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Malen bis zum Umfallen

Sein Leipziger Gewandhaus-Gemälde ist größer als Michelangelos Vatikan-Kunst: Sighard Gille wird 80 – und noch immer wächst sein Gesamtwerk.

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Der Maler Sighard Gille arbeitet in seinem Atelier an einem Bild, das den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange zeigt (r). Gegenwärtig bereitet der Maler eine Ausstellung in der Galerie Bassi in Remagen (Rheinland-Pfalz) vor.
Der Maler Sighard Gille arbeitet in seinem Atelier an einem Bild, das den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange zeigt (r). Gegenwärtig bereitet der Maler eine Ausstellung in der Galerie Bassi in Remagen (Rheinland-Pfalz) vor. © Waltraud Grubitzsch/dpa

Am Leipziger Maler Sighard Gille kommen nicht nur Kunstfreunde nicht vorbei – sondern auch Musikliebhaber und etliche Touristen. Sein monumentales Gemälde „Gesang vom Leben“ ziert die Decke im Foyer des berühmten Gewandhauses in Leipzig. Durch die großen Glasfronten ist es auch für Vorbeispazierende von Außen gut zu sehen. Das monumentale 714 Quadratmeter große Kunstwerk schlägt in den Maßen sogar Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle, das 520 Quadratmeter groß ist. Es wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Sein Schöpfer Gille, der in Leipzig und häufig in seinem Zufluchtsort im brandenburgischen Warnau wohnt, feiert am 25. Februar 80. Geburtstag.

Ans Aufhören denkt er deswegen noch lange nicht. Sein Atelier auf einem ehemaligen Werksgelände in Leipzig ist vollgestellt mit aktuellen Bildern. Landschaften, Porträts, auch abstraktere Werke. Gille gilt als äußerst produktiv, fotografiert auch und arbeitet plastisch. „Ich will malen, am besten bis zum Umfallen. Umfallen vor der Staffelei – das wäre doch ein schöner Tod für einen Maler“, sagt Gille, und es klingt nicht unbedingt wie ein Scherz.

Zweite Generation der Leipziger Schule

Sein Handwerk hat er an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gelernt. Von 1965 bis 1970 studierte er Malerei unter anderem bei den beiden großen Repräsentanten der Malerei in der DDR, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Wenn er von Heisig spricht, sagt er oft „der Professor“. Gille wurde sein Assistent. Beide verband auch privat einiges – wie etwa die Liebe zum Havelland als Rückzugsort. Anfang der 70er-Jahre habe er dort eine alte Bauernkate gekauft, erzählt Gille. 9.000 Mark habe sie gekostet – eine Summe, die er gar nicht gehabt habe. „Bernhard Heisig hat mir Geld gegeben, ohne Zinsen.“

Sighard Gille im Gewandhaus vor seinem Deckengemälde „Gesang vom Leben“. Das 714 Quadratmeter große, monumentale Werk im Foyer des Konzerthauses hat er vor 40 Jahren gemalt. Es ist sein größtes Werk.
Sighard Gille im Gewandhaus vor seinem Deckengemälde „Gesang vom Leben“. Das 714 Quadratmeter große, monumentale Werk im Foyer des Konzerthauses hat er vor 40 Jahren gemalt. Es ist sein größtes Werk. © Waltraud Grubitzsch/dpa

Gille zählt wie Arno Rink zur zweiten Generation der Malerei der Leipziger Schule – zwischen Heisig und Mattheuer und den jüngeren Künstlern wie Neo Rauch, auf die sich nach 1990 die Kunstkritik besonders begeistert stürzte. Gilles Atelier liegt per Luftlinie kaum einen Kilometer entfernt von der Spinnerei, wo Rauch arbeitet. Aber allzu viele Berührungspunkte gebe es nicht, sagt Gille. „Die Spinnerei ist mir relativ fern.“

Sich immer wieder neu erfunden

Er selber arbeite lieber für sich, ohne Kollegen um sich. „Es muss ja nicht sein, dass man sich auf die Füße tritt.“ Auf diese leise Art hat Gille ein riesiges Werk geschaffen. 2016/2017 zeigte das Museum der bildenden Künste in Leipzig eine umfassende Retrospektive. Dazu gab es einen Katalog, der Gilles Schaffen dokumentiert. Rund 1.200 Bilder sind darin verzeichnet. Seitdem sind noch etliche dazugekommen.

Jan Nicolaisen, Chefkurator für Malerei des Leipziger Museums, bescheinigt Gille große malerische Kraft. Über die Jahre habe er sich immer mal wieder neu erfunden und unterschiedliche Handschriften innerhalb seines Werks entwickelt. „Er ist lebendig in seiner Malerei, und ich denke, er vertritt bis heute eine sehr vitale Position.“

Gille hofft, dass er demnächst eine Ausstellung in der Galerie Bassi in Remagen realisieren kann. Je nachdem, ob es die Corona-Pandemie zulässt, ist die Eröffnung am 21. März geplant. Ganz abgeschlossen sei die Auswahl der Bilder noch nicht, sagt er. „Ich hänge an jedem Bild wie an einem Kind. Ich gebe sie nur ungern weg und muss mich immer überwinden, wenn jemand was kaufen will.“ (dpa)