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Rummel machen beim Emir

Schausteller Philipp Wiemer aus Freital fährt zum Oktoberfest nach Dubai. Zum Abschied gibt's Kirmes in Hainsberg.

Oktoberfest goes Dubai! Und Schausteller Philipp Wiemer aus Freital geht mit. Hier zeigt er schon mal die Flagge der Vereinigten Arabischen Emirate, zu der die Glitzermetropole gehört.
Oktoberfest goes Dubai! Und Schausteller Philipp Wiemer aus Freital geht mit. Hier zeigt er schon mal die Flagge der Vereinigten Arabischen Emirate, zu der die Glitzermetropole gehört. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Fahne will nicht flattern. Aber sie passt zur sengenden Sonne dieses Vormittags, in der Philipp Wiemer steht und von seinen Plänen erzählt. Die Fahne gehört zum Wüstenstaat Vereinigte Arabische Emirate. Dubai ist seine größte Stadt. Und Philipp Wiemer hat ein Stück von ihr gepachtet, einen Standplatz auf dem Oktoberfest, dem größten Volksfest der Welt.

Dieses Fest, die Wies'n, ist eigentlich in München und wurde neulich zum zweiten Mal abgesagt, wegen Corona. Ein findiges Unternehmerduo, der eine aus der Münchner Gastro-Szene, der andere ein Berliner Event-Krösus, fassten einen Plan: "Besondere Zeiten erfordern besondere Wege", so steht es auf der Homepage der Macher, "unser Weg führt nach Dubai."

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Gibt's nur in Dubai: ein halbes Jahr Oktober

Das Oktoberfest in Dubai soll seine bayrische Vorlage in den Schatten stellen. 620 Schausteller, Show- und Versorgungsbetriebe sind angeheuert. Statt maximal 18 Tage wird das Fest in der Wüste ein halbes Jahr dauern, mindestens. Geschätzte Besucherzahl: 26 Millionen, darunter, so die Hoffnung, viele Besucher der in Dubai gastierenden Weltausstellung Expo.

Oktoberfest goes Dubai: Das Feier-Areal von rund 350.000 Quadratmetern befindet sich im Herzen der Luxusstadt.
Oktoberfest goes Dubai: Das Feier-Areal von rund 350.000 Quadratmetern befindet sich im Herzen der Luxusstadt. © SZ Grafik

Wie aber kommt ein 26-jähriger gelernter Sport- und Fitnesskaufmann aus Freital dazu, Rummelmacher beim Emir zu werden? Weil er ein ziemlich einmaliges Fahrgeschäft besitzt, den Heartbreaker, zu Deutsch Herzensbrecher. Es gibt ihn zur zweimal auf der Welt. Deswegen seien die Veranstalter auf ihn zugekommen. "Ich habe keine Konkurrenz", sagt Philipp. "Deswegen habe ich alle Möglichkeiten."

Der Heartbreaker ist ein fast fünfzig Tonnen schweres Gerät, das seine Passagiere fast neun Meter hoch in die Luft hebt, sie zur Seite schwenkt und zwischendrin auch noch Loopings mit ihnen vollführt. Wenn Philipp Wiemer am Joystick des Steuerpults sitzt, kommt er sich manchmal vor wie in einem coolen Computerspiel. "Nur dass es Real Life ist!"

Opa entfacht das Rummelfieber

Den Spaß daran, anderen Spaß zu machen, hat Philipp Wiemer schon seit der Kindheit. Er entstammt einer alteingesessenen Schaustellerfamilie, die seit 1920 im Geschäft ist. Wenn er nicht in der Schule hockte, zog er mit dem Opa und seinen Karussells und Buden über die Rummelplätze der Region. 2017 hat er sich selbstständig gemacht, mit einem Verkaufswagen für Flammkuchen und Rösti.

Diesen Wagen hat er immer noch. Er steht auf einem großen Platz an der Freitaler Papierfabrik. Der Heartbreaker, zwischenzeitlich bei einem Rummel in der Lausitz im Einsatz, kommt auch bald hierher. Und es werden weitere Fahrgeschäfte und Buden erwartet. Denn bevor Philipp Wiemer nach Dubai abdampft, will er standesgemäß Abschied nehmen von seiner Heimat - mit der 1. Hainsberger Sommerkirmes.

Wiemers Heartbreaker in seiner Freitaler Parkposition. Rund einen Monat wird es dauern, das 50-Tonnen-Gerät nach Dubai zu verschiffen.
Wiemers Heartbreaker in seiner Freitaler Parkposition. Rund einen Monat wird es dauern, das 50-Tonnen-Gerät nach Dubai zu verschiffen. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Sause soll fünf Tage dauern, vom 7. bis zum 11. Juli, mit Kettenflieger, Autoscooter und Kinderkarussell. Es gibt eine Bühne mit DJs, dazu Biergarten, und sonntags Frühschoppen mit Spielmannszug. Der Heartbreaker soll das Highlight sein. Es ist die Chance, ihn letztmalig unter Volllast zu testen. Einfach so in die Steckdose stöpseln kann Wiemer den Stromfresser nämlich nicht. "Da geht in Freital das Licht aus."

Nicht das Philipp Wiemer es nötig hätte. Das Fahrgeschäft ist startklar für den Auslandseinsatz. Er hat es während der letzten Monate, als coronabedingt sowieso nichts ging, umfassend saniert. Der Test ist mehr für die Psyche, sagt er. Und wenn dabei noch ein paar Euros rein kommen - umso besser. "Ein bisschen Taschengeld für Dubai."

Ob die Sommerkirmes genug Publikum findet, damit seine Kollegen zufrieden sind und das Fest, wie es der Plan ist, wachsen kann? Philipp Wiemer hat eigentlich keine Zweifel. Freilich wird mancher noch Zeit brauchen, um aus dem Corona-Schneckenhaus heraus zu finden. Lichter und Musik eines Rummels könnten dabei helfen, sagt Wiemer. "Ich denke, das wird ein Selbstläufer."

Paulie, der Rummelhund, kommt mit zur Wüsten-Wies'n. Kuhattrappe Elsa und der Flammkuchenwagen bleiben indessen daheim.
Paulie, der Rummelhund, kommt mit zur Wüsten-Wies'n. Kuhattrappe Elsa und der Flammkuchenwagen bleiben indessen daheim. © Karl-Ludwig Oberthür

Ein Selbstläufer wäre wohl auch die restliche Saison für Philipp Wiemer geworden. Er hatte viele Anfragen, deutsche Plätze zu bespielen. An den Sommerwochenenden hätte sein Heartbreaker auf drei Sausen zugleich Loopings drehen können. Doch er hat abgelehnt. Er sieht seine Zukunft im Ausland. Das mach einfach mehr Spaß, findet er. Letztes Jahr reiste er im Baltikum. "Die Resonanz war immer sehr positiv."

Dass Dubai eine andere Liga ist als Lettland - für Philipp Wiemer einerlei. Er ist auf der Reise, so wie immer. Nur, dass sein Karussell eben dreißig Tage über die Ozeane geschippert wird. Die Transportkosten zahlen die Oktoberfestmacher. Philipp jettet hinterher, mit Paulie, seinem Rummelhund.

Heißer Herbst: Fassanstich bei 35 Grad

Der Labrador-Weimaraner, der taff genug ist, unterm Autoscooter ein Schläfchen zu halten, wird am Persischen Golf Philipps einziger Vertrauter sein. Zum Karussellbetrieb kriegt er einheimisches Personal. Das arbeitet deutlich billiger als deutsches. Er selbst konzentriert sich auf sein klimatisiertes Bedienpult und muss nicht hinaus in die Hitze. 35 Grad im Oktober sind normal für Dubai.

Hart genug wird es dennoch, schätzt der Schausteller. Nur er allein darf den Heartbreaker steuern. Er rechnet mit zehn bis vierzehn Stunden Arbeit, und das jeden Tag. Motivationsprobleme fürchtet er dennoch nicht. Das Karussellfahren sieht er als sein Hobby. "Was gibt es Cooleres, als an so einem Riesengerät zu arbeiten?"

Das "Riesengerät" hat eine hohe sechsstellige Summe gekostet. Die Bank will befriedigt sein. Auch deshalb fährt Philipp Wiemer nach Dubai. Er will sich nichts von Papa borgen, sagt er, sondern finanziell alles selber stemmen. Am Golf, so seine Hoffnung, wird er für eine Fahrt beinahe doppelt so viel einnehmen können, wie auf einem deutschen Rummel.

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Am 7. Oktober ist Fass-Anstich auf der Wüsten-Wies'n. Selbst wenn das Spektakel in die Verlängerung geht und bis Ende Mai 2022 dauert, wäre Philipp Wiemer noch rechtzeitig zurück für die 2. Hainsberger Sommerkirmes. Lange bleiben wird er kaum. Er denkt an die USA, vielleicht Neuseeland. Er ist jung, ohne Familie - jetzt ist seine Chance, sagt er. "Nach oben ist alles offen."

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