merken
PLUS Feuilleton

"Schwanensee" der Semperoper jetzt in XXL

Hirn aus, Herz und Augen auf: In Dresden wird Peter Tschaikowskis Ballett nun entschlackt und mit neuer Tiefe gezeigt.

Faszinierender Großeinsatz der weißen Schwäne in der Semperoper,
Faszinierender Großeinsatz der weißen Schwäne in der Semperoper, © Ian Whalen

Exakt 21 Minuten nach Vorstellungsbeginn ist das Publikum der Semperoper elektrisiert. Vier Tänzerinnen nehmen Aufstellung, halten die Hände über Kreuz und gestalten Trippelschritte und kleine Sprünge in großer Synchronität zur Musik „Tam-tam-tam-tam-tam-didadada...“. Jawohl, die Melodie und den Tanz der vier kleinen Schwänen kennt sogar der Nichtballettfan: Er ist eingängig und kurz – Szenenapplaus.

Normalerweise gibt es diesen Höhepunkt in Peter Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ im Original frühestens nach einer Stunde. Anders derzeit im Semperbau. Compagnie-Chef Aaron S. Watkin hat seine Inszenierung von 2009 zu einer Corona-Fassung umgearbeitet. Die ist auf pausenlose anderthalb Stunden verkürzt und wird auf einer riesigen, um sechseinhalb Meter tieferen Bühne gegeben. Damit können alle Abstände eingehalten werden, selbst bei den berühmten Massenszenen der maximal 20 weißen Schwäne. Deren Kreise, Linien oder andere Formationen erhalten durch diese XXL-Bühne eine neue, höchstinteressante Raumwirkung.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Rotbart macht auf dicke Hose

Auch sonst lohnt dieser Corona-„Schwanensee“. Die Kürze ist der Gewinn. Watkin war noch nie ein psychologisch zwingend erzählender Choreograf, wie es legendäre Tanzmeister wie Tom Schilling und John Neumeier schafften. Die Handlung stand bei seinen Inszenierungen wohl im Programmheft, auf der Bühne war sie nur bedingt nachvollziehbar. Diesmal entschlackt der seit 15 Jahren in Dresden wirkende Ballettchef das Geschehen, streicht fast alle Nebenstränge und tänzerisch nette, aber eigentlich unnötige Figuren sowie die nervige Pantomime der Hauptpartien.

Natürlich gibt es den bösen, Mädchen zu Schwänen verzaubernden Rotbart, den der Palucca-Absolvent Christian Bauch mit beeindruckender Dominanz gibt. Und es gibt den unschuldigen Träumer Siegfried, der – offenbar farbenblind – nicht zwischen Weißem und Schwarzem Schwan unterscheiden kann. Ansonsten konzentriert sich Regisseur Watkin ganz auf die sogenannten Weißen Bilder der Schwäne vom Russen Lew Iwanow aus dem Jahr 1894. Sie sind die Essenz des Stückes, gelten längst als Synonym für das klassische Ballett. Sie so fokussiert und von der Staatskapelle mitreißend musiziert zu erleben, ist wie eine Stunde allein mit der Mona Lisa im Louvre.

wieder am 21., 24., 26. und 29. September, Kartentel. 0351/4911705

Mehr zum Thema Feuilleton