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Pirna: Wie die Musikschule jetzt fette Sounds kreiert

Ein neuer Kurs verbindet nun zwei Dinge: Musik per Tablet machen und im eigenen Studio produzieren - ein bislang ziemlich einmaliges Angebot.

Von Thomas Möckel
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Musiker Markus Kliesch (r.) zusammen mit Schülerin Aline Peschel und Pianist Rolf Schindler im digitalen Aufnahmestudio der Musikschule: Teil eines neuen, außergewöhnlichen Projekts.
Musiker Markus Kliesch (r.) zusammen mit Schülerin Aline Peschel und Pianist Rolf Schindler im digitalen Aufnahmestudio der Musikschule: Teil eines neuen, außergewöhnlichen Projekts. © Norbert Millauer

Markus Kliesch, Dreitagebart, das Haar zum Pferdeschwanz gebunden, er trägt Turnschuhe zum Sakko, drückt auf die Abspieltaste seines Klapprechners. Zu hören ist der Anfang eines Liedes, alles arrangiert auf einem iPad, künstlich entstanden ohne wirkliches Instrument.

Die Klangschnipsel hat er auf seinen Computer importiert, dort mit einem Programm verfeinert, weiterbearbeitet, bis die Harmonien passen. Und damit das Ganze nicht allzu synthetisch daherkommt, spielte er selbst noch eine Trompetenmelodie über den Grundrhythmus – und nahm gleich alles auf, an einem speziellen Ort, wo das jetzt möglich ist.

Dieser besondere Ort liegt im ersten Stock der Musikschule „Sächsische Schweiz“ im Park an der Gottleuba in Pirna hinter einer unscheinbaren Holztür. Dieses Reich besteht aus zwei Zimmern, die auf den ersten Blick recht nüchtern daherkommen, es aber durchaus in sich haben, vor allem technisch.

Ein neues Aufnahmestudio

Im ersten Raum lehnen mit blauem Stoff bespannte Elemente an der Wand, die den Schall schlucken, in einer Zimmerecke steht ein Klavier, etwas entfernt davon ein Mikrofon mit speziellem Rauschfilter. Im Raum dahinter befinden sich Lautsprecher, ein Rechner, ein Mischpult, von diesem Reglertisch kann man auch durch eine große Glasscheibe in den ersten Raum schauen.

Vereint ergeben Aufnahme- und Regieraum, wie die beiden Zimmer fachlich korrekt heißen, das neue Ton- und Aufnahmestudio in der Musikschule, dessen Grundstein schon früh gelegt wurde. Seit zehn Jahren, sagt Musikschul-Geschäftsführer Till Wanschura, habe die Musikschule nun ihren Sitz in der Pirnaer Villa im Gottleubapark. Von Anfang an sei das Studio baulich eingerichtet gewesen, nur die Technik fehlte noch, sie ist ziemlich teuer.

Auch ahnte damals beim Einzug noch niemand, wie sich die Technik entwickeln und welche Möglichkeiten sich damit entfalten würden. Und der Fortschritt ist inzwischen gewaltig. Mithilfe von Spenden des Musikschul-Freundeskreises und des Lionsclub ist nun die Studio-Grundausstattung installiert, nun kann hier aufgenommen und produziert werden.

Zudem bekamen die Musikschullehrer aufgrund der Corona-Pandemie Tablets, um die Schüler online zu unterrichten. Nun verknüpft die musische Bildungsstätte quasi die modernen, tragbaren Computer mit der Aufnahmetechnik, und so sind das Studio und der freiberufliche Musiker Markus Kliesch Teil eines neuen, außergewöhnlichen Projekts.

Ein einzigartiges Angebot

Mit Beginn des neuen Schuljahres startete die Musikschule mit dem neuen Unterrichtsfach „Beats#Music“, eine Mischung aus Musikproduktion und Musikmachen, geschaffen, um die Jugendkultur widerzuspiegeln, fette Sounds zu kreieren, mit mobilen Endgeräten zu musizieren, Zugang zur Welt aus Harmonien, Schall und Akustik zu bekommen. „Dieses Fach ‚Digitale Musikproduktion‘ gibt es bislang in dieser Form nirgendwo“, sagt Wanschura.

Entsprungen ist es dem Umstand, dass Jugendliche ihre Musik per Smartphone oder Tablet immer dabei haben, sie ist überall und jederzeit verfügbar. Und zu den meistgehörten deutschen Musikern gehören derzeit DJs wie Paul von Dyk, Robin Schulz oder „Purple Disco Machine“. Sie alle stehen nicht mit klassischen Instrumenten auf der Bühne, sondern mit jeder Menge technischem Equipment, die Sounds sind synthetisch, gleichwohl spielen sie live und werden von Fan-Massen hart abgefeiert.

Wie das so funktioniert, ist eine Sache, die der neue Kurs ergründen will. Der Gesamtzweck ist aber: Die Noten-Lehranstalt will die Schüler an eine neue Form des Musikmachens heranführen.

Vom Hammer-Bass zur Melodie

Das neue Unterrichtsfach richtet sich an technikinteressierte Kinder und Jugendliche, die gleichsam Bock aufs Musizieren haben. „Sie haben jetzt die Möglichkeit, die Musik, die sie selbst gern hören, hier selbst zu produzieren und aufzunehmen“, sagt Wanschura.

Aber dabei sollen ihnen eben jenes Handwerk, jene Tricks und Kniffe vermittelt werden, um die einzelnen Schritte zu verstehen und nachzuvollziehen. „Es gibt eine Menge junge Leute, die am Rechner Hammer-Bässe und Beats austüfteln“, sagt Wanschura. Um aber dann alles zu einem feinen Sound zu arrangieren, mangele es oft an den Grundlagen. Genau diese Mischung will ihnen die Musikschule beibringen. „Das ist doch super, wenn sich die kreativen Talente bei uns weiterentwickeln können“, sagt der Geschäftsführer.

Doch bei dem neuen Unterrichtsfach geht es um weit mehr, als nur dem musikalischen Spieltrieb und der Soundtüftelei zu frönen. Quasi nebenher gibt es auch noch etwas Lehrstoff.

Zwei Kursmodule, ein Ziel

Das neue Unterrichtsfach „Beats#Music“ setzt sich aus zwei Modulen zusammen, einem Grundkurs und einem offenen Kreativkurs. „Alles zusammen läuft unter dem Thema digitale Musikproduktion“, sagt Kliesch, der die Kurse leitet und betreut.

Zunächst geht es um Grundlagen, beispielsweise darum, wie sich Schall ausbreitet, wie Studiotechnik funktioniert, wie wichtig Akustik ist, wie sich Harmonien aufbauen, wann der Rhythmus stimmt. „Die Teilnehmer sollen einfach wissen, wie was funktioniert“, sagt Kliesch. Die Schüler lernen etwas übers Hören, wie man über Geräusche etwas Bestimmtes assoziiert. Gleichsam auf dem Programm steht aber auch, selbst Klänge aufzuzeichnen, eigene Tracks zu produzieren und zu lernen, eine spezielle Musizier-App zu bedienen.

Im Kreativkurs wird dann all das angewendet, die Teilnehmer erarbeiten Samples, Beats und Songs, im Studio wird Musik produziert, entweder mithilfe eines eigenen Instruments oder komplett digital. Jedes dieser Module erstreckt sich jeweils über ein halbes Jahr. Der erst Kurs läuft bereits, die ersten Teilnehmer sind am Start, weitere Interessenten werden gesucht.

Und so ganz uneigennützig ist das Angebot für die Musikschule nicht. Vielleicht, so hofft Wanschura, bleiben manche der Teilnehmer auch später bei der Sache und helfen, Musikschulkonzerte aufzunehmen oder Songs für die Musikschul-Touren im Kreis zu produzieren. Und hilfreich wäre es auch, wenn einige der Technik-Tüftler später Musikschulkonzerte als Veranstaltungstechniker begleiten, um den perfekten Sound abzumischen.

Weitere Infos finden sich im Internet unter www.musikschule-saechsische-schweiz.de.