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Restaurierte Hits mit Startenor Peter Schreier

Erstmals auf CD: Ein Album von 1977 verdeutlicht, wie Klassikstar Peter Schreier die heitere Muse veredelt. „O sole mio“ gibt es gratis dazu.

Neues von 2019 verstorbenen Startenor Peter Schreier gibt es diese Woche mit einer CD.
Neues von 2019 verstorbenen Startenor Peter Schreier gibt es diese Woche mit einer CD. © dpa-Zentralbild

Diese Musik macht sofort gute Laune und zugleich tief traurig. 44 Jahre nach der Ersterscheinung der Schallplatte „Schöne, strahlende Welt“ von Peter Schreier kommen deren Originalaufnahmen diese Woche restauriert neu heraus. Sie verdeutlichen einmal mehr die Ausnahmeerscheinung des Dresdner Klassikstars (1935 – 2019). Sie dürften ihn für viele, die ihn vor allem als genialen Operntenor und unerreichten Bach-Interpreten in Erinnerung haben, in einem ganz anderen, neuen Licht zeigen. Denn auf der Scheibe sind allesamt Hits der Operette, Bearbeitungen bekannter Melodien und unterhaltsame Opern-Arien drauf.

Schreier, Stardirigent Herbert von Karajans liebster Tenor und weltweit auf den Opern- und Konzertpodien gefeiert, und die heitere Muse? Das Erstaunliche, der Sänger nahm sich dieser Weisen nicht – wie oft genug üblich – am Ende seiner Karriere mit vielleicht erlahmender Stimme an, sondern auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Es war auch eine Zeit des größten Selbstvertrauens – das er auch brauchte. „Viele unterschätzen diese Musik“, sagte er rückblickend als 80-Jähriger im SZ-Gespräch. Das Heiter-Beschwingte sei schwer zu interpretieren, viel schwerer als die vermeintlich hehre Oper. Diese Stimmungen genau zu treffen, die Linien zu halten und die mitunter schnell wechselnden Tempi auszusteuern, seien Herausforderungen. „Ich habe es geliebt, diese Meisterwerke zu singen. Ich fühlte mich wohl dabei. Und ich finde, das hört man auch. Die Aufnahmen von damals klingen immer noch gut, zeitlos schön.“

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Aus Kitsch wird große Kunst

Es sind mitreißende Kompositionen auf der Scheibe wie Emmerich Kálmáns „Grüß mir die süßen, die reizenden Frauen“ aus der Operette „Gräfin Mariza“, wie das opernhafte spanische Kunstlied „Granada“, die Edvard-Grieg-Miniatur „Ich liebe dich“ und Robert Stolz’ „Eine wie du war immer mein Traum“. Deren melodische Bögen und Erfindungsreichtum allein schon können den Zuhörer zum Träumen verführen. Und hört man dann, wie Schreier diese Titel nicht einfach nur abliefert oder auf Effekte setzt, wie es oft genug vor allem Opernsänger leichtfertig praktizieren, sondern Text und Melodien als Einheit im Sinne des Genres gestaltet, dann kann das überwältigen. Und selbst ein Kenner des Künstlers, wie der Autor dieser Zeilen meint, einer zu sein, bedauert zutiefst, diese Seite des Interpreten nie live erlebt zu haben. Wie heißt es? Wer zu spät geboren ist, den bestraft...

Ein ideales Beispiel ist „In mir klingt ein Lied“. Es ist Frédéric Chopins berühmteste Etüde, herrlich in E-Dur und eines der bekanntesten Klavierstücke der Romantik. Der Text von Ernst Marischka könnte Kitsch pur sein. Doch Schreier singt das zunächst zurückhaltend, ungemein zärtlich: „In mir klingt ein Lied, ein kleines Lied, in dem ein Traum von stiller Liebe blüht für dich allein.“ Um dann, bei „Sollst mit mir im Himmel leben, träumend über Sterne schweben, ewig scheint die Sonne für uns zwei...“ lässt er seine samtene Stimme kraftvoll und strahlend in die Höhe steigen. Allein diese vier Minuten lohnen der Wiederentdeckung und halten jeden Vergleich mit den perfekten Wagner- oder Mozart-Interpretationen mit ihm stand.

Was „Drei Tenöre“ nicht vermochten

Umso besser, dass Berlin Classics den Katalog des DDR-Labels Eterna peu à peu neu erschließt. Mehr noch. Zu den 14 Aufnahmen der Erfolgsplatte „Schöne, strahlende Welt“ von 1977 werden noch fünf Titel des kurz darauf entstandenen Albums „O sole mio“ als Bonus gepackt. Da wird es dann teils tänzerischer mit dem „Chianti-Lied – Hoch die Gläser, hoch das Leben“ und Mischa Spolanskys „Heute Nacht oder nie“. Doch auch da überzieht der Sänger im Sog der Rhythmen nie, sondern findet mit dem erfahrenen Dirigenten Robert Hanell und dem Großen Rundfunkorchester Berlin genau die richtige Balance. Die meist wunderbaren Arrangements hatte Gerhard Kneifel geschrieben. Schreier selbst war noch als Hochbetagter voll Komplimente für diese.

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So bietet die jetzt vorliegende CD Sahnehäubchen der Unterhaltungsmusik: mal in intimem Rahmen, mal in Breitwand-Sound. Man kann schwelgen und sich treiben lassen, freut sich mit dem Künstler an dem Glück seines „geheimen Hobbys“. Und staunt, wie eindrucksvoll der weltreisende, dresdentreue Künstler auch in für ihn vermeintlich untypischen Musik-Landschaften unterwegs war. Ergo: Von Peter Schreiers Kunst und Bescheidenheit hätten auch in dem Punkt viele Interpreten, vor allem die gern auftrumpfenden „Drei Tenöre“ lernen können – und sollen.

CD: Peter Schreier „Schöne, strahlende Welt“ (Berlin Classics)

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