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So ist der neue Clooney-Film

Im Endzeit-Drama „The Midnight Sky“ sind George Clooney alias Wissenschaftler Lofthouse und ein kleines Mädchen für eine Raumcrew die letzte Hoffnung.

Augustine (George Clooney) und Iris (Caoilinn Springall) müssen versuchen, zwei Astronauten zurück zur Erde zu holen.
Augustine (George Clooney) und Iris (Caoilinn Springall) müssen versuchen, zwei Astronauten zurück zur Erde zu holen. © Netflix

Von Andreas Körner

Das englische Wort „Event“ ist längst im Umgangssprachlichen angelangt, sehr gern auch hier im deutschen Land. Serien im Fernsehen, Drei-Gänge-Mittag im Bauernhof, Eröffnungsfeiern für Autohäuser – alles muss „Event“ sein, damit das „Ereignis“ noch gewichtiger wird. Selbst George Clooney ist nicht nur ein 59-jähriger US-amerikanischer Schauspieler, Produzent, Regisseur, Werbeträger und sehr sympathisch. Er ist Event.

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Nun begibt es sich, dass die Erde in Clooneys siebenter Regiearbeit mehr als schweren Schaden genommen hat. Drei Wochen liegt es zurück, ist auf dem Bildschirm zu lesen: das Event, das Ereignis, der Vorfall im Jahr 2049, von dem bis zum Schluss von „The Midnight Sky“ nicht klar wird, welche Form er eigentlich hatte. Muss auch nicht sein, denn das Ausmaß wird benannt. Letzte Rettungshubschrauber evakuieren Menschen aus dem Eis in eine noch kältere Zukunft.

Einzig Wissenschaftler Dr. Augustine Lofthouse (George Clooney) bleibt in seiner Forschungsstation am Pol zurück. Er ist müde. Zu müde für den Aufbruch, zu desillusioniert und vor allem zu wissend. Fast kahl ist sein Schädel, der weiße Bart hängt ihm buschig um Mund und Kinn. Augustine trinkt regelmäßig Whisky und nimmt Tabletten, ab und an geht er brechen.

Eis und Stürmen auf dem Weg der Helden

Eines Morgens steht eine zweite Müslischale auf dem Tisch. Augustine glaubt schon, langsam zu verblöden. Doch dann sitzt er auf dem Fußboden einem Mädchen gegenüber, acht Jahre jung vielleicht, scheu. Wurde die Kleine vergessen? Sprechen mag sie nicht, nach einigen Tagen aber wenigstens lachen. Die beiden haben sich beim Essen mit gekochten Erbsen beworfen. „Ein Anfang“, sagt Augustine. Und das Mädchen wird zu Iris (Caoilinn Springall).

George Clooney hat bislang in zwei Science-Fiction-Filmen mitgespielt, an denen er sich durchaus orientieren konnte, um für „The Midnight Sky“ einen Ton zu finden. In Alfonso Cuaróns „Gravity“ (2013) war er Astronaut vor der Rente, in Steven Soderberghs Tarkowski-Adaption „Solaris“ (2002) Psychologe, schwebend im Orbit. Sicher war es der Minimalismus beider Inszenierungen und ihr Ansatz, genau daraus Spannung und Tiefe zu ziehen, die Clooney für seine eigene dystopische Vision zur Seite gesprungen sind. Denn auch er verzichtet weitgehend auf vorsätzliche Überwältigung, nur scheint ihn auf halber Strecke das eigene Zutrauen im Stich gelassen zu haben.

„The Midnight Sky“ setzt speziell durch die visuelle Umsetzung Wirkungstreffer, gerade mit Eis und Flocken und Stürmen auf dem Weg der Helden in eine entlegene Station. Gedreht wurde auf Island in aller Unwirtlichkeit, und die sieht man. George Clooney rasend mit dem Schneemobil zwischen brechenden Schollen – famos. Dass sich die beiden überhaupt aufmachen, liegt am mutmaßlich letzten Auftrag von Dr. Lofthouse, der einer zwanghaften Forderung an sich selbst gleicht. Denn irgendwo da draußen schwebt seit zwei Jahren noch Aether, eine Raumstation mit zwei Frauen und drei Männern an Bord.

Schon zweimal war Clooney selbst in der Rolle eines Wissenschaftlers im Weltraum, hier zuletzt 2013 in Alfonso Cuaróns "Gravity".
Schon zweimal war Clooney selbst in der Rolle eines Wissenschaftlers im Weltraum, hier zuletzt 2013 in Alfonso Cuaróns "Gravity". © Warner Bros.

Aethers Besatzung hat herausgefunden, dass menschliches Leben auf dem Jupitermond K-23 möglich ist, dort, wo der Himmel nicht blau, sondern orange leuchtet, wo es weite Felder gibt und gute Luft. Mit dieser Nachricht wollen Captain Adewole (David Oyelowo), Ingenieurin Sully (Felicity Jones) und die anderen zurück zur Erde kommen. Doch der Funkkontakt ist längst abgebrochen, das „Ereignis“ den Astronauten noch nicht bekannt. Es ist nunmehr an Augustine, die Dinge zu richten und Entscheidungen der Crew herauszufordern, so fatal sie auch sein mögen. Dass ihn dabei eine besondere Motivation antreibt, wird im Verlauf von zwei Stunden klar und klarer. Es hat natürlich mit Iris zu tun, die ihm verbal nur eine einzige Frage stellt. Und die hat es in sich.

Ein Außeneinsatz im All geht schief

Wo sich „The Midnight Sky“ auf der Erde als melancholische Parabel auf Einsamkeit und Isolation der Seelen offenbart, wunderbar gespielt von Clooney und der Entdeckung Springall, hingegen eher fremdelnd unterfuttert durch Rückblenden aus Augustines Biografie, in denen Ethan Peck den jungen Clooney verkörpern muss, mäandert die Handlung im All zu sehr am Oberflächlichen herum. Ein durch Meteoritenhagel provozierter Außeneinsatz geht planbar schief. Der (schwarze) Adewole und die (schwangere) Sully, ein Liebespaar zudem, stehen sehr offensichtlich für die letzte Hoffnung.

Was oben vor allem überzeugen kann, ist die Architektur des fulminanten Aether-Organismus‘. Schauwert also, der beim Eintritt in die cineastische Atmosphäre sogar gegen die akustische Wand des dauerpräsenten Filmkomponisten Alexandre Desplat besteht – und das will etwas heißen.

„The Midnight Sky“ ist ab Mittwoch im Netflix-Angebot

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