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Rock ‘n‘ Roll in schrillen Bildern

Plattencover sind mehr als nur Verpackung für Musik. Zwei Vinyl-Sammler haben jetzt wahre Ikonen mit Raritäten vereint und feiern diese sterbende Kunstform.

Plattencover schützten halt nicht nur das Vinyl vor Kratzern, sie ergaben eine Kunstgattung für sich.
Plattencover schützten halt nicht nur das Vinyl vor Kratzern, sie ergaben eine Kunstgattung für sich. © PR

Bevor Musik vor allem häppchenweise aus dem Netz gesaugt oder gestreamt wurde, war sie nicht nur Klang, sondern auch Ding – auf Tonträgern gespeichert, die selbstverständlich solide verpackt werden mussten. Für die meisten Musikerinnen und Musiker wuchs sich diese Produzentenpflicht schnell zur Kür aus. Plattencover schützten halt nicht nur das Vinyl vor Kratzern, sie ergaben eine Kunstgattung für sich. Mal untermauerten die Fotografen, Zeichner und Designer, worum es grundsätzlich in den jeweiligen Songs ging, mal stellten sie das aber auch auf den Kopf oder verzichteten völlig auf irgendeine inhaltliche Verbindung.

„Die Fähigkeit eines Plattencovers, den Hörer zum richtigen Punkt zu führen, ist wie ein gut geschürtes Feuer“, schreiben Robbie Busch und Jonathan Kirby im Einführungstext ihres Buches „Rock Covers“, das sich auf über 500 Seiten ausschließlich mit Plattenhüllen befasst. Beide Autoren sind Amerikaner, passionierte Vinyl-Sammler und Musikexperten, die gemeinsam mit dem in Brasilien geborenen, in Japan lebenden Designer und Kunstredakteur Julius Wiedemann als Herausgeber exakt 750 Cover zusammentrugen, die sie für die schlicht großartigsten halten.

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Der Anspruch: Man wollte klassische Alben dabeihaben, also Entwürfe, die ikonografisch für das Genre stehen. Kein Wunder also, dass Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ gleich den Einband das Buches ziert. Zudem wollten sie „möglichst viele Raritäten und Absonderlichkeiten aufnehmen, die auch die pingeligsten Sammler“ befriedigen würden. „Einige davon sind privat gepresste, geheimnisumwobene Werke, einige stammen aus fernen Ländern und demonstrieren, dass Rock auch in anderen Sprachen stampfen, krachen und jaulen kann.“

Robbie Busch, Jonathan Kirby, Julius Wiedemann: Rock Covers. 40th Anniversary Edition; 512 S., 20 Euro, www.taschen.com
Robbie Busch, Jonathan Kirby, Julius Wiedemann: Rock Covers. 40th Anniversary Edition; 512 S., 20 Euro, www.taschen.com © PR/Taschen

Aber auch Bilder seien zu würdigen, die „nach unserer Einschätzung eigenständige Kunstwerke sind, visuell beeindruckend – egal, welche Musik sich dahinter verbirgt“. Letzter Punkt für die Auswahl der drei Buch-Macher: „Schließlich haben wir auch Cover genommen, die mit guten Hintergrundstorys zusammenhängen. Um diese Juwelen aus dem Rockschatz zu bergen, wandten wir uns direkt an die Fotografen, Illustratoren und Musiker. Oftmals entdeckten wir viel, viel mehr, als wir zu hoffen gewagt hatten.“ Die Ergebnisse gibt es jetzt in diesem Band, der – völlig unabhängig vom eigenen Musikgeschmack – den nötigen Stoff für einen wirklich vergnüglichen Trip durch die Rockgeschichte bietet.

Einleitende Texte, Interviews mit Menschen hinter Cover-Kunstwerken gibt es auf Deutsch, Englisch und Französisch; die teils skurrilen Plattencover-Anekdoten jedoch nur auf Englisch. Eine Top-Ten-Liste, für die zehn Sammler von Rockplatten, darunter Patti-Smith-Gitarrist Lenny Kaye, ihre Lieblingscover kürten, rundet das Buch ab.

Obwohl in den vergangenen Jahren der zunächst fast zusammengebrochene Vinyl-Markt stetig zulegte, machen sich weder die Autoren noch die Plattensammler Illusionen über die Zukunft der Cover-Kunst: Sie hat keine. Zumindest kaum auf lange Sicht. Symptomatisch dafür ist auch die Geschichte der legendären Grafikagentur Hipgnosis, die 1973 das bereits erwähnte Album „The Dark Side Of The Moon“ gestaltete und zig weitere Meilensteine schuf. Anfang der 80er-Jahre verlegte sich die Truppe mehr aufs Drehen von Musikvideos, verhob sich und ging 1985 pleite.

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