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Phil Collins wird 70 und startet durch

Pop-Star Phil Collins hat Ehekrach, Suff, Krankheiten überstanden und plant jetzt zusammen mit den alten Genesis-Kollegen eine Tour für den Herbst.

Phil Collins, hier 2018 bei einem Konzert in Mexiko, wird am Sonnabend 70 und will im Herbst mit Genesis auf Tour gehen.
Phil Collins, hier 2018 bei einem Konzert in Mexiko, wird am Sonnabend 70 und will im Herbst mit Genesis auf Tour gehen. © AP

Der sehr schleichend vollzogene Übergang von 2020 ins Jahr 2021 drückte weltweit vielen Menschen auf die Psyche. Phil Collins hingegen dürfte immer mal wieder tief durchgeatmet und triumphierend die Faust geballt haben. Denn der Schlagzeuger, der als Frontmann der Progrock-Legende Genesis wie als Solist Weltruhm einfuhr, konnte seine drängendsten Probleme endlich abhaken. Zudem schafft er am Sonnabend, was vor ein paar Jahren unvorstellbar schien: Collins wird 70.

Der bereits mehrmals abgeschriebene, bei Suff-Eskapaden beinahe auf der Strecke gebliebene, von etlichen Krankheiten geplagte Musiker schleppt sich mitnichten mühsam über diese Altershürde, er scheint vielmehr gut in Form und vor allem voller Elan zu sein. Zwar sagten Genesis kürzlich erst ihre für April angesetzten Auftritte ab, merkten jedoch an: „Wir sind bereit, aber die Welt ist es nicht ... noch nicht!“

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Genesis 2007 beim Konzert ihrer bislang letzten Tour im Berlin Olympiastadion.
Genesis 2007 beim Konzert ihrer bislang letzten Tour im Berlin Olympiastadion. © Wikipedia

Unter Corona-Bedingungen seien die Shows nicht vernünftig zu planen, Halbgares wiederum kommt bei Genesis traditionell nicht auf die Bühne. Daher wird nun der Herbst angepeilt; die „The Last Domino?“-Tour soll am 15. September in Dublin starten. Die Zeit bis dahin wolle man nutzen, um zu entspannen, sich aber zugleich auf die Musik zu konzentrieren. Möglicherweise ist die Truppe so noch etwas besser eingespielt und die von Genesis in Aussicht gestellte „großartige Nacht“ bei jedem Konzerttermin wahrscheinlicher.

Steilvorlagen für üble Schlagzeilen

Dieses klare Signal der Band geht ebenfalls als Zeichen von Phil Collins durch, die britische Boulevardpresse nun weniger zuverlässig mit Steilvorlagen für üble Schlagzeilen beliefern zu wollen. Zuletzt war es schließlich medial nie mehr um seine Musik, sondern nur noch um schmutzige Details aus dem finalen Trennungskrieg zwischen ihm und seiner Ex-Frau Orianne Cevey, mit der zusammen er die Söhne Matthew und Nicholas hat, gegangen.

Zwischenzeitlich in der Schweiz zu Hause: Phil Collins am Ufer des Genfer Sees.
Zwischenzeitlich in der Schweiz zu Hause: Phil Collins am Ufer des Genfer Sees. © Warner Music/Neal Haynes

Das Drama ist nun ausgestanden. Nicht nur, dass Cevey aus dem heiß umkämpften einstigen Familiendomizil in Miami ausgezogen ist. Umgehend ließ Collins das Anwesen für schlappe 40 Millionen Dollar verkaufen. Kein Stress mehr mit der Ex, keine Sorgen mehr ums Haus. Und Sohn Nicholas ist dem Papa trotz allem eine Stütze. Er wird, das steht bereits fest, Genesis auf der anstehenden Tour als Drummer dienen.Diesen Job kann Phil Collins schon länger nicht mehr ausfüllen, hatte ihn aber sowieso nur während einer Kurzphase seiner Genesis-Mitarbeit an der Backe.

Per Anzeige zur Band

Philip David Charles Collins, geboren am 30. Januar 1951 in Chiswick/Middlesex, der als Fünfjähriger mit Übungen auf einem Kinder-Schlagzeug angefangen hatte, las im richtigen Moment die richtige Zeitung. 1970 suchten Genesis per Anzeige einen Drummer, der Gefühl für akustische Musik und einen Zwölf-Saiten-Gitarristen haben sollte. Collins trat zum Vorspielen an und überzeugte; ab August 1970 war er offizielles Mitglied der Band.

Ziemlich genau fünf Jahre später warf Genesis-Sänger Peter Gabriel hin und eröffnete dank der hinterlassenen Lücke dem Schlagzeuger ganz neue Möglichkeiten. Sein Vorschlag, einfach als Instrumentalband weiterzumachen, wurde von den Kollegen als viel zu langweilig verworfen. Doch er hatte ja noch eine Idee: Collins, immer gut darin, sich neu zu erfinden, stieg mangels akzeptabler Ersatzkandidaten einfach selbst zum Frontmann auf.

Genesis in den frühen Siebzigern mit Frontmann Peter Gabriel (vorn), hinter ihm Phil Collins.
Genesis in den frühen Siebzigern mit Frontmann Peter Gabriel (vorn), hinter ihm Phil Collins. © PR

In der Folge bog die Band krass von der bisherigen Stil-Linie ab, verlor dabei zwar eine ganze Menge alter Fans, gewann dafür jedoch weitaus mehr neue hinzu. Unter dem Einfluss von Collins wuchs das zuvor mit vertrackten Songstrukturen und verkopften Texten hantierende Unternehmen zu einem Pop-Massen-Phänomen. Der logische Schritt für den Aushängeschild-Musiker dieser Band: ein Solo-Album.

Bereits der erste Versuch, 1981 unter dem Titel „Face Value“ veröffentlicht, zündete. Der darauf enthaltene Mega-Hit „In the Air Tonight“ bescherte Collins Rekorde und könnte jetzt als Inspiration dienen. Damals schrieb er den Song, um seine vergleichsweise harmlose Scheidung von Andrea Bertorelli zu verarbeiten. Nach dem gerade überstandenen Krach müsste demnächst eigentlich eine Nummer für die Ewigkeit rauskommen.

Polarisierende Persönlichkeit

So überaus erfolgreich Phil Collins als Genesis-Mitglied wie als Solo-Künstler auch war und ist, so sehr polarisierte er stets. Kritiker und Kollegen maulten, er sei überpräsent, seine Musik anbiedernd, manchen ging er einfach mit seiner Art auf den Geist. Andere wiederum priesen seine Arbeitsmoral, seine Kumpelhaftigkeit, seinen Sinn für Humor und die im Pop nicht sehr verbreitete Fähigkeit, sich selbst nicht übertrieben ernst zu nehmen.

Phil Collins 1983 zusammen mit Robert Plant auf einer Party. Andere Kollegen hatten hingegen immer wieder Probleme mit ihm.
Phil Collins 1983 zusammen mit Robert Plant auf einer Party. Andere Kollegen hatten hingegen immer wieder Probleme mit ihm. © Ron Galella Collection

Die Fähigkeiten des Linkshänders am Schlagzeug dagegen standen nie zur Diskussion. Egal, ob Foo-Fighters-Drummer Taylor Hawkins, ein Frickelspezialist wie Marco Minnemann oder Brann Dailor von der Metal-Band Mastodon – sie alle feiern Collins als Inspirationsquelle. Das renommierte Berklee College of Music verlieh Collins 1991 gar einen Ehrendoktortitel. Das tat 2012 auch die private McMurry University. Allerdings ehrte sie den Hobby-Historiker Collins, der ein ausgewiesener Experte für den Texanischen Unabhängigkeitskrieg ist.

Der Mann ist halt immer für eine Überraschung gut. Und vielleicht rafft er sich gar auf und spielt auf der kommenden Genesis-Tour zumindest bei „In the Air Tonight“ wieder selbst die markanten Beats. Völlig ausgeschlossen hat er es trotz aller Ohr- und Rückenprobleme nicht.

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