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Fix und fertig zum Wohnen

Niesky baute die Architektur der Moderne: Unterwegs auf einem leicht irritierenden Holzhauspfad.

Die Musterhaussiedlungen von Niesky stehen unter Denkmalschutz.
Die Musterhaussiedlungen von Niesky stehen unter Denkmalschutz. ©  Ronald Bonss

Straßenzüge voll Spitzgiebel, und alles aus Holz. Fast hundert Bauten machen die Kleinstadt Niesky zum Großzentrum der modernen Architektur. So etwas muss man in Deutschland lange suchen.

Suchen muss man auch ein Leitsystem zu den Bauten. Der Wegweiser vorm Heimatmuseum zeigt in alle Richtungen. Hilfreicher ist eine Broschüre für vier Euro. An markanten Punkten stehen Tafeln. Man muss sie bloß finden. Dann lernt man Schritt für Schritt ein faszinierendes Stück Heimat-, Architektur- und Wirtschaftsgeschichte kennen. Wer langsamer geht und alles liest, braucht etwa vier Stunden. Da ist der Besuch im Forschungsforum nicht mitgerechnet. Es sitzt im Konrad-Wachsmann-Haus an der Goethestraße. Und wo, wenn nicht dort, sollte der Rundgang beginnen: Wir basteln uns einen Holzweg.

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Hier wird die Zukunft entwickelt
Hier wird die Zukunft entwickelt

Spitzenforschung und Lehre auf hohem Niveau gibt es auch außerhalb von Großstädten und Ballungszentrum: nämlich an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Um den Überblick zu behalten, bringt der Wegweiser am Zinzendorfplatz leider nicht viel: Der zeigt in alle Himmelsrichtungen.
Um den Überblick zu behalten, bringt der Wegweiser am Zinzendorfplatz leider nicht viel: Der zeigt in alle Himmelsrichtungen. © Ronald Bonß

Konrad Wachsmann ist vor allem als Architekt von Albert Einstein in Caputh bekannt. Ein Pionier des modernen Bauens. Das hat er hier in den 1920er-Jahren gelernt: „Alles, was dann kam und in Berlin, New York, Tokio, Chicago, London, Paris, Rom, Zürich oder Warschau geschah, das alles begann in Niesky, einem Dorf der Herrnhuter Brüdergemeine.“ Wenn das keine illustre Reihe ist! Den Karriereweg hatte der Dresdner Stadtbaurat Hans Poelzig gebahnt, zuständig unter anderem für den Mosaikbrunnen im Großen Garten und die Talsperre Klingenberg. Er saß im Aufsichtsrat der Nieskyer Holzhausfabrik Christoph & Unmack und empfahl seinen jungen Kollegen weiter. Wachsmann lernte in den Werkhallen die Anfänge des industriellen Bauens kennen. Denn das ist das Besondere an den Holzhäusern: Sie wurden fabrikmäßig produziert. Der Aufbau der Fertigteile dauerte wenige Tage. Auch die variierbare Größe und der Preis sprachen für das neue Wohnen. Die Wärmedämmung funktionierte sogar besser als bei Ziegelwänden. Marketingleute würden es heute nachhaltig und ökologisch nennen.

Wachsmann, zuletzt Chefarchitekt des Unternehmens, baute 1927 für einen seiner Vorgesetzten das Wohnhaus an der Goethestraße: schwarzbraun lasiertes Holz, hell gestrichene Fensteröffnungen und ein Walmdach mit roten Biberschwanzziegeln. Im Garten frösteln die letzten Rosen. Überraschend kräftige Farben bestimmen die Innenräume. Das rundum sanierte Haus wurde vor sechs Jahren wiedereröffnet. Hier wird der moderne Holzbau erforscht und erklärt.

Die Dauerausstellung geht nahtlos ins wirkliche Leben über, in eine Siedlung mit Beamtenwohnhäusern. Nussknacker in den Fenstern und falscher Schnee auf der Fichte. Übrigens: eine auffällige Dichterdichte bei Straßennamen. Von Goethe geht es zu Lessing. Auch Gärtner und Kutscher der Firma Christoph & Unmack wohnten stilecht in Holz. Wer heute einen Sinn dafür hat, baut Garage und Vogelhaus passend dazu: Blockbohlenausfachung. Das freut die Spatzen.

Große Auswahl an Fertigkirchen

Die katholische St. Josef-Kirche wurde 1935 errichtet.
Die katholische St. Josef-Kirche wurde 1935 errichtet. © Ronald Bonß

Die Lessingstraße mündet in die Bautzener, und nach dem Zinzendorfplatz zweigt bald die Konrad-Wachsmann-Straße nach rechts ab. Dem heiligen Josef ist die kleine katholische Kirche von 1935 gewidmet. Glockenturm über dem Eingang. Beinahe-gotische Fenster. Für Fertigteilkirchen gab es bei Christoph & Unmack einen Extrakatalog. Damit wurde Holz als würdiges Material geadelt. Es taugte für Schulen, Sanatorien, Sporthallen, Türme und Institute. Zu den Prestigebauten zählten die Deutsche Botschaft in Ankara und ein Hotel auf der Zugspitze. In kurzer Zeit entwickelte sich die Firma zum größten und innovativsten Hersteller industriell gefertigter Holzbauten in Europa. Wer nicht nach Katalog kaufen wollte, kam nach Niesky, Originale gucken. In den Musterhäusern wohnten Mitarbeiter von Christoph & Unmack. Mehr Identifikation geht nicht. Man ahnt, welche Auskunft sie interessierten Käufern gaben.

Und das ist alles noch da! Einfamilien- und Doppelhäuser mit Erdgeschoss und Obergeschoss und Weihnachtslichterketten im Blumenkasten. Manchmal wurde ein Haustyp auf unterschiedliche Art konstruiert: als Tafelbau, Gerippebau oder Blockbau. Neben Poelzig und Wachsmann spielten Architekturgrößen wie Henry van de Velde oder Albin Camillo Müller mit. Eine Katze streicht durch den Vorgarten. Winterjasmin blüht am Zaun. Also hinein in die Blockhausstraße, die dritte Querstraße nach der Kirche, und dann weiter zur Christophstraße schräg gegenüber. Es sieht aus, als würden die Häuser wetteifern um einen Schönheitspreis. Verdient hat ihn jedes. Selbst wenn Sprossenfenster durch Plastik ersetzt wurden, blieb die Substanz fast unverändert. Reizend die verschiebbaren Fensterläden. Die Sonnenseite braucht alle vier bis fünf Jahre eine frische Lasur.

Für die Christophstraße stehen gleich zwei Namensgeber parat. Der eine war ein junger Kupferschmied, der mit tausend gepumpten Talern 1835 eine Werkstatt in Niesky kaufte und ausbaute zur Maschinenfabrik mit 550 Mitarbeitern. Der andere war sein Cousin Christian Ferdinand Christoph, Tischlermeister in Kopenhagen und Kompagnon des Architekten Christian Rudolf Unmack. Sie stellten Baracken her. Nach Niesky kamen sie mit einem Großauftrag des preußischen Militärs. Nach der Fusion mit der Maschinenfabrik kümmerten sich rund 4.000 Leute um Motoren-, Holz-, Waggon- und Stahlbau. Dort wurden die berühmten „Hecht“-Wagen konstruiert, die auch durch Dresden führen.

© Ronald Bonß
Das Doppelhaus an der Bahnhofstraße wurde so behutsam restauriert wie fast alle Holzbauten.
Das Doppelhaus an der Bahnhofstraße wurde so behutsam restauriert wie fast alle Holzbauten. © Ronald Bonß
© Ronald Bonß

Holzhäuser spielten Ende der 1930er-Jahre kaum noch eine Rolle. Das sieht man ihnen an. Von der Christophstraße führen mehrere Wege zur Schenkendorfstraße im Ortsteil Neusärichen. Die Stammbelegschaft baute in Eigenleistung einstöckige, schmucklose Häusel. Holz wurde für anderes gebraucht. Damit beginnt das finsterste Kapitel der Firmengeschichte. Christoph & Unmack lieferte Baracken für Konzentrationslager und beschäftigte Hunderte Zwangsarbeiter. Nach Kriegsende wurden Holzhäuser als Reparationsleistungen für die Sowjetunion produziert, und 1949 war Schluss.

Die steilen Spitzgiebel bezeugen noch die einstige marktbeherrschende Stellung von Niesky. Eine wissenschaftliche Untersuchung kam zu dem Schluss, dass 99 Prozent des Bestandes bestens erhalten ist. Das kann man auf dem Rückweg bewundern, etwa das feine Doppelhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Gerhart-Hauptmann-Straße. Beim Umbau des einstigen Kindergartens wurde viel investiert, Geld, Liebe und handwerkliches Geschick.

Von dort über die Muskauer Straße hinweg geht es zum letzten Höhepunkt, zur Musterhaussiedlung in der Raschkestraße, angelegt in der Nähe des Werksgeländes. Allein das Modell „Wendefurth“ wurde mit leichten Abwandlungen mindestens 15-mal an unterschiedlichen Orten errichtet. Das Gebäude mit hohem Sockel, Satteldach und Balkon ahmt den beliebten Schweizerstil nach. Vielleicht hängt der Herrnhuter Stern dort nicht mehr, wenn das Wachsmann-Haus wieder öffnet und Wandern auf ferneren Pfaden möglich ist. Die Welt der Bretter und Bohlen lohnt den Besuch immer.

Die Serie Pfad-Finder

Sachsen ist ein Wanderland. Unzählige Pfade wie der Pumphut-Steig, der Karl-May-Pfad und der Erlebnispfad Guttauer Teiche laden zu Erkundungen bei jedem Wetter ein. Redakteure von Sächsische.de stellen einige vor.

Achtung: Bis der Lockdown überstanden ist, pausiert diese Pfad– Finder-Serie. Dann ist auch wieder die Broschüre „Der Holzhauspfad“ in der Touristeninfo Niesky erhältlich.

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