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So hat Detlev Buck Thomas Manns "Felix Krull" verfilmt

Maria Furtwänglers amouröse Dienste: Der Klassiker kommt mit Jannis Niewöhner und Liv Lisa Fries als geistreiche Komödie auf die Leinwand.

Erst sinkt er hin, dann folgt sie ihm: Felix Krull (Jannis Niewöhner) und seine geliebte
Zaza (Liv Lisa Fries).
Erst sinkt er hin, dann folgt sie ihm: Felix Krull (Jannis Niewöhner) und seine geliebte Zaza (Liv Lisa Fries). © Warner Bros/Bavaria Filmprodukti

Von Andreas Körner

Wo bleiben die Männer, die sich wegen einer Frau ruinieren? Keiner macht das mehr. Detlev Buck ließ sich von dieser seiner Feststellung zu einer „philosophischen Komödie“ verleiten. Ohne „Bananen-Humor“. Wie auch, möchte man dem Regisseur und Schauspieler vehement entgegnen. Die Vorlage stammt bekanntlich von Thomas Mann, und für den war eine Portion Spaß nachgerade spektakulär. So richtig glücklich ist er mit seinem Buch „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ wohl nicht geworden. Es brauchte mehrere Anläufe. Schon ab 1910 schrieb Mann für drei Jahre daran, um das Manuskript vier Jahrzehnte lang liegen zu lassen, nochmals anzupacken und 1954 herauszubringen – immer noch unvollendet.

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Dem Erfolg tat es keinen Abbruch, auch die erste Verfilmung von 1957 war beliebt, was speziell an Horst Buchholz und Liselotte Pulver in den Hauptrollen lag. Thomas Manns Tochter Erika hatte da am Drehbuch mitgewirkt. Anfang der Achtziger gab es noch eine TV-Serie, hernach ruhte der Stoff. Bis Buck kam. Und nach Mann der Kehlmann.

Hin zum federleichten Mädchen

Regisseur Detlev Buck und Schriftsteller Daniel Kehlmann waren schon für „Die Vermessung der Welt“ vereint, die Wellenlängen ausgerichtet. Jetzt ließen sich beide vor allem vom Respekt vor Roman und Ur-Film treiben, was sich zuvorderst in der Sprache zeigt, die krampfhafte Modernität vermissen lässt und sogar ihre Sperrigkeit behalten darf. Buck dazu: „Im Dialog gibt es manchmal zwei Sätze Thomas Mann, zwei Sätze Kehlmann – sie lesen sich wie aus einem Guss.

“Das ist der Film letztlich auch. Wenn man sich auf die Figuren, das Klima am Beginn des 20. Jahrhunderts und auf das Timbre des Tons eingestellt hat. Felix Krull (Jannis Niewöhner) wird zeitig als Illusionist und Träumer gezeigt, Rollenjongleur und Leichtfuß. „Sei niemals abhängig, vertraue niemandem“, rät der Vater noch, bevor er seinem Dasein ein Ende bereitet. Er, der gescheiterte Sektfabrikant, wollte sich mit Selters nicht zufrieden geben. Felix aber will den Spruch, wonach man eine schlechte Kindheit sein Leben lang als unsichtbaren Feind mit sich herumschleppt, nicht akzeptieren.

Die undurchschaubare Dauerhotelgästin Madame Houpflé (Maria Furtwängler) hat ein Auge auf Felix Krull geworfen.
Die undurchschaubare Dauerhotelgästin Madame Houpflé (Maria Furtwängler) hat ein Auge auf Felix Krull geworfen. © Foto: Warner Bros

Der Herr Marquis sollten ein Doppelleben leben

Mit Kniffs kommt er aus Frankfurt heraus und zu einer Anstellung in einem Pariser Grandhotel, mogelt sich zwischendrin noch am Wehrdienst vorbei und in einen Anzug hinein, der ihm Tür und Tor öffnen soll. Zunächst zur schönen Zaza (Liv Lisa Fries), einem federleichten Mädchen, das die Liebe mit Felix teilt, später auch Paris, wohin sie ihm nachreist. Aus Felix ist längst Armand geworden, aus dem Pagen ein Kellner, der die Damenwelt entzückt, besonders Madame Houpflé (Maria Furtwängler) zu körperlichen Diensten ist und sich eindeutiger Avancen von Lord Kilmarnock (Anian Zoller) zu erwehren weiß.

Genauso wie Felix Krull bei gleich- und höher gestellten Angestellten stets ein Schlupfloch findet. Sein Opus magnum liegt aber noch vor ihm: Es gilt, dem blindverknallten Marquis Louis de Venosta (David Kross) ein Doppelleben schmackhaft zu machen und den König Portugals (Christian Friedel) einzunehmen.

Vom schelmischen Nippen am Glas der Reichen

Es sei verraten, dass ein Gelingen im Bereich des Planbaren liegt. Vielleicht ist es wirklich so, dass Felix, wie seine Zaza ihm verbal vor die Füße knallt, einfach nicht erträgt, er selbst zu sein. Das Flunkern, in die Höhe Stapeln, das schelmische Nippen am Glas der Reichen und das offene Ende eines hoffentlich noch langen Lebens sind allerdings zu reizvoll für blanke Ehrlichkeit.

Zwei Stunden „Krull“ werden zur vergnüglichen, aufrecht amüsanten und zerstreuungsreichen Angelegenheit. Die Lust von Ensemble und Stab überträgt sich in den Kinosaal. Buck kann das. Er, wer wüsste es nicht, kann aber auch anders. Jetzt sogar parallel.

Es geht mit der Unschuld raus aufs Land

Da der geplante Kinostart von „Wir können nicht anders“ im Vorjahr scheiterte und bei Netflix „überstreamt“ wurde, sei an dieser Stelle explizit auf den Heimkinostart der schwarzen Gangster-Komödie hingewiesen, die – auch das muss verkündet werden – mit dem ähnlich klingenden Kultfilmtitel „Wir können auch anders ...“ von 1993 so gut wie nichts zu tun hat. Der einzige Berührungspunkt: Es geht mit der Unschuld wieder raus aufs Land. Könnte dänisch sein, dieses Stück, so wild wuseln die Elemente herum. Blutig, kernig, witzig. Und: Hier ruiniert sich wirklich ein Mann (fast) wegen einer Frau.

Detlev Buck, 58, der seit 37 Jahren scheinbar völlig angstfrei Filme macht und dabei quer durch alle Genres robbt, der Komödie kann, Kinderfilm und manchmal ernst, historisch und zeitgenössisch, Hund und Rubbeldiekatz, ist und bleibt ein Original in diesem Land. Ein seltenes.

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ läuft in Dresden (Rundkino, Schauburg, Programmkino Ost) und in Bautzen, Görlitz und Döbeln.

„Wir können nicht anders“ ist als Blu-ray/DVD bei DCM erschienen.

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