merken
PLUS Feuilleton

Das ist die große Oscar-Favoritin

Amerikanischer Film, chinesische Regisseurin: Chloé Zhaos „Nomadland“ hat Chancen auf sechs „Oscars“. Die werden endlich diverser.

Zwei, die gut miteinander konnten und können: Regisseurin Chloé Zhao und ihre Hauptdarstellerin Frances McDormand bei einer Drehpause am Set von „Nomadland“.
Zwei, die gut miteinander konnten und können: Regisseurin Chloé Zhao und ihre Hauptdarstellerin Frances McDormand bei einer Drehpause am Set von „Nomadland“. © Searchlight Pictures/AP

Von Andreas Körner

Die 93. Oscar-Verleihung wird eine besondere. Diesmal wirklich. Doch nicht die Tatsache, dass die Kinos in vielen Ländern der Welt ihre Türen noch immer verschlossen halten müssen, sorgt dafür. Nicht der Umstand, dass es Sonntagnacht in Los Angeles eine zurückgenommene Zeremonie mit Gästen aus aller Welt geben soll, die sich schon vor Ort befinden, in „Quarantäne mit Swimming Pool“, wie es der nominierte dänische Regisseur Thomas Vinterberg mit süffisantem Unterton festzustellen wusste. Besonders ist die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten für den noch immer renommiertesten Filmpreis.

Die männlichen und zu nicht einmal 30 Prozent weiblichen Mitglieder der Oscar-verantwortlichen Academy of Motion Picture Arts and Science wollen offensiver als zuvor den Vorwürfen der Ungleichbehandlung begegnen: mehr „People of Color“ bei Hauptpreisen, zwei Frauen in der Regiesparte, auffallende inhaltliche Vielfalt. Die Zeichen der Zeit wurden erhört.Gleich sechsmal nominiert, darunter für Beste Regie, Bester Film und Beste Hauptdarstellerin, ist „Nomadland“ der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao. Er ist seit Monaten in aller Munde, wo er noch nicht in aller Augen sein kann.

Anzeige
Zukunft? Na klar!
Zukunft? Na klar!

Die Berufsakademie Sachsen bietet ein krisensicheres Studium mit besten Job-Chancen und Ausbildungsvergütung.

Jene, die ihn auf Festivals oder intern sehen konnten, waren von der starken Geschichte einer Frau, die im Wohnwagen durch den US-amerikanischen Westen zieht, sofort begeistert. „Nomadland“ gewann in Venedig, Toronto und Chicago Hauptpreise, marschierte beim Golden Globe und den britischen Baftas durch. Es ist ein Drama, auf das man sich einigen kann. Und heftig vorfreuen auf die Zeit, wenn sich Leinwandvorhänge wieder öffnen dürfen.

Fern, gespielt von der unvermindert überwältigenden Frances McDormand, ist nicht auf der Straße, weil sie Urlaub macht. Die 60-Jährige hat ihren festen Wohnsitz aufgegeben, nachdem ihr die jüngste Rezession die Existenz und der Tod den Ehemann genommen haben. Hauslos sei sie, sagt Fern, aber nicht heimatlos. Das Leben als Nomadin im Kleinbus ist eine freie Entscheidung, die ihr Gelegenheitsjobs im Versand, bei der Ernte oder als Putzfrau bringen wird, vor allem aber innige Begegnungen mit Menschen.

Eindringlichkeit, Wärme und grandiose Kinobilder

Zwei Spielfilme hatte Regisseurin Chloé Zhao bis dahin gedreht, in allen arbeitete sie mit semidokumentarischen Mitteln, ohne starres Drehbuch, mit wenigen Profis und Laiendarstellern vor Ort. Für „Songs My Brother Taught Me“ (2015) und „The Rider“ (2017) war es das Pine Ridge Reservat in South Dakota, für „Nomadland“ das pure Leben in Nebraska, Kalifornien, Arizona, Nevada und wieder South Dakota. Die 38-jährige Zhao erschafft Filme voller Eindringlichkeit, Wärme und grandiosen Kinobildern, zu denen neben markanten Gesichtern authentischer Frauen, Männer, Kinder auch Tableaus von Landschaften und Witterungen gehören. Und Tiere, Pferde im Speziellen.

Es ist ein Glücksfall, dass in Deutschland jetzt sowohl „Songs My Brother Taught Me“ als auch „The Rider“ im Heimkino verfügbar sind, beide im intensivsten Sinne Porträts von Familien in Reservaten der indigenen US-Bevölkerung. Sie handeln vom Wunsch der Jungen, wegzugehen, um dann doch zu bleiben. Vom Deal der Alten, im Privaten ein Glück zu finden, das für den Alltag taugen möge.

Da sind Johnny und Jashaun, großer Bruder und kleine Schwester, die eine so starke Bindung haben, dass Johnnys Plan, mit seiner Freundin nach Los Angeles zu ziehen, scheitern muss. Aus Liebe. Da ist Brady Blackburn, ein junger Pferdetrainer, der nach einem schweren Unfall beim Rodeo den Halt verliert. Es kann für den „Rider“ kein Leben ohne Pferde geben und gleich gar nicht ohne Familie. Chloé Zhao rückt ihre Charaktere ins Zentrum einer tiefen und vom Künstlichen befreiten Menschlichkeit. Genauso wie sie für „Nomadland“ echte Nomaden fand und ihnen zentrale Rollen gab – als sie selbst. Chloé Zhaos Werke sind still, melancholisch, spröde vielleicht, langsam. Einlass-Filme.

Die Lügen des chinesischen Systems

Weiterführende Artikel

Drei Oscars für "Nomadland"

Drei Oscars für "Nomadland"

Eine junge, in Peking geborene Filmemacherin ist die große Oscar-Gewinnerin - ein Symbol für ein sich langsam wandelndes Hollywood?

Spannung kurz vor der Oscar-Verleihung

Spannung kurz vor der Oscar-Verleihung

Wird "Nomadland" den Oscar-Favoriten "Mank" schlagen? Wo werden die Trophäen ausgeteilt? Die Pandemie stellt auch die Oscars vor Probleme.

Die 1982 in Peking geborene Tochter aus gut situiertem Haus war in England im Internat, hat in Kalifornien die Highschool absolviert und in New York Film studiert. Explizit politisch will sie nicht sein, nicht im Schaffen, nicht privat. Ehrlich ist sie trotzdem, spricht von ihrer chinesischen Identität und den Lügen des Systems. Was dazu führt, dass es Chinas kulturellem Staatsbetrieb schwerfällt, sich auf die fast gesetzten Oscars für die Landsfrau zu freuen. Man kann darüber auch schweigen …Erst, wenn der vierte, bereits abgedrehte Streifen von Chloé Zhao starten wird, Pixars Comic „The Eternal“, wäre das Problem der Verweigerung weitaus größer. Es hängt zu viel Geld daran, das man einbüßen würde.

  • „Songs My Brother Taught Me“ ist bei Mubi streambar,
  • „The Rider“ gibt es als Blu-ray bei Weltkino.

Mehr zum Thema Feuilleton