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So war das Literatur-Jahr 2020

Es war katastrophal, herausfordernd und überraschend schön.

Es brauchte neuen Platz im Regal. Es gab zu viele gute Bücher.
Es brauchte neuen Platz im Regal. Es gab zu viele gute Bücher. © SZ

Für Ken Follett wäre das kein Problem. Der Bestsellerbrite unterhält ein Büro und zwei Dutzend Rechercheure, die für ihn die Säulen der Erde zählen und alles herausfinden sollen über die Unterwäsche der Wikinger. Leider ist über Wikingerslips wenig bekannt. Follett jedenfalls könnte die 3.000 Euro für Betriebskosten von der Bundesregierung bekommen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Der Zuschuss gilt nur für deutsche Autoren. Und die haben meist kein Büro. Ihre Betriebskosten lassen sich in Rotwein und Druckerpatronen berechnen. Es fallen nicht mal Fahrtkosten an ohne Buchmessen und Lesereisen. Der Stift zum Signieren schimmelt. Oder hat schon mal jemand eine Online-Lesung vor Zimmerpalme signiert?

Es ist paradox. Noch nie war Literatur so wichtig für Flucht, Erkenntnis, Trost oder Abwechslung wie in diesem Jahr. Und noch nie waren die Krisensymptome der Branche so sichtbar. Verleger verschieben Titel vom Frühjahr zum Herbst zum Frühjahr, sie kürzen Programm und Autorenvorschuss. Buchhändler versuchen sich als Fahrradkurier und liefern den jüngsten Krimi von Jan-Luc Bannalec um Kommissar Dupinbis vor die Haustür. Manche Autoren schreiben schneller, als Buchhändler radeln können. Das ist die gute Nachricht: Die erzwungene Pause scheint das Schreiben befördert zu haben. Schriftsteller wie Juli Zeh, Ingo Schulze und Christoph Hein, Christian Kracht oder Ingrid Noll bringen demnächst neue Texte heraus.

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Jugendbücher retten die Branche

Die Pause half auch den Lesern. Eine ernstzunehmende Studie zeigt, dass 35 Prozent der Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche gedruckte Bücher lesen, und da ist der Schulkram nicht mitgezählt. Ihre tägliche Lesedauer liegt bei 74 Minuten – das sind 21 Minuten mehr als im Vorjahr. Sensationell! 21 glückliche Minuten mehr, auch dank Hausschule und Corona. Der Umsatz bei Kinder- und Jugendbüchern hat die Branche gerettet. Wie viele Elternhäusler hätten ihr Vorlesetalent sonst vielleicht nie entdeckt? Gut, manche Geschichte verliert nach der zwölften Wiederholung an Charme. Und das ist die schlechte Nachricht: Der Verlust wird auch viele Bücher treffen, die demnächst den Markt überfüllen. Sie heißen „Die Welt nach Corona“, „Pandemie und Recht“, „Das Virus und das Digitale“...

Mehrere Hundert Titel umkreisen das Thema medizinisch, philosophisch, historisch, ökonomisch, pseudonachdenklich, beruhigend, empört und im Krimi. So viel Tagebuchbekenntnis war nie. Frauenromane heißen jetzt „Mit Abstand verliebt“. Selbst die Lyrik wird infiziert. Aber Lyrik ist ja im Kommen. Man trägt wieder Hut. Das behaupten die Hutmacher hartnäckig seit Jahrzehnten. Der Niederländer Cees Nooteboom nimmt im Band „Abschied“ das Virus zum Anlass, um über das unwiederbringliche Verschwinden des Einzelnen nachzusinnen.

Und was passiert, wenn jeder schon seinen eigenen Todestag kennt? Diese Idee spielt Sebastian Fitzek in seinem jüngsten Roman durch. Deutschlands erfolgreichster Thrillerautor entert zuverlässig jede Bestenliste. Dabei warnt Deutschlands erfolgreichster Literaturkritiker Denis Scheck seit Jahren vor irreparablen Hirnschäden durch Fitzek-Lektüre. Dieser Name sei das Eichmaß für die größte Menge an Zumutungen pro Seite: miese Gewaltprosa. Wie fein ziseliert wirken dagegen die Kriminalromane des Australiers Garry Disher! Sie sind perfekt komponiert in Tempo und Tonfall, mit echten Menschen in echten Konflikten. Die letzte entscheidende Runde im staubigen australischen Hinterland findet ausgerechnet zu Silvester statt: „Hope Hill Drive“ gewinnt die Krimikrone 2020. Verleger des Jahres ist Thedel von Wallmoden. Die Zeitschrift Buchmarkt feiert den Chef des unabhängigen Göttinger Wallstein Verlags für seine wagemutigen geisteswissenschaftlichen Ausgaben und ein anspruchsvolles belletristisches Programm.

Lorbeerkränze für die Richtigen

Denn das ist die gute Nachricht: Die Lorbeerkränze des Jahres schmücken die Richtigen. Das gilt sogar für Louise Glück. Obwohl die Ehrung der Amerikanerin mit dem Nobelpreis mehr Kopfschütteln als Jubel hervorrief und den Buchmarkt mitnichten ankurbelte, passt doch ihre Poesie in die Zeit. Viele Leser dürften inzwischen geübt sein in Rückzug, Innerlichkeit und Vergänglichkeitsgrübeln. Ganz anders das Heldinnenepos „Annette“ von Anne Weber. Sie erzählt in rhythmischen Versen die Lebensgeschichte einer hier wenig bekannten französischen Widerstandskämpferin und erhielt den Deutschen Buchpreis für ihr atemberaubendes Experiment. Der gebürtige Dresdner Thilo Krause gewann gleich zwei Preise für seinen Debütroman „Elbwärts“, der in der Sächsischen Schweiz spielt, und Christine Wunnicke wurde für ihren hintergründigen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ mit dem Wilhelm-Raabe-Preis bedacht. Von ihr stammt der tröstlichste Satz des Jahres: „Langeweile ist ein kreativer Grundzustand.“

Das dümmste Wort des Jahres heißt „grundversorgungsrelevant“. Trotzdem schade, dass es für sächsische Buchhändler nicht gilt. Hiesige Politiker halten es wie Amazon im ersten Lockdown: Der weltgrößte Versandbuchhändler annoncierte Bücher mit vier Wochen Lieferzeit, weil er anderes für wichtiger hielt, „Frau Dufte − Schaumbad für Zwei“ zum Beispiel oder die „Nico Flitter Bombe“. Ist eigentlich das Abbrennen von Tischfeuerwerk erlaubt? Und wenn ja: Ist das eine gute oder schlechte Nachricht? Ist es gut oder schlecht, dass der meistverkaufte Titel der letzten Wochen ein 42-Euro-Buch ist und Barack Obama damit die Bestsellerlisten anführt, wo sich seine Gattin seit mehr als einhundert Wochen tummelt? Ist es gut oder schlecht, dass „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens auch in diesem Jahr in Endlosschleife verkauft wurde? Wie lange halten die Flusskrebse das noch aus?

Höhepunkte 2020:

Sebastian Fitzek: „Der Heimweg“, Thriller, erschienen bei Droemer

Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“, Debütroman, Hanserblau

Ken Follett: „Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit“, Historienroman, Lübbe

Barack Obama: „Ein verheißenes Land“, Band eins der Präsidentschaftserinnerungen, Penguin

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: „Trotzdem“, Gespräch über die Folgen der Corona-Pandemie, Luchterhand

Ausblick auf 2021:

Juli Zeh: „Über Menschen“, Roman aus der Provinz, im März bei Luchterhand

Ingo Schulze: „Tasso im Irrenhaus“, Erzählungen über Kunst und Leben in der bürgerlichen Gesellschaft, im Mai, dtv

Christoph Hein: „Guldenberg“, Roman über Alltagsrassismus in einer Kleinstadt, im Mai, Suhrkamp

Ingrid Noll: „Kein Feuer kann brennen so heiß“, Roman über Glücksfälle einer Pflegerin, im Februar, Diogenes

Christian Kracht: „Eurotrash“, Roman über tragische wie komische Abgründe einer Familie, im März, Kiepenheuer

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