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Oper Leipzig mit Paukenschlag

„Der Sturz des Antichrist“ in der Leipziger Oper ist Gesellschaftsparabel oder esoterische Science-Fiction-Oper. Alles in allem eine besondere Produktion.

Leipzig macht ganz große Oper.
Leipzig macht ganz große Oper. © Kirsten Nijhof

Von Jens Daniel Schubert

Leipzig macht ganz große Oper. Bei Victor Ullmanns „Der Sturz des Antichrist“, Premiere war am Wochenende, ist das Orchester groß besetzt – und das hört man auch. Matthias Foremny und das Gewandhausorchester entfalten klangstark und differenziert die Musik der ungewöhnlichen Partitur.

Auf der Bühne steht ein großer Chor, der musikalisch selten, aber szenisch umso öfter gefragt ist. Als Volk werden er und die Komparserie nur selten individuell, meist als Massen dynamisch geführt. Die 3G-Zuschauer sitzen im Schachbrettmuster. Auf der Bühne ist Abstand kein Thema. Der Opernabend ist eindrucksvoll, die Betroffenheit spürbar, der Applaus begeistert, nur wenige Missfallensäußerungen gegen das Regieteam.

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Stücktitel und Komponistenname sind eher Insidern bekannt, sicher auch, weil Ullmanns verheißungsvolle Karriere durch seine Ermordung in Auschwitz ein jähes Ende fand. Es ist spannend zu spekulieren, welche Entwicklung dieser Künstler nach dem Krieg hätte nehmen können.

Die musikalischen Mittel im „Antichrist“ sind außerordentlich. Sie mischen die Stile der Zeit und Musikgeschichte, finden zu großartiger Wirksamkeit, haben Lyrik, Majestät und Transparenz, durchschlagende Kraft und geradezu soghafte, spirituelle Emotionalität. Die anspruchsvollen Gesangspartien wurden mitreißend interpretiert. Eindrucksvoll war die stimmliche Gestaltung des Regenten durch Thomas Mohr, aus dem Terzett der Gefangenen ragt Stephan Rügamer als Künstler hervor. Sebastian Pilgrim bildet als Wärter/Greis stimmlich wie szenisch den eigentlichen Widerpart zum Regenten.

Inhaltlich ist die Oper stark von der Anthroposophie geprägt. Librettist ist der Steiner-Nachfolger Albert Steffen. Erlösungs- und Erweckungsmotive, metaphorische Entwicklungen, mystische Welt- und Gotterfahrung durchziehen das Stück. Dabei ist der Grundstrang der Handlung relativ klar und neunzig Jahre nach der Komposition erschreckend aktuell. Es geht um die Frage von Korrumpierbarkeit und Verantwortung, von Widerständigkeit gegen diktatorische Allmachtsfantasien: Der Regent hat sich das Volk hörig gemacht. Drei Männer widerstehen, werden inhaftiert und bekommen eine herausfordernde Aufgabe. Der Techniker soll die Schwerkraft überwinden und im All den Wettlauf mit der Sonne gewinnen. Der Priester soll aus Steinen Brot machen und so die Not endgültig überwinden. Und der Künstler soll den Regenten ob seiner großen Taten preisen.

Außergewöhnlich-packende Musik

Während sich Priester und Techniker den Aufgaben stellen, verweigert sich der Künstler. Im Kerker erfährt er seine Erweckung, überwindet das Irdische und bekommt damit den ultimativen Durchblick. Den nutzt er, um den Regenten endgültig als „Antichrist“ zu entlarven. Freilich: Dem Techniker ist der spektakuläre Raumflug gelungen, doch hat er dort einen neuen Blick auf die Welt als Schöpfung und Erlösungswerk Gottes gewonnen. Das zu bekennen, ist sein Todesurteil. Auch dem Priester ist die Synthese ausreichender Nahrung geglückt, doch sie macht Menschen zu Tieren. Seine Verwandlung ist dem Volk Warnung. Von diesen Ereignissen in die Enge getrieben und vom erleuchteten Dichter entlarvt stürzt der „Antichrist“, die Welt ist befreit und hat eine Erlösungsperspektive.

Der Grundaussage, dass Widerstand gegen ungerechte Verhältnisse möglich, ja notwendig ist, dass Natur keine Verfügungsmasse ist und die Hybris des Menschen seine Existenz gefährdet, ist gut nachvollziehbar. Die metaphorische Welt des Opernlibrettos dagegen ist schwer zu verstehen. Vielleicht ist schon der Versuch ein Irrweg. Man kann sich auf seine Assoziationen verlassen. So ist es möglich, in den manchmal kryptisch anmutenden, kunstvoll überhöhten Texten Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen zu finden. Die Inszenierung von Balázs Kovalik spielt die Geschichte zeitlos in einem variablen, stark assoziativen Raum.

Großartig ist der schwebende Plafond, die übereinander getürmten Ebenen und Räume, die sich verschieben, verdrehen, Unten und Oben, Nähe und Distanz vertauschen. Die Inszenierung verweigert sich der platten Aktualisierung, konzentriert sich auf die Beziehungen der Protagonisten, sucht szenische Übersetzungen innerer Vorgänge, die sich dem Zuschauer nicht immer erschließen.

So ist „Der Sturz des Antichrist“ eine besondere, herausfordernde Produktion. Die Geschichte hat aktuelle Bezüge, die weniger verstanden als mithilfe außergewöhnlicher Musik emotional erlebbar werden.

Wieder: 1. und 17. 10.; Kartentel. 0341 1261261

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