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Pan Tau verzaubert seit 50 Jahren

Die wahren Ursprünge der Serie reichen viel weiter zurück. Im Prager Frühling verschwanden einige Folgen und tauchten erst zur Wende wieder auf.

Nach „Pan Tau“ gelang es nie mehr, so viele profilierte tschechoslowakische Schauspieler zusammenzubringen. voran Otto Šimánek.
Nach „Pan Tau“ gelang es nie mehr, so viele profilierte tschechoslowakische Schauspieler zusammenzubringen. voran Otto Šimánek. © Georg Wendt/dpa

Von Hans-Jörg Schmidt

Tschechische Filmemacher haben eine besondere Begabung für alles, was Kinder lieben. Auf den öffentlich-rechtlichen TV-Kanälen Deutschlands vergeht kein Wochenende ohne mehrere Produktionen aus unserem Nachbarland. Eine schöner als die andere. Der von den Tschechen selbst als „Bester Märchenfilm aller Zeiten“ auserwählte Streifen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ läuft um die Festtage in diesem Jahr sage und schreibe 18 Mal in Deutschland – und an Heiligabend, natürlich auch in Tschechien.

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In eine Reihe mit „Aschenbrödel“ gehört unbedingt auch „Pan Tau“: An diesem Wochenende ist es 50 Jahre her, dass die erste Geschichte des stillen Gentleman mit Zauberkraft, einer Melone, einem Regenschirm, einer weißen Rose im Knopfloch und einem großen Herzen für Kinder erstmals in der ARD zu sehen war. Als Koproduktion von WDR, den Filmstudios in Prag-Barrandov und dem Tschechoslowakischen Fernsehen ČST. Im DDR-Fernsehen lief die Serie ab 1973.

Die Serie ist sogar noch etwas älter, nahm schon 1966 ihren Anfang, als – in Zeiten des ideologischen Aufbruchs in der damaligen Tschechoslowakei – noch im Wiener Prater gedreht werden durfte. Die Serie war einer der erfolgreichsten tschechoslowakischen Exportgüter der 1970er-Jahre und hat in Deutschland wie auch in Österreich einen ähnlichen Kultstatus wie in Tschechien heute.

Einmalige Besetzung

Herr Tau, der Titelheld, war etwas altmodisch angezogen. Er konnte aber vor allem zaubern, mit einer klopfenden Geste an seinem Zylinder. Stets war er in seinen Geschichten, in denen er anfangs stumm agierte, nur für die Kinder zu sehen, nicht für die Erwachsenen. Sobald er so etwas wie Ungerechtigkeit wahrnahm, wurde er aktiv und veränderte die Welt sofort zum Besseren. In erster Linie verkörperte er perfekt die Sehnsüchte und Träume der Kinder, die ständig mit den strengen Regeln der Eltern kollidierten. Und die Eltern ihrerseits wurden durch ihn an ihre eigenen Kindheitsträume erinnert. Am Ende hatten die Großen mehr Verständnis für die Kleinen. Dieses ebenso einfache wie liebenswerte Konzept überzeugte auch diverse Jurys: „Pan Tau“ wurde unter anderem mit einem Bambi geehrt.

Zwischen 1969 und 1978 entstanden insgesamt 33 Episoden. Zehn Jahre nach dem Ende der Serie folgte der Kinofilm „Pan Tau – Der Film“. 1992 verstarb der Schauspieler des Titelhelden, Otto Šimánek, in Prag. Dass sich der WDR als Koproduzent anbot, hatte weitreichende Folgen: Es verschaffte den Autoren Ota Hofman und Jindřich Polák in schweren politischen Zeiten in der damaligen Tschechoslowakei beständig Arbeit.

Es war die Zeit, als in deren Heimat die Neostalinisten nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings 1968 ein „geistiges Biafra“ erzeugten, vielen Künstlern mit Berufsverboten drohten und so versuchten, sie „zurück auf sozialistische Linie“ zu bringen. Zahlreiche Regisseure der „Neuen Welle“ in der liberalen tschechoslowakischen Kinolandschaft vor dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings, aber auch zahlreiche Schauspieler, suchten damals ihr Heil in der Flucht in das Märchengenre.

Bei Hofman und Polák war das ein bisschen anders: sie hatten schon früher Filmmärchen geschaffen. Doch die Besetzungsliste der drei Serien von „Pan Tau“ liest sich wie die Speisekarte eines 5-Sterne-Restaurants. Nie wieder davor und danach hat eine solche Menge an höchst profilierten tschechoslowakischen Schauspielern an einem Projekt gemeinsam gearbeitet. Und das für Kinder.

Das Prager Fernsehen seinerseits war in jener Zeit besonders heiß auf Märchen. Viele Projekte, die noch in der „freien“ Umgebung des Prager Frühlings gestartet worden waren, hatten nicht mehr zu Ende geführt werden können. Sie passten ganz und gar nicht mehr in die neue neostalinistische Kulturlandschaft. Außerdem hatte das Fernsehen zahlreiche Projekte stoppen müssen, weil dort mittlerweile „verbotene“ Schauspieler agiert hatten.

Heute fehlt die tschechische Lust

Das Problem ergab sich später jedoch auch bei „Pan Tau“. Dort spielte unter anderen der Schauspieler und langjährige Freund von Václav Havel, Pavel Landovský, der mit eben diesem Havel zu den Erstunterzeichnern der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 gehörte. Danach verschwanden die Folgen mit ihm in der Tschechoslowakei automatisch bis zur „Wende“ 1989 im Tresor. Landovský ging in der Folge des staatlichen Mobbings ohne deutsche Sprachkenntnisse nach Österreich und wurde deshalb am überaus renommierten Wiener Burgtheater anfangs mit „stummen“ Rollen in einer Ecke der Theaterbühne besetzt. In Rollen, die in den Stücken gar nicht vorgesehen waren. Aber diese Rollen sicherten ihm sein Überleben.

Seit einiger Zeit gibt es eine Neuauflage von „Pan Tau“ in der ARD, mit dem englischen Stand-up-Comedian und Zauberer Matt Edwards in der Titelrolle. Die Neuverfilmung einer 14-teiligen Serie, so heißt es, die mit deutschen und britischen Schauspielern in Deutschland gedreht wurde, wirke durch viel Liebe zum Detail. Doch den Sehern dieses Remakes ist der Genuss schnell vergangen, glaubt man Zuschauerbriefen im Internet. Das Original sei das Original, heißt es. Es fehle ganz entschieden an der speziellen tschechischen Lust des Märchenerzählens. Das würde die einstigen Autoren sicher freuen und dem früheren Hauptdarsteller Otto Šimánek vermutlich ein demütiges Lächeln aufs Gesicht unter der Melone zaubern.

Die ersten vier Folgen der Original-Serie zeigt Das Erste am Sonntag von 5:30 bis 7:35 Uhr.

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