe benutzte. Sein Kollege Florian Schroeder lachte bei der Somuncu-Nummer kumpelhaft. Hinterher versuchten beide klarzustellen: Das war so nicht gemeint.

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Auch Lisa Eckhart sieht ihre Nummern im falschen Licht. Der Vorwurf bei der Österreicherin: Sie bediene rassistische und judenfeindliche Klischees. Das lässt sie nicht gelten, wie sie in einem Interview diesen Sommer deutlich machte. "Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen." Sie prangert einen verbreiteten Reflex an, auf bestimmte Reizworte zu reagieren. Dieter Nuhr schildert in einem WDR-Interview einen "Stille Post"-Mechanismus, der ihn nach seinen Worten zu Unrecht zum Corona-Leugner, Wissenschaftsfeind und Klimawandel-Leugner macht.

Wenn Satire zur Staatsaffäre wird

Es geht also um Fragen, die noch Stoff für Doktorarbeiten werden könnten. Was ist der Kontext eines Witzes? Ist das alles so gemeint oder Parodie? Darf man ohne Rücksicht auf Verluste Witze über Minderheiten machen oder ist es gerade Diskriminierung, wenn man keine Witze über Minderheiten macht? Wie tickt die Bühnenfigur, wie der Mensch hinter der Bühnenfigur? Wann ist Satire der reine Rassismus, Sexismus und unterste Schublade? Wann ist sie eine Geschmacklosigkeit, die Gefühle verletzt und Menschen diskriminiert?

Die Folgen von Satire können schwer sein: Jan Böhmermanns "Schmähkritik" über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde 2016 zur Staatsaffäre. Selbst Rudi Carrell löste 1987 mit einem Beitrag in "Rudis Tagesshow" über den Revolutionsführer Ajatollah Chomeini eine diplomatische Krise aus.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat nach Kritik an Äußerungen des Comedians Serdan Somuncu eine redaktionell überarbeitete Fassung des betroffenen Podcasts veröffentlicht.
Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat nach Kritik an Äußerungen des Comedians Serdan Somuncu eine redaktionell überarbeitete Fassung des betroffenen Podcasts veröffentlicht. © Felix Kästle/dpa

Dieses Jahr geht es immer wieder um "Cancel Culture". Das ist die aus der Sicht von Kritikern übervorsichtige Kultur des Boykottierens, so wie im Fall Eckhart moniert wird. Dazu kommt, dass in Internet-Zeiten oft nur Überschriften gelesen werden. Früher hätten sich die Leute für einen Leserbrief hinsetzen müssen oder vielleicht im Büro am Kaffeeautomaten ausgetauscht, ob "Nuhr im Ersten" nun lustig war oder nicht. Heute reicht ein Griff zum Handy zum Aufregen, gerne auch anonym und grob im Ton.

Zum Fall Somuncu: Diese Woche kursierte ein kleiner Ausschnitt aus einem dreistündigen Podcast bei Twitter und brachte dem RBB-Sender Radioeins einen Shitstorm. Was Somuncu macht, beschreibt der Sender so: Er "kübelt alle beschissenen Begriffe, die es gibt, um Menschen zu diffamieren, auf einmal raus".

Der RBB entschuldigte sich und überarbeitete die Audio-Show, die Originalfassung des "Schroeder & Somuncu-Podcasts" ist nicht mehr zugänglich. Robert Skuppin, Programmchef von Radioeins, sagte, beides sei in Abstimmung mit den beteiligten Künstlern erfolgt. Laut Skuppin sahen sich viele Menschen durch einzelne Passagen beleidigt und herabgewürdigt. Kurz: Das Ganze ging zu weit.

Kern der Debatte ist, was Somuncu mit seiner Nummer bezweckte, in der er sich etwa über "schlecht gebumste" Frauen mokierte. Die einen sahen das Ganze als Grenzüberschreitung, die anderen als entlarvende Provokation, die zeigen sollte, wie Empörungsmechanismen funktionieren. Somuncu schilderte seinen Stil bei einer Radioeins-Diskussion als bewusst eingesetzte Strategie: Er will demnach kein Opfer sein, sondern auch in die Täterrolle springen können. Zentraler Satz seiner Figur sei: "Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung". Alles was sich anbiete, werde beleidigt. Die Absicht sei, durch die flächendeckende Beleidigung Gerechtigkeit herzustellen und zu zeigen, wie Intoleranz funktioniere.

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Die Satirikerin Sarah Bosetti wischt das Argument, Somuncu spreche als Kunstfigur, weg. Sie habe sich die drei Stunden angehört. Somuncu sei klug und reflektiert. "Nur die Sache mit dem Humor - das ist ein merkwürdiges Phänomen, dass Menschen dümmer werden, wenn sie versuchen, lustig zu sein." Der eloquente, zu komplexen Gedankengängen fähige Herr rede plötzlich wie ein pubertierender Schuljunge und sage einfach ganz viel "Ficki-Ficki". Er habe nicht die Empörungsmechanismen der Gesellschaft entlarvt, sondern nur Menschen einen berechtigten Grund zur Empörung gegeben. (dpa)

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