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Vietnamesen im Osten: Sie opferten ihr Leben

Ein digitales Theaterstück erzählt von der Sehnsucht vietnamesischer Einwanderer nach Heimat – und nach Akzeptanz.

Fang Yun Lo im Festspielhaus Hellerau
Fang Yun Lo im Festspielhaus Hellerau © kairospress

Geh doch nach Hause. Das wünschte sich die zu Ende gehende DDR von vietnamesischen Arbeitern nach dem Mauerfall. Denn mit dem Ende des Staates lief auch der Vertrag mit den Bruderländern aus, die seit Beginn der 80er-Jahre über 60.000 Menschen geschickt hatten – zum Arbeiten. Wurden sie zuvor dringend gebraucht, waren sie in nun nicht mehr erwünscht. Doch viele der Vietnamesen hatten Familien gegründet, Kinder bekommen, ein Zuhause in Ostdeutschland gefunden. Vietnam war noch immer ein armes Land. Die meisten gingen, einige blieben. Wie geht es ihnen jetzt? Was ist für sie Heimat? Wo fühlen sie sich zu Hause? Diese Fragen stellt die Choreografin Fang Yun Lo in ihrem Theaterstück „Home Away From Home“ – auf Deutsch: „Zu Hause weit weg von zu Hause“.

Viele Formen der vietnamesischen Migration

Unter anderen um die ostdeutschen Vietnamesen und ihre Nachfahren geht es in dem Performanceprojekt, das an diesem Freitag Premiere feiert. Digital, versteht sich: Eigentlich sollte es als richtiges Theaterstück im Europäischen Zentrum der Künste in Dresden Hellerau sowie im Theater Pact Zollverein in Essen stattfinden, das Kooperationspartner ist. Wegen Corona gibt es nun einen Film, der an drei aufeinanderfolgenden Abenden als Stream zu sehen ist. Mit anschießendem digitalen Publikumsgespräch.

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Klischees - wie die Vietnamesin am Bubble-Tea-Stand haben eben auch eine Wahrheit. Foto: Peter R. Fiebig
Klischees - wie die Vietnamesin am Bubble-Tea-Stand haben eben auch eine Wahrheit. Foto: Peter R. Fiebig © Peter R. Fiebig

Die 1982 in Taiwan geborene Choreografin Fang Yun Lo beschäftigt sich seit vielen Jahren mit vietnamesischen Migranten. Es gibt eine Parallele zwischen Ostdeutschland und Taiwan, denn auch in Fang Yun Los Heimat leben viele vietnamesische Migranten. Diese verließen aus etwas anderen Gründen ihre Heimat als jene in der DDR: Agenturen vermittelten in den 90er-Jahren vietnamesische Frauen an taiwanesische Männer. Zum Heiraten oder einfach als Hausmädchen. Die dritte Gruppe, um die es in dem Theaterstück geht, sind die Geflüchteten: In den 70er-Jahren flohen Vietnamesen vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Westdeutschland. Fang Yun Lo, die in Essen studierte und nun in Dresden lebt, ist also auf vielen Ebenen verknüpft mit den verschiedenen Formen der vietnamesischen Migration.

Überleben war nicht einfach in der Wendezeit

Dafür hat Fang Yun Lo erst einmal viel recherchiert. Zwei Jahre lang haben sie und ihr Team an die 100 Interviews mit Menschen vietnamesischer Herkunft in Taiwan sowie Ost- und Westdeutschland geführt. Entstanden ist ein Theaterrundgang, in dem Zuschauer normalerweise, also ohne Corona, durch ein Bühnenbild laufen und verschiedene Szenen aus der vietnamesischen Diaspora betrachten könnten. Im vietnamesischen Restaurant, am Bubble-Tea-Stand, im Wohnheim-Zimmer mit Stockbetten berichten Performerinnen und Performer aus ihrem Leben. „Das sind Klischees“, ist sich Fang Yun Lo bewusst – „aber sie stimmen.“

Die Bühne von "Home Away From Home" im Festspielhaus Hellerau - zu erleben im Stream. Foto: Peter R. Fiebig
Die Bühne von "Home Away From Home" im Festspielhaus Hellerau - zu erleben im Stream. Foto: Peter R. Fiebig © Peter R. Fiebig

Was die Geschichten der Vietnamesen aus den verschiedenen Ländern verbindet, ist der Versuch, die ursprüngliche Identität nicht zu verlieren. Gerade in Ostdeutschland fällt das auf. Diejenigen, die sich nach der Wende fürs Bleiben entschieden, hatten es schwer, sagt Fang Yun Lo. „Überleben war nicht leicht in der Wendezeit. Aber sie wollten ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen. Dafür opferten sie ihr eigenes.“ Dies ist für die Performerin einer der Gründe, warum viele Vietnamesen in Deutschland bis heute wenige Verbindungen mit Deutschen haben. „Sie waren darauf konzentriert, zu überleben. Das blockierte sie in ihrem Sozialleben.“

Die Performance will Brücken bauen. Foto: Peter R. Fiebig
Die Performance will Brücken bauen. Foto: Peter R. Fiebig © Peter R. Fiebig

Doch auch von anderer Seite kam und kommt offenbar wenig Bestreben, die Nachbarn aus dem früheren Bruderland besser kennenzulernen. „Fidschi“, das Wort, das Bürger in der DDR als Sammelbezeichnung für alle asiatisch aussehenden Menschen erfanden, sieht Fang Yun Lo als Zeichen für diese Distanz. „Es ist ein sehr schlimmes Wort“, meint sie, „weil es einen Stempel aufdrückt und sich nicht dafür interessiert, mit welchem Menschen man es wirklich zu tun hat.“

„Wir wollen Brücken bauen“

So wie die Zuschauer in dem Film zwischen den verschiedenen Stationen vietnamesischer Einwanderungsgeschichte spazieren können, so ist auch Fang Yun Lo eine Spaziergängerin zwischen den Welten. Sie ist Taiwanesin und Dresdnerin, die in einem internationalen Team arbeitet, in dem die Herkunft kaum eine Rolle spielt. „Warum ist uns Integration eigentlich so wichtig?“ fragt sie und regt an, auch mal auszuhalten, dass man nicht alles und jeden kennt oder versteht, dass Fragen aufkommen. „Wir wollen Brücken bauen mit dem Theaterstück“, sagt sie – „und doch die unterschiedlichen Identitäten anerkennen.“

Im Mai wird sie das Projekt hoffentlich auch live zeigen können: Der dritte Kooperationspartner ist das Cloud Gate Theater im taiwanesischen Taipeh. Dort hat man die Corona-Pandemie gut im Griff, darum ist Fang Yun Lo optimistisch, dass die geplante echte Aufführung stattfinden wird.


„Home Away From Home“: 26. bis 28. 2., je 20 Uhr, Stream über www.hellerau.org

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