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Philosoph Sloterdijk hält die heiligen Bücher für Dichtung

"Der Himmel ist doch nur erfunden", sagt er und möchte gern damit eine Debatte auslösen.

Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947, löst mit seinen Beiträgen und Büchern in Deutschland gern Debatten aus.
Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947, löst mit seinen Beiträgen und Büchern in Deutschland gern Debatten aus. © Henning Kaiser/dpa

Von Uwe Salzbrenner

Die heiligen Bücher, Bibel und Koran, sagen Religionskritiker, sind allesamt erfunden. Schon das älteste Erzählen von Totems, Ahnen und Göttern beruht auf Dichtung — auch wo sie ohne Versmaß und Reime vorgetragen wird. In ihr wird berichtet, wie man sich mit überlegenen Wesen verbündet. Eigene Götter zu haben, stiftet Gemeinschaft. Was übers Menschenmögliche hinausreicht, wird in den Himmel projiziert. Friedrich Schleiermacher fasst das Prinzip 1799 zusammen: „Nicht der hat Religion, der an die heiligen Schriften glaubt, sondern, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.“ Die anerkannten, zumeist monotheistischen Religionen dagegen meinen, keinesfalls Werke der Einbildungskraft zu sein. Ihre Glaubenssätze binden sie an ihre Praxis. Die gläubige Person wird völlig einbezogen – wie der Philosoph Peter Sloterdijk mit typischem Gespür für Ambivalenzen schreibt, „in festgelegte Regeln und Freiheiten“.

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Auf welcher Seite des Streits um die religiösen Texte er steht, sagt schon der Titel seines neuesten Buches „Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie“: Der Mensch macht sich die Mühe. Sloterdijk findet beim Hin und Her durch die europäisch-nahöstliche Überlieferung, in der Götter vorkommen, überall Erfindungen, Ausgedachtes, Übertreibungen.

Bei der Erbsünde wird er unwirsch

Er findet Stile des Unheimlichen und Belege dafür, dass die Gläubigen ihren Gott domestiziert haben. Manchmal springt er allzu rasch dreitausend Jahre vor und zurück. Seine Schlussfolgerungen hält er in Merksätzen fest, die gleichfalls theopoetisch klingen. „Gott wird für die Lösung des Knotens im Drama gebraucht, also gibt es ihn“, sagt er über das antike griechische Theater. Am unglaubwürdigsten in der Religionsgeschichte für Sloterdijk: die Erbsünde des Christentums. Die Sünde sei angeblich, dass der Mensch von Gott getrennt existiert. So kommt in der Vorstellung des Kirchenlehrers Augustinus die Geburt dem Tode gleich und kann nur durch die Taufe repariert werden. Ebenso zweifelhaft sind die Offenbarungen. Sie werden mit dem Hinweis verteidigt, die Zeugen – Moses, Mohammed – hätten auf anderem Wege keine Kenntnis von Gottes Wort haben können, denn sie konnten nicht lesen. Aber hat man die Mythen nicht allerorten nacherzählt? Sloterdijk findet Quellen der heiligen Bücher noch in Überlieferungen aus Ägypten, Indien und Iran.

Viel hält der Philosoph jedoch vom Glauben. Er bedeute, „in einer mitleidlosen, unbrüderlichen, dem Ruin geweihten Welt trotz allem eine Chance spüren zu dürfen“. Als Befürworter des Trainings auf Höchstleistungen hin fasziniert es Sloterdijk, wie der Glaube mit Resignation umgeht und der Bereitschaft zum Unmöglichen. Wie das Plausible mit dem Absurden zusammentrifft, wenn Menschen sich für ein Wunder empfänglich machen, macht ihn hellhörig. Es ist auf einmal unmöglich, unbedeutend zu sein. Das äußert sich im Schwung der zugehörigen Dichtung.

Vormals nötig, heute sozial nutzlos

Sloterdijk weist auf Konsequenzen der Bündniskunst hin: Man steht unter Beobachtung. Die Gemeinschaft, in der man lebt, will den Konsens und stets Recht behalten. Der Gesehene benimmt sich freilich besser als der Unsichtbare. „Ein Gutteil dessen, was im nachreformatorischen Europa Kultur heißen wird“, schließt Sloterdijk nach der Durchsicht von Boccaccios Novellen, „ist als Systemwerdung der Heuchelei zu verstehen.“ Man kann ihn mit Gewinn als Kritiker der Gegenwart lesen.Heute, so schreibt der 73-Jährige, ist Religion Restbereich. Zuständig dafür, „dem Dasein eine Bedeutung, eine Wirkung, eine Strebung“ anzusinnen. Offen für Überraschungen, wie Philosophie oder Kunst. Von anderen Funktionen sei sie frei, härter gesagt: sozial nutzlos. Alles vormals Nötige – vom Armeesegen, Eheschließung bis zu Krankenpflege und Armenbetreuung – können weltliche Agenturen, und manchmal besser. Der Verlag hat auf den Schutzumschlag gedruckt, was höflicher kaum zu sagen ist: „Was von den historischen Religionen bleibt, sind Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen.“

Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie, Suhrkamp Verlag, 344 S., 26 Euro

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