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„Sobald man etwas zu zweit macht, ist es total cool“

Magdalena Weniger ist derzeit eine der aufregendsten Performance-Künstlerinnen Sachsens. Jetzt zeigt sie eine Performance in Hellerau.

Magdalena Weniger vor der Aufführung ihres Stücks Tiarella Hybrid im Festspielhaus Hellerau (Oktober 2021)
Foto: Martin Mulik
Magdalena Weniger vor der Aufführung ihres Stücks Tiarella Hybrid im Festspielhaus Hellerau (Oktober 2021) Foto: Martin Mulik © Martin Mulik

Von Hannah Küppers

„Es gibt so vieles, das mich begeistert“, sagt Magdalena Weniger. Schon in ihrer Kindheit fragte sie sich manchmal, warum sie nicht mal bei einer Sache bleiben kann. Softball, Handball, Basketball, Fußball – alles machte ihr Spaß, sie probierte ständig Neues aus. Musik und Tanz konnten den ständigen Wechsel überdauern. Mit sechs Jahren stand die kleine Magdalena das erste Mal auf einer Bühne vor 2.000 Leuten. Heute ist sie eine der aufregendsten Künstlerinnen Sachsens. Auf eine Bezeichnung will sie sich nicht festlegen: Als „Sängerin, Performerin und Tanzschaffende“ bezeichnet sie sich. Magdalena Weniger tanzt nicht einfach, sie denkt sich eigene Choreografien aus; sie singt nicht einfach, sondern macht mit ihrer Stimme sonderbare Experimente, die sich wie eine knackende Telefonleitung anhören.

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Schon wie ein Käfer zu zappeln ist für Magdalena Weniger ein Zugang zu körperlichem Tanz. Akrobatische Kunststücke oder Pirouetten ziehen die Künstlerin nicht in ihren Bann, aber Tanz, „den auch andere Leute machen könnten“. Die Arbeiten der in Dresden und Freiburg lebenden Künstlerin sind immer Performance und Installation, Tanz und experimentelle Raum-Klang-Erfahrung zugleich. Zuletzt ihr Projekt „brach und wild“ auf einer Brache in Dresden-Pieschen, wo verschiedene scheinbar ausrangierte Objekte auf einer vertrockneten Wiese herumliegen: ein Stuhl, ein Spiegel, eine Decke. Auf Bildschirmen laufen Video-Installationen, zum Beispiel verschwommene Aufnahmen von Körperteilen, die sich kaum als solche erkennen lassen. Aufgezeichnete Interviews kann sich der Besucher oder die Besucherin über Kopfhörer anhören, verschiedene Menschen erzählen von „Brachen“ in ihrem Leben: eine Trennung, eine Flucht, eine Pilgerreise. Ab und zu kreuzen kostümierte, umherschleichende Personen den Weg.

Dieses Projekt gehört zu einem Arbeitszyklus, in dem Magdalena Weniger dem Verhältnis von Mensch und Umwelt auf den Grund gehen will. Derzeit zeigt sie im Festspielhaus Hellerau eine Performance, die sie eine „botanische Persönlichkeitsstudie“ nennt. Dinge, die man von der Gartenarbeit kennt: wachsen, umtopfen, gedeihen. Sie vergleicht das mit Sozialisationsprozessen im menschlichen Leben.

Das müssten die Leute nicht unbedingt verstehen, es gehe vielmehr darum, „dass sie etwas erleben“, so Weniger. Sie will mit ihrer Kunst Erfahrungen stiften, „Impulse geben, die man sonst nicht bekommt.“ Das ist für sie ein unerschöpflicher Job, eine Arbeit, die sie bis an ihr Lebensende machen möchte. Auch wenn sie es vielleicht irgendwann so modifizieren muss, dass sie es lange auf gesunde Art und Weise machen kann. Dafür müssten aber auch die Strukturen und Bezahlungen noch besser werden. Freischaffende Künstlerin zu sein sollte ihrer Meinung nach auch in Teilzeit machbar sein.

Magdalena Weniger will mit ihrer Kunst Erfahrungen stiften, „Impulse geben, die man sonst nicht bekommt.“
Magdalena Weniger will mit ihrer Kunst Erfahrungen stiften, „Impulse geben, die man sonst nicht bekommt.“ © Jürgen Gocke

Sorgen um die Zukunft macht sich die Künstlerin und Mutter von zwei kleinen Kindern nicht. „Ich habe mir mittlerweile so viele Fähigkeiten angeeignet, dass ich viele Jobs annehmen könnte.“ Sie würde auch jederzeit wieder als Kellnerin einsteigen. „Ich habe noch nie einen Job nicht gekriegt“, erzählt Weniger, ohne dass es überheblich klingen würde. Man glaubt es ihr und ihrer unaufgeregt selbstbewussten, optimistischen Art. Denn sie sagt auch solche Dinge: „Ich bin ein Flickenteppich.“ Klingt schon weniger hübsch, meint aber wieder ihre Vielseitigkeit: Wenigers Ausbildung fing mit klassischem Gesang an, was ihr nach einiger Zeit „viel zu nerdig“ vorkam. Trotzdem denkt sie noch heute daran, dass sie gerne Opernsängerin geworden wäre. Aber sechs Stunden am Tag allein in einem Proberaum zu sitzen, das hätte sie niemals gekonnt. Die mit sechs Geschwistern aufgewachsene gebürtige Freiburgerin ist „ein ganz schlimmer Team-Mensch“, sie habe ein sehr großes Bedürfnis nach Mitmenschen. „Sobald man eine Sache zu zweit machen kann, ist alles total cool“ sagt sie.

Deshalb hat sie vielleicht auch mit einer Schweizer Kollegin zusammen ihr Label Koma & Ko gegründet, – „Ko“ steht für Kooperation, Kolleg:innen und Kollektiv. Sie entwickeln zwischen Freiburg und Dresden Performances für Bühnen, öffentliche Räume und Offspaces, unabhängige Ausstellungsräume. In Dresden arbeitet Weniger viel im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau. Zwischen den beiden Städten bewegt sich auch das Leben der Künstlerin. Vor Kurzem ist die Familie aus privaten Gründen wieder in ihre Heimat Freiburg gezogen, ihre „künstlerische Heimat“ sieht Weniger aber weiterhin in Dresden. Hier landeten sie und ihr Mann damals recht zufällig, als ihnen die „reiche, gesättigte Gesellschaft im Drei-Länder-Eck“ zu viel wurde und ihnen auffiel, dass sie noch nie im Osten Deutschlands gewesen waren. Sie planten eine Sachsen-Tour und kurz darauf den Umzug nach Dresden.

Nicht nur künstlerisch beheimatet ist die Freiburgerin inzwischen im Osten, sie gibt sogar einem Projekt der Staatlichen Kunstsammlungen ihr Gesicht und ihre Stimme. „180 Ideen“ sucht Ideen und Zukunftsentwürfe vor allem im ländlichen Raum und bei jungen Menschen. Die sollen dann in Form von Workshops, Vorträgen, Diskussionen und kleinen Ausstellungen präsentiert werden. Magdalena Weniger reist in die entlegensten Winkel von Sachsen, stellt sich hinters Mikro und moderiert das Projekt. Sie steigt auf Kirchtürme, fährt mit dem Fahrrad umher, spricht mit den Menschen vor Ort und fragt neugierig nach, immer mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Du funktionierst gut vor der Kamera“, sagte man ihr, als man ihr den Job anbat.

Weniger pendelt jetzt zwischen Freiburg und Dresden, wenn es geht mit Mann und Kindern. Das funktioniert, weil ihr Mann in Elternzeit und die Kinder noch im Kindergarten sind. Für die Künstlerin war von Anfang an klar: Kinder ja, aber aufhören zu arbeiten: nein. Ein Thema, bei dem die junge Frau dann doch „tierisch genervt“ ist: Männer, die denken, dass Elternzeit „den ganzen Tag Kuchenbacken“ bedeutet. Sie kann nicht glauben, was ihr Mann sich manchmal anhören muss. Er sei im Freundeskreis mitunter der Einzige, der über Monate den Alltag mit den Kindern erlebt.Für Weniger sind ihre Kinder Inspiration. „Diese neugierigen Augen, die sich gar nicht sattsehen können, diese Lern- und Entdeckerlust“, das ist es, was sie an den jungen Wesen fasziniert. Vor allem hilft es ihr, von der Arbeit wegzukommen, die sie als sehr ich-zentriert empfindet. „Mein Körper, meine Stimme, meine Show“ – sie ist froh, wenn sie nach Hause kommt und ihr Sohn mit ihr puzzlen möchte.

„Tiarella Hybrid“: 14. bis 16.10. im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau, Dresden.

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