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Wir müssen darüber reden, was wir sagen

Darf man noch „Zigeunerschnitzel“ bestellen? Wenn wir Rassismus in Deutschland bekämpfen wollen, muss sich auch unsere Sprache ändern.

Knorr hat seine Zigeunersauce bereits umbenannt.
Knorr hat seine Zigeunersauce bereits umbenannt. © dpa/SZ

Manchmal müssen eben Saucenhersteller Vorreiter sein. Mehrere Firmen haben ihre Zigeunersaucen umgetauft. Sie tragen jetzt Namen wie Paprikasauce oder Sauce nach ungarischer Art. In den Supermarktregalen tut sich was.

Doch die Umbenennungen sind weiterhin Anlass für Diskussionen. Am Wochenende wurde eine Sendung aus dem Westdeutschen Rundfunk heftig kritisiert. In der Unterhaltungsshow „Die letzte Instanz“ hatten Prominente unter anderem über eben jene Eliminierung der Zigeunersauce aus dem Supermarktregal diskutiert. Wobei man sagen muss: Es war weniger eine Diskussion und mehr ein Austauschen derselben Meinung, die lautete: Völliger Blödsinn alles, Zigeunerschnitzel und Mohrenkopf sollen bleiben, niemand fühle sich davon beleidigt, und wo kommen wir da noch hin, wenn wir nicht mehr reden können, wie wir wollen?

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Es folgte ein wütender Shitstorm. Eine Teilnehmerin und ein Teilnehmer entschuldigten sich, der WDR gestand Versäumnisse ein. Thema erledigt?

Tatsächlich liegt das Problem tiefer. Nicht nur in Bezug auf Rassismus, aber vor allem hier gibt es in unserer Gesellschaft ein grundlegendes Problem: Wir hören einander zu wenig zu.

Die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" erntete massive Kritik
Die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" erntete massive Kritik © Screenshot WDR

In die Fernsehshow, in der unter anderem Moderator Thomas Gottschalk zu Gast war, wurde aus unerklärlichen Gründen keine Person eingeladen, die andere Positionen eingebracht hätte. Alle Gäste waren einer Meinung. So kam es, dass kritische Kommentare des Moderators weggelacht wurden, man relativierte und verballhornte.

Im Grunde lief es also so ab wie im „echten“ Leben: Wenn am Kneipentresen, bei Familienfeiern oder in der Redaktionskonferenz darüber diskutiert wird, warum das Wort „Zigeuner“ genauso rassistisch ist wie „Fidschi“ oder „Indianer“. Selbst das absolut unsagbare „Neger“ als Schimpfwort für schwarze Menschen fällt immer wieder – wenn auch sächsisch verzerrt und damit angeblich ironisch. Diese Begriffe sind absolut verbreitet, nicht nur unter „Rechten“.

Mehr noch, ihre Verwendung scheint manchen so wertvoll zu sein wie ein Staatsschatz. Das zeigt sich an der aktuellen Debatte um die Radebeuler Mohrenstraße und das dortige Mohrenhaus. Eine Schülergruppe hat eine Initiative zur Umbenennung gestartet – doch der Widerstand ist enorm. Geradeso, als hätten die Schülerinnen und Schüler vorgeschlagen, in Radebeul den Elbhang zu sperren.

Das Mohrenhaus in Radebeul.
Das Mohrenhaus in Radebeul. © Arvid Müller

Interessenverbände können wieder und wieder betonen, wie abwertend Bezeichnungen wie „Indianer“ sind. Menschen, die Rassismus erleben, können noch so oft kundtun, dass sie sich von „Zigeuner“ oder „Mohr“ beleidigt fühlen. Historiker können wieder und wieder nachweisen, welch bittere Geschichte der Degradierung schwarzer Personen das „Blackfacing“ hat, also wenn weiße Personen ihr Gesicht dunkel schminken. Für viele erscheint es wichtiger, althergebrachte Traditionen zu bewahren, als die individuellen Gefühle derjenigen zu respektieren, die sich rassistisch beleidigt fühlen. Wie kann das sein – insbesondere im Osten der Republik, in dem sich viele der Menschen ja auskennen mit dem Gefühl, zu einer Minderheit zu gehören, die weniger Privilegien genießt als andere?

In der WDR-Show zeigte sich wie unter einem Brennglas, wie es meistens abläuft, auch außerhalb der Fernsehstudios: Die drei Männer und eine Frau betonten immer wieder, sie würden es ja nicht rassistisch meinen, wenn sie Zigeuner, Mohr oder was auch immer sagen – also sei es halt einfach nicht rassistisch. Ähnliche Argumente begegnen einem insbesondere im Osten häufig, was daran liegen mag, dass man hier mit dem Selbstverständnis aufgewachsen ist, alles Faschistische sei nach dem Krieg ausgemerzt worden. Rassismus durfte es in der DDR nicht geben, also gab es ihn nicht. Diese Haltung hat bis heute überlebt.

Nur bemisst sich der rassistische Gehalt einer Äußerung nicht daran, wie sie gemeint war. Man kann über die Gefühle nicht diskutieren. Dennoch passiert es immer wieder. Der Moderator in der Sendung „Die letzte Instanz“ versuchte – zugegeben etwas flachbrüstig –, kritische Anmerkungen aus der Sicht von Betroffenen einzuwerfen, brachte ein Statement des Verbandes Deutscher Sinti und Roma ein. Es wurde belächelt und verballhornt.

Bautz’ner hat Sauce noch nicht umbenannt

Realität wird durch Sprache geprägt. Wenn wir Rassismus in Deutschland bekämpfen wollen, müssen wir unsere Sprache überprüfen, Argumente hinterfragen und Denkmuster reflektieren. Vor allem aber müssen wir zuhören. Genau das fällt vielen schwer – doch wie so oft liegt das Problem hier nicht nur beim Empfänger, sondern auch beim Sender.

Viele, die für sensible Sprache plädieren, tragen ihre Argumente auf einem Niveau vor, das selbst interessierte und gebildete Bürgerinnen und Bürger kaum verstehen. Fachbegriffe schließen aus, Wut lässt die Gegenseite verhärten.

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So schwer es fällt, es braucht also noch mehr Vermittlung. Wenn die einen schlicht nicht verstehen, warum eine nett gemeinte Bezeichnung wie „Zigeuner“ auf einmal rassistisch sein soll, muss man es ihnen wieder und wieder deutlich machen, ruhig und verständlich.

Vielleicht hängt sich auch der sächsische Platzhirsch dann mal rein: Bautz’ner vertreibt seine Brutzelsauce noch immer mit dem Beinamen „Zigeuner“.

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