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Ein Thriller von und mit Moritz Bleibtreu

Mit dem Psychothriller „Cortex“ bringt Moritz Bleibtreu sein packendes Drehbuch- und Regie-Debüt ins Kino. Natürlich spielt er auch die Hauptrolle.

Wachmann Hagen (Moritz Bleibtreu) wird von bösen Visionen heimgesucht. Bald wird sein Leben selbst zu einer.Foto: PR
Wachmann Hagen (Moritz Bleibtreu) wird von bösen Visionen heimgesucht. Bald wird sein Leben selbst zu einer.Foto: PR © Warner Bros.

Von Andreas Körner

Wenn ein abgrundtief smarter Typ wie Moritz Bleibtreu verkündet, er mache in seinem Regiedebüt „auf dicke Hose“, dann steigt sofort die Lust, ihn genau in diesem Kleidungsstück zu sehen. Viele von Bleibtreus Gattung gibt es in Deutschland nicht, die so etwas tragen können. Und tragen wollen.

Dass es den Schauspieler auch zum Drehbuch schreiben und hinter die Kamera ziehen würde, sagt er seit zehn Jahren. Es geht ihm glaubhaft nicht ums Bessermachen im Vergleich zu anderen, dafür hat der 49-Jährige schon mit zu vielen Regisseuren gearbeitet, die ihr Handwerk bestens beherrschen.

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Ihm war es dabei nie wichtig, ob reine Zerstreuung auf die Leinwand kommen sollte oder das, was man unter dem Siegel Arthaus in anspruchsvolleren Schubladen zu finden weiß. Moritz Bleibtreu liebt das Genre-Hopping. Film ist für ihn Frei-Raum und Verführung.

Was ist mein wahres Ich?

Als lupenreiner, alle Sinne reizender Psychothriller trägt „Cortex“ jedenfalls ordentlich auf, reiht sich ein in die nicht unbeträchtliche Zahl Streifen, die man im Detail ihrer Handlungsstränge nicht unbedingt verstehen kann und muss, mit denen man trotzdem eine sehr ordentliche Zeit im Kino verbringen kann. Betonung auf Kino. Denn das, worauf Moritz Bleibtreu im Team Wert gelegt hat, braucht Sound, der den Körper krallt und visuelle Kraft durch Größe. Das heimatliche Wohnzimmer, nicht mal die Garage dürften dafür ausreichen, wenn „Cortex“ in Monaten auf DVD und Blu-ray erscheint. Botschaft klar?

Klar ist ansonsten nicht viel in diesem wenig taghellen Werk. Wie sollte es anders sein, wenn sein düsteres Thema um die wiederkehrenden Träume und Albträume eines Mannes kreist. Die des Nachts so stark sind, dass sie sich seiner auch am Tage bemächtigen, in Verwirrung stürzen, die Kontrolle verlieren lassen, am Privatesten nagen und ihn für Menschen, die seine Nächsten sind, in die Unkenntlichkeit treiben. Die Welt der Ärzte kennt einen Fachbegriff dafür: Hyposomnie. Hagen, Bleibtreu spielt ihn selbst, bringt das nichts.

Moritz Bleibtreu bei der Premiere seines Regiedebüts.
Moritz Bleibtreu bei der Premiere seines Regiedebüts. © dpa

Er ist ein eher unscheinbarer, ruhiger Mann, bei einem Wachdienst im Kaufhaus angestellt, Vater einer erwachsenen Tochter, verheiratet mit Karo (Nadja Uhl), wohnhaft im Flachbau als Eigenheim, der dafür taugt, anonym zu bleiben. Mehr von Hagen muss man nicht wissen. Es genügt ja auch. Immer wieder taucht dieser junge Mann in Hagens überfallartigen Träumen auf. Niko (Jannis Niewöhner) hat mit seinem Bruder Dan (Marc Hosemann) genug auf dem kriminellen Kerbholz, um Zielscheibe für eine Gang zu sein, die im vorzugsweise nächtlichen Hamburg nach einem Silberkoffer „mit Zeug“ sucht. Was gemeint ist? Sekundär. „Cortex“, kaum überraschend für Moritz Bleibtreu, bekommt hier ein Gangsterszenario als zweite Ebene.

Doch Niko hat auch eine Affäre mit Karo. Hagen mit seiner ausufernden Hyposomnie hat sie wohl dorthin getrieben. Jetzt aber, da er endlich ein Gesicht zu seinen verschwimmenden Visionen und Zuständen hat, geht bei ihm und Niko die Kette in Reaktion. Wer beeinflusst hier wessen Alltag? Was ist nur geträumt, was real? Ist die eigene Identität wirklich das eigene Ich? Und was wäre, morgen würde dieses Ich zum Du?

Zugriff aufs Hirn des Betrachters

Für gewöhnlich hinterlassen verschachtelte Thriller mit direktem Zugriff auf die Psyche des Betrachters mehr Fragen als Antworten beim punktgenauen Reflektieren der Handlung. Filme von Christopher Nolan wie „Memento“ waren für den Drehbuchschreiber und Regisseur in Moritz Bleibtreu wesentliche Inspiration. Die Plot-Schleifen aus „Inception“ bekommen in „Cortex“ sogar eine direkte Dialogzeile. Man kann mit ihnen Nacherzählerwettstreite gewinnen, ohne dabei den Kern zu treffen. Entscheidend ist immer, dass sie Räume öffnen, Seherfahrung erweitern, wach machen oder halten. „Cortex“ ist in diesem Atemzug ein selbstbewusster, konsequenter, ein letztlich ausgeschlafener Versuch.

Was auch an Moritz Bleibtreus Stab liegt. Nur zwei daraus seien genannt, die denselben Familiennamen tragen. Rauschende Bilder kommen vom Österreicher Thomas W. Kiennast, der Bleibtreus Vorstellung vom Geltungsbereich aller Genres teilt. Durch seine Kamera gingen die Alpensaga „Das finstere Tal“, das schwarzweiße Romy-Schneider-Porträt „3 Tage in Quiberon“, aber eben auch das Musical „Ich war noch niemals in New York“ sowie demnächst die zeitgenössische „Schachnovelle“ nach Stefan Zweig. Und wie der Sohn, so der Vater: Erwin Kiennasts Soundtrack ist schlichtweg exzellent. Er passt zur Hose.

Der Film läuft in Dresden in der Schauburg

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