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Lichtblick hilft Künstlern - wie diesem Bildhauer

Der Bildhauer Sandro Porcu lebt seit elf Jahren in der Oberlausitz. Die schwierige Corona-Zeit überbrückt er mit Tauschgeschäften.

Der aus Italien stammende Bildhauer Sandro Porcu in seinem Atelier in Kirschau.
Der aus Italien stammende Bildhauer Sandro Porcu in seinem Atelier in Kirschau. © © by Matthias Rietschel

Leise knistert im Ofen das Holz. „Ich habe ein bisschen gefeuert“, sagt der Bildhauer Sandro Porcu in seinem Atelier in der Kunst-Fabrik in Kirschau bei Bautzen. Und er lötet gerade. Der 55-Jährige fängt eine neue Arbeit an einer Bronze an. Das wird was Kinetisches, erklärt er. Das Werk soll sich also bewegen, eine Bronze? Noch ist sie mit einem Tuch bedeckt. Ob er das abnehmen kann? Klar. Eine alte Büste kommt zum Vorschein, die sieht irgendwie nach einem Politiker aus, einem Bürgermeister vielleicht. „Ich weiß nicht, wer das ist, das muss ich noch recherchieren“, sagt Sandro Porcu.

Die Büste kommt aus Leipzig. „Die habe ich einem Freund abgekauft“, sagt Sandro Porcu. Der Bildhauer mit den italienischen Wurzeln lebt seit elf Jahren in der Oberlausitz und hatte zuvor 15 Jahre als freier Künstler in einem Atelier in der Baumwollspinnerei in Leipzig gearbeitet. Als damals die künstlerischen Aktivitäten rund um die ehemalige Textilfabrik in Kirschau begannen, steuerte er den „3 Kick“ bei, einen Drei-Felder-Fußball, den Polen, Tschechen und Deutsche spielten. Er lernte den Oberlausitzer Unternehmer und Kunstförderer Karl Dominick kennen, der sagte: „Du bist ein netter Kerl, du machst schöne Sachen, ich glaube an dich“, so in etwa, erzählt Sandro Porcu. Der Unternehmer stellte das Atelier in Kirschau bereit, organisierte den Umzug und förderte ihn.

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Jetzt lebt Sandro Porcu in Sohland, hat gerade geheiratet und eine neunjährige Tochter.„Kopf hoch“ heißt ein Kunstwerk von ihm, eine Neonlicht-Installation, die an die Decke gehängt wird und momentan in der Galerie Flox in Dresden ausgestellt ist. Er hat den englischen Titel „Head up“ dafür gewählt, er ist schließlich international unterwegs, stellte in der Schweiz, Großbritannien, Österreich, Ungarn, Polen und Korea aus und bekam Kunstpreise wie in München und 2008 ein Aufenthaltsstipendium in Basel. Das „Kopf hoch“ passt eigentlich immer, sagt er. „Übrigens ist es auch gut für die Muskulatur. Das macht ja tatsächlich was.“ Die Installation entstand in der Anfangszeit in Kirschau.

Wie es ihm gerade geht? „Es ist schon ganz schön krass jetzt“, sagt er. „aber es geht mir ja nicht allein so. Es fehlt die Bühne, das Schaufenster.“ Galerien sind geschlossen, internationale Kunstmessen fallen aus, er ist oft mitgefahren. Im vergangenen Jahr haben sich seine Werke noch „recht gut verkauft“, sagt er. „Dieses Jahr ist eigentlich gar nichts passiert.“ Nun lebt er von Reserven und präsentiert seine Werke auf seiner Internetseite und im sozialen Netzwerk, bei Instagram: „Das sind die einzigen Schaufenster, die ich gerade habe.“

Immerhin: „Ein Freund von mir aus Kirschau hat eine Büste gekauft.“ Ein Unternehmen aus Sohland sponserte eine Gussform. „Was ich entdeckt habe, ist das Tauschgeschäft“, sagt er. „Die kriegen ein kleines Kunstwerk von mir und ich die Dienstleistung. Das ist optimal.“

So hat er Metallarbeiten gebraucht, die bestimmt 70 Euro gekostet hätten, dafür gab es Kunst. Im vergangenen Jahr erhielt er ein Denkzeitstipendium von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. „Das hat schon geholfen – ein bisschen“, sagt er. 2.000 Euro waren das, die bekamen sehr viele Künstler, weiß er. „Damit konnte ich eine Bronzefigur realisieren“, berichtet Sandro Porcu.

Immer wieder steckt er sein Geld in Kunstwerke. Beim „Crossover“ hat er eine Kalaschnikow und eine Krücke verbunden. Mit der Waffe ziehen die Männer in den Krieg, mit der Krücke kehren sie heim, so wird es oft interpretiert. Dazu gibt es verschiedene Modelle. Ein gusseisernes Exemplar, das in seinem Atelier steht, gefällt ihm noch nicht, das sieht irgendwie zu glatt aus. Die vorherige Version wirkte echter, die war auch ausgestellt. Für eine Ausstellung zum Thema „Terror“ in Dresden schuf er eine „Stinkbombe“ und schrieb dazu: „Fürchte dich nicht“. Sein Kommentar: „Die stinkt ja nur, da muss man sich nicht fürchten.“

Und manchmal ist es einfach ein Denker, bei Sandro Porcu „The Thinker“, der verblüfft. Er hat eine echte Ameise präparieren und in die Position eines Denkers setzen lassen, wie bei der berühmten Bronzeskulptur von Auguste Rodin „Der Denker“. Porcu fotografierte die Ameise, schuf Grafiken und formte sie mehrmals. Drei kleinere Muster stehen im Atelier. Zurzeit lässt er eine Skulptur in Bronze gießen.

Und er sucht eine Taube, eine gut präparierte, ausgestopfte. „Die kostet bei Ebay 300 Euro“, sagt er, „ich zögere.“ Über das geplante Kunstwerk will er noch nichts sagen. Nur so viel: „Das wird auch eine kinetische Arbeit.“

Dreimal in der Woche geht er ins Atelier. In der letzten Zeit hat er nicht nur künstlerisch gearbeitet. „Das kostet auch Geld“, sagt er. „Ich habe ausgemistet, da bin ich noch dabei“. Im nächsten Monat will er anfangen, neue Arbeiten zu realisieren. „Ich habe eine Virusklatsche entworfen“, berichtet Sandro Porcu, abgewandelt von einer Fliegenklatsche, klar. Zeigen kann er sie nicht, die liegt gezeichnet zu Hause. Ob er daran weiterarbeitet, weiß er noch nicht, da würde er sich ja über das Virus lustig machen.

Corona hat ihn ganz schön mitgenommen, auch finanziell. „Jetzt mache ich mir langsam Sorgen“, sagt er. „Ich gebe nur Geld für Lebensmittel aus und schöpfe aus meinen Depots, was die Materialien angeht.“ Von seiner Frau leben? „Nö, das kann ich nicht. Das würde ich nie wollen.“ Kosten für das Atelier hat er natürlich auch: „Na klar“, sagt er. „Ich bin Mieter“. Allerdings: „Die Miete ist schon recht günstig, das muss man ihm lassen“. Gemeint ist wieder Karl Dominick. Und ja: „Jeder Groschen hilft.“

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