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Preise des DOK Leipzig für Filme aus China und Polen

Migration und Flucht waren die Hauptthemen beim Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. Die Goldene Taube fliegt nach China.

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In dem Film „Flee“ erzählt ein afghanischer Mann seine Fluchtgeschichte. Wo die dokumentarischen Bilder fehlen, hilft die Animation.
In dem Film „Flee“ erzählt ein afghanischer Mann seine Fluchtgeschichte. Wo die dokumentarischen Bilder fehlen, hilft die Animation. © Foto: MDR/Final Cut for Real/MDR Mitteldeutscher R

Von Pauline Reinhardt

Dieses Jahr konnten die Preisverleihungen des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm (Dok) mit Einschränkungen wieder in Präsenz stattfinden. So bedankte sich Wei Deng, der Regisseur des Gewinnerfilms „Father“, per Videobotschaft aus China. Es sei ihm leider nicht möglich gewesen, nach Deutschland zu kommen. Dennoch verdeutliche der Preis, dass Filme kulturelle und nationale Grenzen überwinden könnten: „Dafür liebe ich den Film.“

Auch die Gewinnerin einer Goldenen Taube für den animierten Kurzfilm „Impossible Figures and Other Stories“ sandte eine digitale Botschaft. Marta Pajek erwähnt darin das Privileg, solch ein Festival abhalten zu können und erinnert an die Geflüchteten, die an der belarussisch-polnischen Grenze im Wald ausharren. Ihre Rede fügt sich gut ein in eines der Schwerpunktthemen des diesjährigen Dokfilmfestivals: Migration und Flucht.

Oder sollte man den seltenen und leicht missverständlichen Plural von Flucht – Fluchten – verwenden? Denn Flucht ist nicht gleich Flucht. Viele Dok-Filme ordnen dem Massenphänomen Gesichter und Geschichten zu. Sie zeigen, wie unterschiedlich Flucht dargestellt werden kann, als komplexer und langwieriger Prozess. Während in Deutschland und Europa der Blick der sogenannten Einheimischen dominiert, werden hier neue Perspektiven eröffnet.

Szene aus dem syrischen Film "Our Memory Belongs to Us"
Szene aus dem syrischen Film "Our Memory Belongs to Us" © DOK Leipzig

Niemand flieht grundlos, man flieht vor etwas. Das zeigt zum Beispiel der Film „Our Memory Belongs to Us“, ausgezeichnet mit dem Preis des Leipziger Rings: Yadan, Odai und Rani, drei ehemalige Revolutionäre aus Daraa in Syrien kommen auf der Bühne eines leeren Theatersaals zusammen und sichten das Filmmaterial, das sie 2011 und 2012 zur Dokumentation erstellt haben. Wir sehen friedliche Proteste, die von der Regierung brutal niedergeschlagen werden, wie sich die Revolutionäre schließlich selbst bewaffnen müssen und trotzdem keine Chance haben. Die Männer kommentieren die kaum ertragbaren Bilder von Leichen und zerstörten Städten, sie erinnern sich und teilen ihre Emotionen miteinander. Dieser Prozess ist schmerzhaft, aber notwendig – für die drei ebenso wie für die Zuschauenden.

Anstrengung und Hoffnung

Das Dok präsentierte auch viele persönliche Arbeiten zur Frage der Authentizität des dokumentarischen Bildes. Der Film „Flee“ stellt sich einer Herausforderung: Wie kann man eine Flucht dokumentieren, von der es keine Bilder gibt, nur Worte? Amin ist in den 1990er-Jahren als Jugendlicher aus Afghanistan geflohen und nun zum ersten Mal bereit, seine vollständige und wahre Geschichte zu erzählen. Für eine Dokumentation ergibt sich folgendes Problem: Das Land, aus dem er stammt, kann man nicht besuchen, um Szenen mit Schauspielerinnen und Schauspielern nachzustellen. Die Antwort auf diese Problematik ist eine Verbindung der beiden Genres des Dok, Dokumentation und Animation. Besonders eindrücklich ist dabei die Variation zwischen bunten Szenen mit Popmusik, die an Animes erinnern, und schattenhaften Bildern, die verschwommene und traumatische Erinnerungen symbolisieren.

Der Film erhielt zwar keinen Preis von einer der vier Dok- und zehn Partner-Jurys, ist aber der dänische Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester internationaler Film im Jahr 2022.Eine Besonderheit ist der Film „What Remains on the Way“, der die Flucht von Lilian mit ihren vier Kindern von Guatemala bis fast in die USA begleitet. Die alleinerziehende Mutter schließt sich einer Karawane an, um ihrem gewalttätigen Ehemann zu entkommen. Zusammen wollen sie den weiten Weg ohne Menschenschmuggler bezwingen. Der Film zeigt Bilder von offenen Lastwagen voller dicht zusammengedrängter Menschen, die hungrig sind und Blasen an den Füßen haben. Und er zeigt Momentaufnahmen der spielenden Kinder am Fluss. So werden Tausende Kilometer voller Anstrengung und Hoffnung zurückgelegt.

Was diese drei sehr unterschiedlichen Filme vereint, ist erstaunlicherweise eine gewisse Lebensfreude. Es ist kein Zufall, dass die einzige Premierenparty in diesem Jahr von den Filmemacherinnen und -machern von „What Remains on the Way“ veranstaltet wurde, gemeinsam mit jenen von „Nasim“, einem Film über eine Familie im Flüchtlingslager Moria, der die Preise von Defa und ver.di erhielt. Freude und Leid liegen oft nah beieinander.

Bei einem Dokumentarfilm ein Ende zu setzen, erscheint fast unmöglich, schließlich geht das Leben immer weiter. Die Protagonisten in „Our Memory Belongs to Us“ verweigern schließlich eine Erinnerung. Sie möchten die Aufnahmen der Ermordung eines guten Freundes nicht sehen. Denn sie wollen ihn lieber lachend und scherzend in Erinnerung behalten.

Die Zuschauenden bekommen diese schlimmen Bilder allerdings zu sehen. Amin aus „Flee“ hat durch das Teilen seiner Geschichte zu sich selbst gefunden, er heiratet am Schluss des Films seinen langjährigen Partner und beginnt somit einen neuen Lebensabschnitt.

Szene aus dem Film "What Remains on the Way"
Szene aus dem Film "What Remains on the Way" © Dokl Leipzig

Ein Happy End gibt es auch bei „What Remains on the Way“. Dieser Film endet mit einer selbst gewählten Familie und einer Feier mitsamt Piñata am Strand. Man spricht oft, besonders bei Spielfilmen, von Spoilern, wenn das Ende vorweggenommen wird. Im Fall dieser teilweise sehr traurigen Dokumentarfilme erleichtert dies allerdings das Schauen. Das ist noch bis zum 14. November im Dok-Stream möglich. Das ist ein positiver Nebeneffekt der Pandemiezeit.

Das sind die Preisträger im Überblick:

  • Goldene Taube international: Der chinesische Dokumentarfilm "Father" hat beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm die Goldene Taube im internationalen Wettbewerb gewonnen. Das Langfilmdebüt von Wei Deng ist laut Mitteilung der Organisatoren vom Samstagabend eine Generationenporträt über Tradition und Veränderung in der Gesellschaft der Volksrepublik. Die Erzählung sei "ehrlich, ergreifend und eindringlich" und gehe über "das für die Augen Sichtbare hinaus, zeigt die Komplexität des Lebens und wird zur reinen Hommage an die Menschlichkeit", begründete die Jury die Vergabe.
  • Silberne Taube international: Der polnische Fotograf und Filmemacher Karol Palka wurde für seinen ersten Langfilm "Bucolic" über das Leben einer Mutter und ihrer Tochter in der Abgeschiedenheit auf dem Land mit der Silbernen Taube für den "frischen und innovativen Ansatz" und die "sensible Darstellung der Charaktere" ausgezeichnet.
  • Goldene Taube national: Die Goldene Taube im nationalen Wettbewerb vergab die Jury an "A Sound of My Own" von Rebecca Zehr, der die Musikerin Marja Burchard begleitet.
  • Goldene Taube Publikum: Die Goldene Taube des Publikums ging an "Dida" von Nikola Ilic und Corina Schwingruber.
  • Goldene Tauben kurzer Dokfilm: Als bester kurzer Dokumentarfilm wurde "Abyssal" des Kubaners Alejandro Alonso und "Impossible Figures and Other Stories I" der polnischen Animationsfilmerin Marta Pajek ausgezeichnet.
  • Silberne Tauben kurzer Dokfilm: Die Silbernen Tauben in dieser Kategorie gingen an die Analyse des 100-Yan-Scheins "Pink Mao" des Chinesen Tang Han und den Animationsfilm "Love, Dad" der Tschechin Diana Cam Van Nguyen.

Die insgesamt acht Tauben der 64. DOK-Leipzig Ausgabe sind mit zusammen 38.000 Euro dotiert. Seit Montag vor einer Woche wurden in verschiedenen Spielstätten der Stadt rund 170 Arbeiten von Filmemachern aus dem In- und Ausland gezeigt. Das 1957 begründete Festival ist das zweitgrößte seiner Art in Europa und gilt als Bühne für den politischen Dokumentarfilm. (mit dpa)